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Zeitreisen mit der TSG: Doppelter Spieltag, halbe Aufmerksamkeit

Samstag, 13 Uhr im Dietmar-Hopp-Stadion in Hoffenheim: Die TSG empfängt in der Bundesliga den FC Bayern München.

Samstag, 15:30 Uhr in der PreZero-Arena in Sinsheim: Die TSG empfängt in der Bundesliga den FC Bayern München.

Zweimal kam es am vergangenen Wochenende binnen weniger Stunden zum Spitzenduell – zuerst bei den Frauen, dann bei den Herren. Doch wer beide Partien live im Stadion verfolgen wollte, musste eine logistische Meisterleistung vollbringen oder schlichtweg zeitreisen können.

Hoffenews war dennoch mit zwei Redakteuren bei beiden Partien vor Ort und erklärt, warum der vergangene Samstag symptomatisch für den deutschen Umgang mit dem Frauenfußball ist.

Hoffenheim vs. Bayern, die Erste

Los ging es an der Silbergasse 45 in Hoffenheim. Trotz aller Widrigkeiten und auch dank des vorbildlichen Marketings durch die TSG, die beim Kauf von Frauen-Karten per Gewinnspiel VIP-Tickets für das Herren-Spiel inklusive Bustransfer verloste, fanden sich 2.317 Fans im Dietmar-Hopp-Stadion ein – im Sitzplatzbereich waren bereits am Vorabend keine Karten mehr verfügbar.

Fünf Minuten nach der vollen Stunde pfiff Schiedsrichterin Fabienne Michel in ihre Pfeife und startete damit ein wildes Spiel, in dem die TSG überraschend durch Tine De Caigny in Führung ging. Obwohl die Gäste aus München eine Großchance nach der anderen aus der Hand gaben, drehten sie die Partie auf ihre Seite – Halbzeitstand: 1:2.

Während die TSG auch in Halbzeit zwei trotz spielerischer Unterlegenheit in Person von Chantal Hagel sehenswert zum zwischenzeitlichen Ausgleich traf, startete auf den Tribünen ein zweites Spiel. Ab der 65. Minute verließen die ersten Fans die Tribünen, wollten sie doch das Herren-Spiel in der acht Kilometer entfernten Arena in Sinsheim nicht verpassen.

Not so fun fact: Dieses Bild stammt aus dem Hinspiel, da unsere Bilddatenbank am vergangenen Samstag offenbar alle Fotograf*innen zum Herren-Spiel geschickt hat (Foto: Adam Pretty/Getty Images)

Hoffenheim vs. Bayern, die Zweite

Auch wir machten uns auf den Weg. Knapp fünf Minuten vor Ende der regulären Spielzeit verließen wir beim Spielstand von 2:3 schweren Herzens das Stadion. Während die Münchnerinnen mit dem 2:4 alle klar machten, bog unsere Mitfahrgelegenheit auf die B45 in Richtung Sinsheim ab.

Tatsächlich schafften wir es acht Minuten vor dem Anpfiff zur Partie der Herren und machten uns zu den Klängen des Badnerlieds auf den Weg zu unseren Plätzen. Doch nicht jeder hatte solches Glück. Während ich mich bis nach Sinsheim chauffieren lassen konnte, stand Kollege Jakob bei der Parkplatzsuche im Stau, obwohl er bereits weit vor mir das Dietmar-Hopp-Stadion verließ.

Am prominent beworbenen Doppelspieltag verpasste er insgesamt 30 Spielminuten – 20 bei den Frauen, zehn bei den Herren. Auch die überraschende Vertragsverlängerung von Andrej Kramaric bekam er nur über die sozialen Medien mit. Die 40 Minuten zwischen Abpfiff in Hoffenheim und Anpfiff in Sinsheim reichten einfach nicht aus. Aber hätte das nicht anders laufen können?

Vier Spiele am Sonntag, aber keine Rücksicht auf Frauenfußball

Wenngleich bereits bei der Vermarktung der Spiele als „Doppelspieltag“ hätte klar sein können, dass es nahezu ein Ding der Unmöglichkeit sein würde, beide Spiele in voller Länge zu verfolgen, trifft den Klub bei der Terminierung keine keine Schuld – denn das ist die Aufgabe der Verbände.

Bei der Gestaltung des Spielplans wird gerne Rücksicht genommen: auf lokale Feiertage, auf Mai-Demos, auf Europapokal-Teilnehmer. Dies führte am vergangenen Wochenende sogar zu dem Kuriosum, dass vier Spiele der Herren-Bundesliga inklusive Konferenz am Sonntag stattfanden, da man noch im Dezember davon ausgegangen war, dass Borussia Dortmund nicht aus der Europa League ausscheiden würde.

Auch dass RaBa Leipzig aufgrund von Wladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine ein Freilos erhalten und somit nicht auf ein Sonntagsspiel angewiesen sein würde, war nicht wirklich vorherzusehen. Was hingegen sehr wohl ersichtlich war, war der Spielplan der Flyeralarm Frauen-Bundesliga.

Es wäre ein leichtes gewesen, das Spiel der Damen-Mannschaften auf den Sonntag zu legen oder das Spiel der beiden Herren-Mannschaften – ihrerseits vor dem Spieltag Erst- und Vierplatzierte der Tabelle – als sogenanntes Top-Spiel am Samstagabend auszutragen.  Die Fans hätten dreieinhalb Stunden Zeit gehabt, um von Hoffenheim nach Sinsheim zu kommen und das TV-Publikum hätte ein echtes Spitzenspiel als Einzelübertragung verfolgen können.

Stattdessen durften die Zuschauer*innen um 18.30 Uhr den letzten biederen Auftritt von Tayfun Korkut als Hertha-Trainer gegen Borussia Mönchengladbach begutachten – beide Mannschaften im Tabellenkeller, beide ohne eigene Frauenmannschaft in der höchsten Spielklasse.

Top-Spiel mit Top-Botschaften: Zumindest dieses Bild, das der DFB netterweise zur Verfügung stellt, konnten wir außerhalb unserer Datenbank finden (Foto: Twitter/@DFB_Frauen)

Das Hinspiel sah ein Millionenpublikum

Eine solche Fehlplanung ist nichts Neues im deutschen Fußball und zeigt, welchen niedrigen Stellenwert der Frauenfußball hierzulande weiterhin hat. Während selbst die UEFA beim neuen Modus der Champions League darauf achtet, dass Herren und Damen nicht in Konkurrenz stehen, verpennen der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga die einfachsten Zeitansetzungen.

Dabei zeigt sogar das Duell zwischen Hoffenheim und Bayern, wie es laufen kann, wenn man es nicht im Terminkalender versteckt. So sahen ganze 1,53 Millionen TV-Zuschauer*innen das Hinspiel, das während einer Länderspielpause der Herren live an einem Sonntag um 18 Uhr in der ARD übertragen wurde.

Doch warum geht das nicht immer so? Ein Problem ist die Absprache zwischen dem Verband, der weiterhin die Schirmherrschaft über den Frauenbereich hat, und dem Zusammenschluss der 36 Profimannschaften, der die ersten beiden Bundesligen der Herren organisiert.

Die Rolle des DFB

Gerade der DFB ist vor allem im Vergleich zur englischen FA nicht als Vorreiter in Sachen Frauenfußball bekannt. Einige forderten daher bis zuletzt eine Ausgliederung der ersten beiden Spielklassen, wie es schon bei den Herren seit zwei Jahrzehnten der Fall ist.

Im vergangenen Jahr stellte der Fußball-Verband Rheinland einen entsprechenden Antrag, beschlossen wurde beim DFB-Bundestag am vergangenen Freitag jedoch lediglich eine „Weiterentwicklung innerhalb des Verbands“.

Dazu schaffte der DFB den neuen Posten der Vizepräsidentin für Gleichstellung und Diversität, den Ex-Nationalspielerin Célia Šašić übernehmen wird. Es wurden „Leitplanken zur Stärkung der Frauen-Bundesligen“ bis 2025 beschlossen. Schwerpunkte sollen dabei in den Bereichen Marketing, Medien und Spielbetrieb liegen, um die Sichtbarkeit des Frauenfußballs zu erhöhen. Eine wichtige Stellschraube sind auch die neuen TV-Verträge ab der Saison 2023/24 sowie die Stärkung der finanziellen und personellen Ressourcen.

Ob diese angekündigten Maßnahmen ausreichen, um dem Frauenfußball die Aufmerksamkeit zuteilkommen zu lassen, die er verdient hat, bleibt abzuwarten. Eines ist jedoch sicher: Sollten solch fatale Zeitansetzungen wie am vergangenen Samstag die Regel bleiben, wird der deutsche Frauenfußball auch weiterhin im internationalen Vergleich hinterherhinken.

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

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