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Schadensbegrenzung gegen Selbstbewusstsein

Nach dem Debakel gegen Schalke 04 ist die TSG Hoffenheim am Samstag (15.30 Uhr/Sky) in der Männer-Bundesliga gegen Arminia Bielefeld gefragt. Vor dem Duell mit dem Aufsteiger haben wir mit Podcasterin (2. Bundesliga Podcast) und Bielfeld-Anhängerin Eva-Lotta Bohle (Twitter: @eva_bohle) gesprochen. Dabei erklärte sie uns, wie es die Arminia nach schweren Jahren in der 3. Liga zurück in die höchste deutsche Spielklasse geschafft hat und wie man sich als Fan fühlt, wenn man nach elfjähriger Bundesliga-Abstinenz bei der Rückkehr nicht ins Stadion darf. Zudem sprach sie über die Chancen der Bielfelder im Abstiegskampf, das anstehende Duell und Fußballgott Sven Schipplock.

Im Jahr 2009 stieg Bielefeld aus der Bundesliga ab und musste zwei Jahre später den Gang in die Drittklassigkeit antreten. Neben der sportlichen Krise war der Klub dabei auch finanziell sehr angeschlagen. Was waren die wichtigsten Schritte, um die Arminia dorthin zu bringen, wo sie heute steht?

Eva-Lotta Bohle: Als allererstes steht da Markus Rejek im Fokus, der seit Oktober 2017 kaufmännischer Geschäftsführer von Arminia Bielefeld ist. Rejek sagte später in einem Interview, dass er den Job eventuell nicht angetreten hätte, hätte er gewusst, wie schlecht es wirklich finanziell um Arminia stand. Im Dezember desselben Jahres war dann tatsächliche ein Eingriff finanzieller Art notwendig, um den Verein vor Zahlungsunfähigkeit zu schützen. Daraufhin gründete sich das sogenannte „Bündnis Ostwestfalen“, ein Zusammenschluss regionaler Unternehmen, wie beispielsweise Schüco, die Böllhoff-Gruppe und Dr. Oetker, die der Arminia vier Millionen Euro Kapital zu Verfügung stellten. Des Weiteren wurde die Schüco-Arena zunächst für eine Dauer von 15 Jahren an das „Bündnis Alm GmbH“ verkauft, deren Mitglieder sich auch im Bündnis Ostwestfalen wiederfinden.

Ein weiterer wichtiger Schritt war den Schuldenschnitt, an dem sich auch die Stadt Bielefeld beteiligte und der schlussendlich dazu führte, dass Arminia Bielefeld seit November 2018 netto-finanzschuldenfrei ist. Wichtig ist noch zu erwähnen, dass das Bündnis keinerlei Einfluss auf die sportlichen Entscheidungen hat und 50+1 sowie den Erhalt der Vereinsstruktur stärken will.

Ein letzter wichtiger Faktor war sicherlich auch eine gewisse Konstanz im oberen Drittel der 2. Bundesliga, die ein wenig Planungssicherheit garantieren konnte.

Für Fans, die sich wenig mit der 2. Bundesliga beschäftigen, kam der Aufstieg in der vergangenen Spielzeit überraschend. Ab wann hast du wirklich daran geglaubt, dass die Rückkehr klappen könnte?

Eva: Für mich waren das tatsächlich viele Situationen, die immer wieder kleine Signale sowohl an Fans als auch an die gegnerischen Mannschaften geschickt haben: Angefangen von dem Sieg gegen Bochum als Auftakt in das Jahr 2020, nachdem die Mannschaft vor Weihnachten die zweite (und letzte) Niederlage gegen St. Pauli hinnehmen musste. Der 6:0-Sieg über Jahn Regensburg trotz des Ausfalls von Voglsammer und der damit nicht eingetretenen, prognostizierten Krise für den DSC von Medien und Anhänger:innen gegnerischer Vereine. Dann waren es die Siege in den Spielen gegen Hannover und Wiesbaden, in denen Bielefeld nicht zwingend eine gute Leistung gezeigt hat, es dennoch für einen Sieg gereicht hat.

Ab einem bestimmten Zeitpunkt war die Gewissheit da, dass ein Punktgewinn eigentlich immer möglich war und das haben die Fans auch gespürt. Die vorläufige Gewissheit hatte ich dann nach dem Unentschieden in Stuttgart, obwohl danach dann durch die Unterbrechung der Saison doch leise Zweifel aufkamen, ob man es noch ein drittes Mal schafft, gut in einen Abschnitt der Saison zu starten. Das letzte Ereignis war Sven Schipplocks Siegtreffer in der letzten Minute gegen Kiel. Danach war dann auch mit Blick auf die Tabelle der Glaube an den Aufstieg soweit gefestigt, dass es nicht mehr so weit weg war.

Nach elf Jahren zurück in der Bundesliga. (Foto: Stuart Franklin/Getty Images)

Wie schlimm ist es als Fan, wenn man bei der ersten Bundesliga-Saison seit 2009 dann nicht ins Stadion darf?

Eva: Es ist schon ziemlich traurig, weil es für mich auch die erste Bundesliga-Saison ist, die ich wirklich aktiv so mitbekomme. Ich war zwar als Kind auch einige Male auf der Bielefelder Alm, hatte da aber noch nicht den Bezug zu dem Verein, den ich jetzt habe. Es war schon ein wenig unwürdig, die Heimspiele gegen Bayern und Dortmund vorm Fernsehen zu schauen und sich gleichzeitig vorzustellen, wie es hätte sein können. Und natürlich ist es auch so, dass gerade bei einem Verein wie Bielefeld die Fans eine große Rolle spielen, um vielleicht doch in manchen Spielen eine zusätzliche Motivation zu geben.

Trainer Uwe Neuhaus ist schon lange eine feste Größe im deutschen Profifußball, diese Saison ist dennoch seine erste in der Bundesliga. Was zeichnet ihn aus?

Eva: Im Vordergrund steht natürlich die Art und Weise, wie er sein Team ein Spiel aufbauen lassen will: In Ruhe von hinten heraus statt lange Bälle nach vorne. Dafür ist sowohl ein gutes Zusammenspiel von Innenverteidigern und Torwart als auch das Fallenlassen der Sechser notwendig. Das ging in der 2. Liga weitestgehend gut, da die meisten Vereine dieser Liga nicht so hoch pressen, beziehungsweise das Pressing nicht mit dem in der Bundesliga zu vergleichen ist. Vor allem Kapitän Fabian Klos berichtete einige Male davon, wie wichtig Neuhaus das Einstudieren und Kennen der Abläufe ist. Es ist meistens auch eher ungewöhnlich, dass er viele Wechsel an der Startelf vornimmt, da er auf eine gewisse Kontinuität dieser bekannten Abläufe setzt.

In der Bundesliga zeigt er bisher aber auch, dass er seinen klassischen Spielstil anpassen kann und inzwischen ist Arminias Aufbauspiel ein Mix dieses ruhigen Spielaufbaus von hinten und langen Bällen nach vorne, um das Risiko zu verringern, zu viele Fehler im Aufbauspiel zu machen.

Mit Sven Schipplock hat die Arminia einen ehemaliger Hoffenheimer in den Reihen. Wie macht sich der Top-Joker auf der Alm?

Eva: Sven Schipplock hatte einen sehr schwierigen Start bei der Arminia, da er durch viele Verletzungen immer wieder zurückgeworfen wurde und es auch eher schwierig war, am Duo Voglsammer/Klos vorbeizukommen. Allerdings zeigt er seit gut einem Jahr, wie wichtig er für das Team sein kann, wenn er in Form ist und immer wieder Impulse als Einwechselspieler geben kann, prominentestes Beispiel dafür der angesprochene Siegtreffer gegen Kiel. Schipplock hatte in der Bundesliga auch bereits einige Startelf-Einsätze, man hat allerdings immer ein bisschen das Gefühl, dass er als Joker der Mannschaft besser helfen kann, ist aber als Einwechselspieler unter Neuhaus fast wöchentlich gesetzt und erzielte bereits eins der zehn Saisontore von Arminia. Ich denke, dass er aufgrund seiner Erfahrung in der höchsten deutschen Spielklasse im Vergleich zum Rest der Mannschaft, schon ein Teil zu einem möglichen Verbleib in der Bundesliga beitragen kann.

Auch in Bielfeld vornehmlich als Joker im Einsatz: Fußballgott Sven Schipplock. (Foto: imago images)

Als Mannschaft mit dem geringsten Etat aller Bundesligisten ist die Arminia als Abstiegskandidat Nummer eins in diese Spielzeit gegangen. Was gibt dir Hoffnung, dass der Klassenerhalt dennoch machbar ist?

Eva: Die Hoffnung darauf, dass es zu diesem Zeitpunkt der Saison mehrere Vereine gibt, die sich mit dem Thema Abstiegskampf beschäftigen müssen, bei denen der Druck auf einen Verbleib in der Liga um einiges größer ist als bei Bielefeld: Hier erwartet niemand, dass der Klassenerhalt zu Beginn der Saison ein einfaches Unterfangen ist und das Festhalten an Uwe Neuhaus trotz Negativrekord von Niederlagen in der Bundesliga, zeigt auch, wie die Offiziellen des Klubs dazu stehen, in meinen Augen zumindest. Eventuell ist es auch die Hoffnung, dass das volle Potenzial gerade im Bereich der Offensive noch nicht vollständig ausgeschöpft wird und man sich da eventuell noch steigern könnte.

Laut transfermarkt.de gab Bielefeld im Sommer nur 500.000 Euro für Neuzugänge aus. Welche Spieler tun sich in dieser Saison besonders als Leistungsträger hervor?

Eva: Im Mittelpunkt steht hier zunächst der Leihspieler Ritsu Doan, dessen Fähigkeiten am Ball nicht nur Bielefeld-Fans verzaubert. Man sieht bei ihm auch eine stetige Steigerung im Bereich der Teamfähigkeit, die zu Beginn der Saison noch ausbaubar war. Ein weiterer Spieler ist Amos Pieper, der in der Innenverteidigung gesetzt ist, wenn er nicht verletzt ausfällt. Pieper bringt trotz seiner 22 Jahre schon ein hohes Maß von Spielverständnis und Ruhe mit und er trotz einiger Fehler ein wichtiger Teil der Bielefelder Abwehr ist. Ebenfalls Teil dieser Abwehr ist Torhüter Stefan Ortega Moreno, der sowohl bei Eins-gegen-Eins-Situationen als auch als Assist-Geber ein wichtiges Puzzleteil für eine gewisse Stabilität sorgt. Auch Kapitän Fabian Klos spielt trotz geringer Torausbeute dahingehend als Leistungsträger eine zentrale Rolle, da er weiß, wie er seinen Körper einsetzen kann und versucht, viele Bälle durch das Gewinnen von Kopfballduellen festzumachen.

Fast zehn Jahre bei der Arminia: Kapitän Fabian Klos. (Foto: Martin Rose/Getty Images)

Nach den Siegen gegen Schalke und Hertha BSC konnte sich die Arminia zuletzt erstmals seit dem 7. Spieltag von den Abstiegsrängen lösen. Was waren dabei die entscheidenden Faktoren?

Eva: Ich würde tatsächlich sagen, dass Bielefeld im Endeffekt das Team war, das den Sieg mehr wollte. Das klingt zunächst etwas abgedroschen, aber generell steigert sich das Team in der zweiten Halbzeit in einem Großteil der Spiele und drängt damit die gegnerische Mannschaft immer weiter in die eigene Hälfte. Für Bielefeld war es wichtig, bisher fast alle Spiele (ausgenommen gegen Werder Bremen) gegen direkte oder indirekte Konkurrenten im Abstiegskampf zu gewinnen und diese sogenannten Sechs-Punkte-Spiele für sich zu entscheiden.

Ein weiterer Faktor ist aber natürlich auch, dass gerade Mainz und Schalke auch eher langsam Punkte sammeln und zwei Siege in drei Spielen schon für einen Unterschied in der Tabelle sorgen können.

Zwei Duelle gab es bisher zwischen der TSG und Bielefeld, beide konnte Hoffenheim klar für sich entscheiden (2:0 und 3:0). Der Trend spricht derzeit aber gegen das verletzungsgeplagte Hoffenheim. Welche Chancen rechnest du dir für das Spiel aus?

Eva: Trotz der Verletzungen ist Hoffenheim, was individuelle Spielklasse betrifft, Bielefeld überlegen und wird natürlich nach der Niederlage auf Schalke auf Schadensbegrenzung aus sein. Die Bielefelder gehen garantiert mit einem gewissen Grad von Selbstbewusstsein nach dem Sieg gegen Hertha in dieses Spiel, daher hoffe ich, dass man an der Leistung der zweiten Halbzeit anknüpft und man eventuell zum ersten Mal in dieser Saison zwei Spiele hintereinander gewinnen könnte. Sollte eine ähnliche Leistung wie gegen die Hertha gelingen und die wenigen Chancen, die sich Bielefeld momentan erspielt, zum Torerfolg führen, dann ist ein Punktgewinn auf jeden Fall drin.

Was ist dein Tipp?

Eva: 1:1.

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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