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#SchreuderOut – Oder doch mit Schreuder nach Europa?

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Die TSG Hoffenheim erlebte zwischen 2016 und 2019 ihre erfolgreichsten Jahre. Jugendtrainer Julian Nagelsmann gelang es die TSG aus dem Abstiegskampf zu befreien und die Truppe aus dem Kraichgau zu einem Champions-League-Aspiranten zu formen. Als Nagelsmann dann im Mai letzten Jahres seinen Abgang bekannt gab, stand eines fest: Wer auch immer sein Amt übernehmen wird, würde es enorm schwer haben.

Schaut man als Außenstehender auf die TSG, so würde es wohl zunächst schwerfallen, den Unmut der Fans in dieser Saison nachzuvollziehen: Nachdem die TSG letztes Jahr auf Rang neun knapp die Europaleague verpasste, verließen die Kraichgauer neben Erfolgs-Coach Julian Nagelsmann, auch Leonardo Bittencourt, Vincenzo Grifo, Joelinton, Nadiem Amiri, Kerem Demirbay und Nico Schulz. Stand jetzt steht Hoffenheim auf dem siebten Tabellenplatz und ist dabei mit 42 Punkten sogar punktgleich mit dem Tabellensechsten – VfL Wolfsburg. 

Nach Siegen wie gegen den FC Bayern in München, gegen Borussia Dortmund und Bayer 04 Leverkusen zu Hause, gelang es Coach Alfred Schreuder sogar, gleich mehrere Bundesliga-Größen zu schlagen. Doch trotzdem ist die Haltung eines Großteils der TSG-Anhänger eindeutig: Der Hashtag #SchreuderOut sowie Wünsche nach dem Abgang des Trainers sind unter fast jedem Spiel-Post der TSG auf Social-Media zu lesen. Wir haben uns gefragt, warum eigentlich?

Unattraktive Spielweise…

Einer der am häufigsten genannten Punkte der Schreuder-Kritiker ist die „unattraktive Spielweise“ Da sich Attraktivität im Spiel nur subjektiv bestimmen lässt, beurteilen wir diesen Kritikpunkt anhand von Statistiken. Der TSG gelangen bislang 40 Treffer, 48 kassierten sie. Man siegte zwölf und verlor elf Mal, sechs Mal trennte man sich Unentschieden. Von den zwölf Erfolgen, endeten sieben Siege mit nur einem Tor Vorsprung, gegentorlos gewann man lediglich fünf Mal.

Zum gleichen Zeitpunkt in der letzten Saison hatten die Kraichgauer schon 20 Tore mehr und neun Gegentore weniger auf dem Konto. Diesen erheblichen Unterschied bekamen dabei vor allem ausgerechnet die heimischen Zuschauer zu spüren: Wohingegen man in der Auswärts-Tabelle mit 23 Punkten aus 14 Partien auf dem siebten Platz verweilt, konnte man zu Hause aus 15 Spielen lediglich 19 Punkte einfahren (Platz 12 in der Heim-Tabelle). Hierbei sahen die Zuschauer der PreZero-Arena neben sechs Siegen auch acht Niederlagen. 

Nachdem sich Schreuder im Sommer letzten Jahres noch mit „Wir wollen sehr offensiv spielen und den Zuschauern ein schönes Gefühl bereiten“ zitieren ließ, war es denkbar, dass sich die Enttäuschung auch in den Zahlen wiederspiegeln würde. Einzig und allein die Spiele gegen Borussia Dortmund und den FC Bayern fanden vor ausverkauftem Haus statt. Folgende Grafik erstellten wir nach neun Heimspielen (also noch vor der Partie gegen den FC Bayern). Der aktuelle Schnitt exklusive der Geisterspiele liegt bei Heimspielen bei 26.741 (lt. statista.com).

Der TSG scheint es schwerzufallen mit eigenem Ballbesitz – wie er bei Heimspielen tendenziell mehr erwartet wird – umzugehen. So ist es nicht verwunderlich, dass man zu Hause die ein oder andere unerwartete hohe Niederlage einstecken musste, seien es die 0:3-Pleite gegen den SC Freiburg und Borussia Mönchengladbach, die 1:5-Blamage in Überzahl gegen Mainz, das 2:4 gegen den FC Augsburg, oder letztlich die 0:6-Klatsche gegen die Bayern.

…oder einfach nur Pech?

Dabei stellt das Herausarbeiten von Chancen jedoch selten ein Problem dar. Ganz im Gegenteil. Viel mehr bildet die Chancenverwertung die zentrale Problematik. Auch das lässt sich statistisch nachweisen:

Die sog. „Expected Goals“ messen die Qualität eines Schusses anhand verschiedener Variablen. Dabei wird jeder Chance die Wahrscheinlichkeit auf einen möglichen Torerfolg zugerechnet. Wie die Website www.understat.com darlegt, hätten so zum Beispiel die Spiele gegen Hertha BSC (0:3) und Paderborn (1:1) demnach rein nach der Qualität der Chancen auch als 3:1- und 2:1-Siege enden können. 

Somit scheint es wohl ein wenig vermessen, die verhältnismäßig geringe Chancenausbeute der Hoffenheimer auf die Spielweise Schreuders zu reduzieren und dabei die Chancenverwertung außen vorzulassen. Denn für die Chancenverwertung ist nun mal nicht der Trainer, sondern die Spieler verantwortlich.

Den Kader wieder aufgebaut…

Und eben jene Spieler führen zur nächsten großen Baustelle: der aktuelle Kader. Mit Joelinton und Amiri aus der Offensive, Demirbay aus dem Mittelfeld und Schulz aus der Defensive, verloren die Kraichgauer im vergangenen Sommer aus nahezu jedem Mannschaftsteil elementar wichtige Spieler. Dass die daraufhin verpflichtenden Personalien wie Skov, Samassekou, Adamyan, Stafylidis, Dabbur und Bruun Larsen (letzten 2: Winterneuzugänge) dabei eine gewisse Eingewöhnungszeit brauchen würden, war klar.

Parallel etablierte Coach Schreuder mit Maximillian Beier, Melayro Bogarde, Ilay Elmkies und vielen weiteren Beispielen zunehmend junge Talente aus der Jugend in den A-Kader. Dass die TSG nun trotz derartig vielen strukturellen Veränderungen des Kaders auch diese Saison im Rennen um die Europaleague ist, müsste dem holländischen Coach somit doch aus Sicht der Fans hoch angerechnet werden. 

…oder doch zu experimentell?

Doch auch bei den taktischen Aufstellungen des Trainers spalten sich in der Fan-Gemeinde die Geister. Sowohl durch experimentelle Aufstellungen sowie häufiges Rotieren ohne Etablieren einer finalen Aufstellung zum Ende der Saison, macht sich auch in den Kommentarspalten nach Veröffentlichen der Aufstellung Unmut breit. Prominente Beispiele für ungewöhnliche Aufstellungen wären den Einsatz des offensiven Robert Skov (ursprünglich RM/ST) auf der Linksverteidiger-Position, oder Kevin Akpoguma (eigentlich IV) auf dem linken Flügel.

Hierbei muss man Schreuder auch einige Erfolge zugestehen: Skov erzielte als Linksverteidiger regelmäßig ordentliche Leistungen und auch die Viererkette bestehend aus vier nominellen Innenverteidigern am letzten Spieltag, ging in sich auf. Trotz dessen sind die dauerhaften Wechsel der Startformation für die Stabilität des Teams wenig förderlich und stoßen bei den Fans zunehmend auf Unverständnis.

Falsches Auftreten des Trainers…

Neben der Leistung an sich, bildet die Kommunikation des Trainers für dessen Kritiker die größte Angriffsfläche. „Auf dem Platz keine Leistung bringen, aber am Mikrofon Lobeshymnen singen“ – Dieser Ausdruck war auf einem Banner der Fangruppierung Young Boyz 07 zu lesen, welches am Tag nach dem 1:1 in Paderborn am Parkplatz der TSG-Geschäftsstelle in Zuzenhausen prangte. Das Spiel in Paderborn stellte das achte sieglose Spiel in Folge dar und verstärkte somit die Enttäuschung der Fans, da sich diese sich nach zwei-monatiger Fußballpause gegen eine schlagbare Hertha und Tabellenschlusslicht Paderborn schlicht und ergreifend mehr erhofft hatten.

Wie es auch die dazugehörige Stellungnahme der Gruppierung bestätigte, wurde hierbei das Auftreten Schreuder sowie das seiner Spieler auf Pressekonferenzen nach Misserfolgen kritisiert. Dieser sowie seine Spieler neigen laut den Young Boyz oft zu „geschönten Analysen und wiederkehrenden Phrasen“ Schreuder räumte in den folgenden Tagen auch ein, dass er diese Kritik verstehen, seiner Mannschaft allerdings im Bezug auf den Einsatz wenig vorwerfen könne. 

Die verhältnismäßig rationalen und wenig emotional aufgeladenen Pressekonferenzen des Holländers nach Misserfolgen stellen gerade für TSG-Fans einen herben Kontrast zu dessen Vorgänger Nagelsmann dar, welcher dafür berüchtigt war, seine Mannschaft sowie sein eigenes Handeln auch öffentlich lautstark zu kritisieren. Diese klaren Positionierungen scheinen viele Anhänger zu vermissen.

…oder doch verwöhnte Fans?

Mit durchschnittlichen 1,5 Punkten pro Spiel (lt. transfermarkt.de) ist Alfred Schreuder einer der erfolgreichsten Trainer, den Hoffenheim je hatte und könnte den Wert Nagelsmanns (1,53) sogar noch in dieser Saison überbieten. Ihn trifft das Schicksal, welches jeden Trainer-Erben eines erfolgreichen Klubs trifft: Er wird ständig an den Erfolgen des Vorgängers gemessen und mit ihm verglichen.

So ist die Erwartungshaltung an den Coach von vorne herein enorm groß: Europa. Derart formulieren es zumindest die Fans. Wenn man sich überlegt, dass Nagelsmann 2016 noch knapp den Klassenerhalt sicherte, ist es beachtlich, wie stark sich die Erwartungen im Kraichgau innerhalb kürzester Zeit anpassten. 

Und auch die Enttäuschung über das „Schönreden von Leistungen“ auf Pressekonferenzen, tritt bei den TSG-Fans, wie schon erwähnt, vor allem aufgrund des starken Kontrast zum medialen Auftreten des Vorgängers Nagelsmann auf. Und dabei muss klargestellt werden, dass das Kritisieren der Leistungen intern natürlich verpflichtend ist und zu jedem Trainerdasein zählen sollte. Wie er diese Kritik allerdings nach außen bringt, ist jedem Coach selbst überlassen. Ihn aufgrund dessen derart zu diffamieren, ist unangebracht.

Wohin geht der Weg?

Letzten Endes wird ein Trainer eben doch immer an einem gemessen: der Leistung. Und diese erlebt aktuell wieder einen Aufwärtstrend. Aus den letzten drei Partien glückten sieben Punkte und somit steht Hoffenheim nach 29 Spieltagen auf dem siebten Tabellenplatz punktgleich mit dem VfL Wolfsburg auf Rang Sechs. Das Restprogramm beinhaltet neben drei eigentlichen Pflichtsiegen gegen Fortuna Düsseldorf (A), den FC Augsburg (A) und Union Berlin (H), auch zwei Top-Spiele gegen den Tabellenzweiten Dortmund (A) sowie -dritten Leipzig (H). 

Das Restprogramm des VfL Wolfsburg sowie das der TSG-Verfolger Berlin und Freiburg sind dabei jedoch vergleichbar anspruchsvoll. Das Ziel Europa scheint damit noch absolut im Rahmen des Möglichen zu sein, vor allem falls ein Sieg aus den beiden Top-Spielen gegen RB oder Borussia Dortmund gelingt. 

Fazit: #SchreuderOut oder mit ihm nach Europa?

Diese Frage wird sich wohl final erst nach dem 34. Spieltag klären können, wenn die Zukunft der TSG tabellarisch diagnostizierbar ist. Festzuhalten ist allerdings, dass Schreuder definitiv kein schlechter Trainer ist – punktuell könnte er sogar zu einem der besten werden. Und nach Niederlagen in dieser Saison seinen Rausschmiss zu fordern, wäre wohl voreiliges Handeln, welches in Fußball-Trainerdebatten selten gut endete, man denke nur mal an die zig Entlassungen bei Vereinen wie dem HSV oder dem VfB Stuttgart.

Dennoch ist es ebenfalls zu kurz gedacht, die Kritiker als „verwöhnte Fans“ zu bezeichnen und die sichtbaren Problematiken im Spiel Schreuders auf Pech trotz Einsatzes zu reduzieren. Denn auch wenn der Kader der TSG Zeit braucht und nicht vorschnell geurteilt werden sollte, steht er mit einem Gesamt-Martkwert von ca. 192 Millionen Euro (lt. transfermarkt.de) an siebter Stelle im Bundesliga-Vergleich – noch vorm Konkurrenten aus Wolfsburg.

Ist eine Qualifizierung für Europa damit Pflicht? Nein, meiner persönlichen Meinung nach sicherlich nicht. Man muss von Hoffenheim erwarten dürfen, dass sie um diese Ränge mitspielen und alles geben, ihre Ziele zu verwirklichen. Viel wichtiger scheint es mir nach dieser Analyse festzustellen, dass der Fan-Gemeinde der TSG Struktur, Einsatz und offene Kommunikation wichtig sind. Beide Seiten müssen daher Geduld und Verständnis zeigen, um langfristig keine weitere Distanz von den Fans zur Mannschaft zu riskieren.

Die nächsten Wochen wird sich die sportliche Zukunft der TSG – und damit auch die Alfred Schreuders – entscheiden. Deshalb gilt wie immer:  Einen kühlen Kopf bewahren, nicht voreilig urteilen und vor allem abwarten…

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