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Wo ist der Schreuderball?

„Der Verein würde gerne sehen, dass wir mutigen und offensiven Fußball spielen. Dann gehen auch die Zuschauer zufrieden nach Hause.“ – So beschrieb Alfred Schreuder am 08. August vor seinem ersten Pflichtspiel als Cheftrainer seine Aufgabe bei der TSG Hoffenheim. Mehr als einen Monat später ist von diesem Anspruch noch wenig zu sehen.

Statt dem Hoffenheimer Spektakelfußball der letzten Jahre wirkte die Mannschaft des Niederländers zuletzt ideenlos. Als Konsequenz stehen nach vier Bundesligaspielen ganze drei Spiele ohne eigenen Torerfolg zu Buche – einmalig in zehn Jahren Hoffenheimer Bundesligageschichte. Aus dem Spiel gelang Schreuders Spielern sogar lediglich ein Treffer. Ein Offensivkonzept ist kaum zu erkennen.

72%, 68%, 54%, 25%, 68% – Mit der Ausnahme des Leverkusen-Spiels hatte die TSG weiterhin – teils deutlich – mehr Ballbesitz als der Gegner. Während sie unter Nagelsmann durch schnelle Tempoverlagerungen, ein gutes Positionsspiel und schöne Kombinationen mit dem Ball eine enorme Wucht entfachen konnten, wird der Ballbesitz unter Schreuder zum Selbstzweck.

  TSG Hoffenheim ø Bundesliga
Tore 3 6,68
Schüsse / Spiel 12,25 13,32
Ballbesitz 54% 50%
Pässe / Spiel 467 442
Davon angekommen 381 353
Passquote 83 % 78%
Laufleistung 112,83 km 114,92 km
Gewonnene Zweikämpfe 52,74 % 50 %

„Viele Freiheiten“ – wenig Konzept

So wusste die Mannschaft des 46-Jährigen nicht so recht etwas mit dem Ball anzufangen. Das Zusammenspiel im letzten wirkt oft planlos. „Meine Spieler haben viele Freiheiten“, erklärte Schreuder Ende Juli zu seinem Offensivkonzept: „Der große Rahmen muss stimmen, den können wir vorgeben.“ Derzeit ist das Hoffenheimer Angriffsspiel jedoch vor allem vom Zufall geprägt.

Schreuders Team fällt es sichtlich schwer, sich in das letzte Spielfelddrittel zu kombinieren. Es fehlt nicht nur an Ideen, sondern vor allem an Tempo. 222 Sprints zog Hoffenheim unter Nagelsmann im Schnitt pro Spiel an und brachte sich so immer wieder in aussichtsreiche Abschlusssituationen – unter Schreuder sind es ganze 60 Sprints weniger. Dass Belfodils und Bebous Tempoläufe hinter die Kette weiter eine Waffe sein können, zeigten sie noch zu selten.

Dem magischen Dreieck fehlt die Balance

Dem „Schreuderball“ fehlt zudem die Tiefe. Durch die Modifizierung des Nagelsmann’schen 5-3-2 zu einem System mit zwei Sechsern und einem Zehner statt einem Sechser und zweier Achter sind die Halbräume schlecht besetzt. Dort wo Demirbay und Amiri im vergangenen Jahr den Gegner schier zur Verzweiflung gebracht hatten, ist nun Dennis Geiger allein auf weiter Flur. So klafften zwischen Geiger und seinen Kollegen große Lücken. Schreuder ist sich dem Problem bewusst und forderte bereits mehrfach: „Einer der zwei Sechser muss mit nach vorne.“

Mit dem Dreieck Rudy-Grillitsch-Geiger verfügt Schreuder derweil über ein enorm spielstarkes Mittelfeld. Ein echter Zehner fehlt jedoch. In seiner ungewohnten Rolle zwanzig Meter vor seiner angestammten Position im defensiven Mittelfeld fühlt sich Geiger sichtlich unwohl und blieb bisher trotz enormen Potenzials eher blass. Andrej Kramaric, für den die Rolle als Spielmacher hinter den Spitzen wie geschaffen scheint, doktort derweil seit Beginn der Vorbereitung an einer hartnäckigen Knieverletzung. Die gute Nachricht: Der Kroate befindet sich seit dieser Woche im Training und könnte Schreuder bald wieder zur Verfügung stehen.

Auch eine einfache Systemumstellung ist für die Probleme kein Allheilmittel. So zeigte die TSG gegen Frankfurt und Bremen im 3-4-3 und auch in der zweiten Halbzeit gegen Freiburg im 4-3-3 ähnliche Unzulänglichkeiten. Vor allem die Staffelung der (defensiven und offensiven) Flügelspieler stimmte nicht, sodass beim Sieg gegen Bremen zum Teil fünf Spieler auf einer Linie standen – Dreiecksbildung Fehlanzeige.

Kein Tedesco 2.0

Während es in der Offensive also hapert, stabilisierte Schreuder zumindest temporär die in Verruf geratene Hoffenheimer Defensive. Seine Vorgehensweise ist dabei deutlich pragmatischer als noch unter Nagelsmann. So opferte er für das 0:0-Untentschieden in Leverkusen seinen Anspruch auf Offensivfußball und ließ seine Mannschaft mit Mann und Maus das eigene Tor verteidigen. Die Taktik fruchtete. Trotz 20 Torschüssen, 19 Eckbällen und 75% Ballbesitz konnte die Werkself gegen die TSG keinen Stich setzen. Hoffenheimer Angriffe waren derweil eine Seltenheit.

Während der Matchplan im Einzelfall durchaus nachvollziehbar und vertretbar ist, darf er jedoch in Zukunft keine Dauerlösung sein. Sollte der nüchterne Pragmatismus zur Tugend werden, läuft Schreuder Gefahr, dass die eigenen Prinzipien immer mehr verwässern. Als mahnendes Beispiel dient dabei Domenico Tedesco der es auf Schalke nach seinem kurzzeitigen Versuch, einen offensiveren Ballbesitzfußball zu etablieren, aufgab sein extrem defensives – und zeitweise auch erfolgreiches – System weiterzuentwickeln.

„Wir brauchen Mut“ – Das forderte Schreuder bei seinem Amtsantritt immer wieder von seinen Spielern ein. Es bleibt zu hoffen, dass er seinen eigenen Rat beherzigt. Als nächste Gegner warten mit Wolfsburg, Gladbach und dem FC Bayern drei Schwergewichte. Ob wir dann endlich den wahren „Schreuderball“ zu sehen bekommen, bleibt abzuwarten.

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

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