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Ein Juwel im Kraichgau – Ryan Sessegnon im Portrait

Barcelona, Liverpool, Manchester United, Manchester City, Chelsea, Everton, Ajax Amsterdam, Juventus Turin, Inter Mailand, Paris-Saint-Germain, Celtic Glasgow, Bayern München, RB Leipzig, Borussia Dortmund, Hertha BSC. Das ist die Liste der Mannschaften, die in der Öffentlichkeit bereits mit ihm in Verbindung gebracht wurden. Die Liste derer, die sich Englands „Top-Talent“ unbedingt sichern wollten.

Nach einem enttäuschenden Jahr bei Tottenham hätte es ihn also in jede europäische Spielklasse ziehen können, in der er wohl bei nahezu jedem Topklub untergekommen wäre. Entschieden hat er sich am Ende für eine einjährige Leihe zur TSG Hoffenheim. Die Rede ist von niemand geringerem als Ryan Sessegnon – die englische Zukunft auf der linken Außenbahn. Doch warum war halb Europa hinter ihm her, mit was für einem Spielertyp haben wir es zu tun und warum wechselt ausgerechnet zur TSG? Hoffenews stellt den Neuzugang vor.

Das Wunderkind

Nachdem Kouassi Ryan Sessegnon am 18. Mai 2000 als Zwilling gemeinsam mit Bruder Steven geboren wird, wächst er mit seinen Eltern und weiteren drei Brüdern in Roehampton (London) auf. Eine – wie er es später bezeichnet – ordentliche Gegend, auch wenn Sessegnons Familie sicherlich nicht die reichste war.

Schon früh zeichnet sich die Fußballbegeisterung der beiden Brüder ab. Als bekennende Fans des FC Liverpool spielen die Jungs für die lokale Mannschaft Wandgas FC, bei welcher sie schnell von Spähern des FC Fulham entdeckt und erfolgreich zur U9 der „Cottagers“ gelotst werden. Dass Ryan hier die nächsten elf Jahre seines Lebens spielen würde, konnte damals niemand ahnen.

Sessegnon bei seinem ersten Sieg mit der A-Elf gegen die Blackburn Rovers 2016. (Foto: Nathan Stirk/Getty Images)

In Folge durchläuft er die Jugendmannschaften beim FC Fulham wie im Rausch: Im Alter von 14 Jahren beginnt er bei der U18, kurz darauf schließt er sich der U23 an, schon mit 16 debütiert er für die A-Mannschaft. Im Alter von gerade einmal 17 Jahren stattet man ihn und Bruder Steven erstmals mit Profiverträgen aus. Bei beiden läuft der Kontrakt vorläufig bis 2020.

Doch im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder, ist Ryan damals schon längst fester Bestandteil des Kaders und kommt in der EFL Championship, der englischen zweiten Liga, regelmäßig zum Einsatz. Am vierten Spieltag der Saison 2016/17 gegen Cardiff City trifft er erstmals. Am Ende der Spielzeit stehen für den Teenager bereits wettbewerbsübergreifend 25 Einsätze, sieben Tore und fünf Vorlagen auf dem Konto. Für diese Leistung wird er als bisher  jüngster Spieler in das „PFA Team of the Year“ gewählt. In der darauffolgenden Saison ist Sessegnon Stammspieler und darf sich neben 16 Toren und acht Vorlagen vor allem über eins freuen: Den Aufstieg in die Premier League.

Ganz oben

Auch in der wohl stärksten Liga Europas ist Sessegnon gesetzt. Nur dreimal steht er nicht im Kader, zweimal davon verletzungsbedingt. Auch wenn sich der FC Fulham am Ende auf dem 19. Platz von der Premier League verabschieden muss, war die Saison für „Sess“ viel wert: An acht der 22 Tore seines Teams war er direkt beteiligt (zwei Tore, sechs Vorlagen), so glückte auch jeweils ein Assist in den Stadtderbys gegen die Rivalen Tottenham und Arsenal. Zudem ist der Youngster nun in aller Munde. Da sein Vertrag nur noch ein Jahr laufen würde, war den Cottagers klar: Will man noch Geld mit Sessegnon verdienen, muss er in diesem Sommer gehen.

Wochenlang kursieren Gerüchte in den englischen Medien. Klar ist, dass Sessegnon in der Premier League bleiben will, die Frage ist nur bei wem. Jürgen Klopps Liverpool wird dabei die höchsten Chancen auf eine Verpflichtung zugeschrieben. Immerhin ist der Linksfuß wie bereits erwähnt großer Fan der „Reds“ und der Verein ist auch für das Integrieren junger Talente bekannt (Beispiel: Trend Alexander-Arnorld). Am Ende fällt seine Entscheidung dann jedoch erneut auf einen London-Klub: Im August letzten Jahres gibt Tottenham Hotspur die Verpflichtung Sessegnons bekannt. Er unterschreibt einen Fünfjahres-Vertrag, die Ablöse beträgt umgerechnet 27 Millionen Euro – oder wie man in England sagt: Peanuts.

Im Sommer 2019 das blau-weiße Dress übergezogen: Sessegnon ab sofort im Trikot der Spurs. (Foto: Naomi Baker/Getty Images)

Fortan darf sich der damals 19-Jährige also nun wöchentlich auf Top-Niveau beweisen. Mauricio Pochettinos Tottenham ist auch in der Championsleague vertreten. Klar ist allerings auch dass Sessegnons Konkurrenz gewachsen ist. Auf der Linksverteidiger-Position muss er sich mit Ben Davies und dem englischen Nationalspieler Danny Rose messen, auf dem linken Flügel mit den Shootingstars Heung-Min Son und Steven Bergwijn.

Zu früh gefreut?

Doch die Konkurrenz im Kader sollte nicht sein einziges Problem bleiben. Schon während der Vorbereitung verletzt er sich am Oberschenkel, was ihn bis Ende Oktober ausfallen lässt. Drei Monate Fußballpause – für den Durchstarter ein Novum.

Parallel herrscht im Verein Chaos. Nach dem zwölften Spieltag stehen die Spurs auf dem 14. Tabellenplatz, in der Championsleague-Gruppenphase trennt man sich in Piräus 2:2, ehe man von den Bayern mit 2:7 aus dem eigenen Stadion geschossen wird. Auch wenn der Neuzugang sein Debüt noch unter Pochettino feiert, muss keine zwei Wochen später ausgerechnet der Coach den Verein verlassen, der Sessegnon unbedingt haben wollte. Ab November steht ein neuer Trainer an der Seitenline. Und zwar niemand geringeres als „The Special One“: Jose Mourinho.

Passt nicht ganz in sein System: Jose Mourinho (r.) tröstet seinen Youngster. (Foto: Catherine Ivill/Getty Images)

Obwohl sich Sessegnon bei seinen wenigen Einsätzen ganz solide macht und in der Championsleague-Gruppenphase beim 1:3 in München sogar den zwischenzeitlichen Ausgleich gegen Welttorhüter Manuel Neuer erzielt, kann er seinen neuen portugiesischen Boss nicht von sich überzeugen. Das Tor gegen den Rekordmeister im Dezember 2019 sollte vorerst sein letztes Pflichtspiel-Tor bleiben. Fast die gesamte Rückrunde in der Premier League verbringt er auf der Bank, sein letzter Einsatz war im Januar dieses Jahres gegen Norwich City.

Der wohl entscheidendste Punkt dabei: Sein Spielertyp…

Der Spielertyp Sessegnon

„Als ich jünger war, hatte ich zwei Spieler, zu denen ich aufgeschaut habe: Luke Shaw und Gareth Bale. Als Shaw in Southampton war, war er Linksverteidiger, und ich liebte es, ihm zuzusehen, wie er den Flügel auf und ab ging, Tore schoss, also versuche ich, das nachzuahmen. Bei Gareth Bale eigentlich das Gleiche.“

Dieser Satz, den Sessegnon noch in seiner frühen Phase in Fulham gegenüber Sky Sports fallen ließ, fasst die Rolle des Flügelflitzers ideal zusammen. Während er in seiner Jugend noch vermehrt als Stürmer eingesetzt wurde, rückte der heute 1,78 Meter große Brite zunehmend auf die linke Außenbahn. Sowohl als Linksverteidiger als auch als linker Flügel. Er selbst gefällt sich dabei lieber ein Ticken offensiver und gestand daher auch schon öffentlich, sich auf dem Flügel wohler zu fühlen.

Das Highlight seiner bisherigen Karriere? Sessegnon trifft gegen Manuel Neuer in der Königsklasse. (Foto: ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images)

In seiner Zeit beim FC Fulham kam „Sess“ daher gelegentlich auch als Stürmer, oder sogar vereinzelt als rechter Flügel zum Einsatz. Neben seinem hohen Tempo und seinem Torinstikt, ist also auch seine taktische Flexibilität eine seiner größten Stärken. In Mourinhos Lieblings-Formationen – wie uns Tottenham-Experte und Goal-Redakteur Tom Maston (Twitter/TomMaston) verriet – dem 4-2-3-1 oder 4-3-3, spielt der Linksverteidiger eine sehr defensive Rolle und soll bestenfalls nur selten aus der letzten Reihe herausrücken. Und die Konkurrenz vorne, so Matson, sei mit den verdienten und deutlich erfahreneren Spielern einfach zu groß.

Dem geschuldet trat der 20-Jährige bei seinen wenigen Einsätzen auch mit wenig Selbstbewusstsein auf. Somit war nicht nur Sessegnon selbst klar, um den Erwartungen an ihm gerecht zu werden und sein Glauben an sich selbst zurück zu gewinnen, muss nach zwei mittelmäßigen Jahren Premier League ein Tapetenwechsel her.

#WelcomeRyan

Lange machte man es den Außenstehenden spannend, für welche Tapete er sich letztlich entscheiden würde. Erst am Deadline-Day selbst (5. Oktober) war es dann ofiziell: Die TSG Hoffenheim leiht den Linksaußen für die Spielzeit 2020/21 aus. „Nach den schweren Verletzungen von Ermin und Stafy (Anm. der Red.: Bicakcic, IV, und Stafylidis, LV), die uns beide mehrere Monate nicht zur Verfügung stehen werden, waren wir auf der Suche nach einer qualitativ hochwertigen Ergänzung unseres Kaders und sind sehr froh, diese in Ryan gefunden zu haben“, so Hoffenheims Direktor Alexander Rosen bei Sessegnons Vorstellung. Neben den Kraichgauern sollen auch die Ligakonkurrenten von Hertha BSC und RB Leipzig an einer Leihe interessiert gewesen sein.

In den Kommentarspalten der Social-Media-Kanäle, welche für die Verpflichtung den Hashtag #WelcomeRyan etablierten, fanden sich auch viele Tottenham-Fans wider. Die Message einheitlich: „Take care of him“: Kümmert euch gut um ihn. Und das obwohl er bei den Spurs definitiv nicht genug Chancen hatte, einen bedeutenden Eindruck zu hinterlassen. Man schätzt das Talent.

Alexander Rosen (l.) stellt seine neue Nummer 17 vor. (Foto: Youtube/TSG Hoffenheim)

Im Gegensatz zur Idee des „Special One“, passt Sessegnon eigentlich ideal zur Taktik des neuen TSG-Trainers Sebastian Hoeneß. Dieser ließ bislang immer mit einer Fünferkette bestehend aus drei Innenverteidigern – wahlweise auch mit zwei, dafür mit sehr tief stehendem Sechser – sowie zwei hochstehenden Außen spielen. Auf links setzte er dafür bislang den nominellen Rechtsverteidiger Pavel Kaderabek sowie Robert Skov ein, der eigentlich als Offensivmann (RM/ST) zur TSG gelotst wurde, ehe ihn Ex-Coach Schreuder – ebenfalls dem Mangel an Linksverteidigern geschuldet – zu jener Position umschulte.

In Hoeneß‘ 5-3-2, welches in Ballbesitz als 3-5-2 agiert, könnte sich die Leihgabe also austoben. Zumal seine Konkurrenz relativ überschaubar ist: Stafylidis wird den Kraichgauern aufgrund seiner Schulterverletzung noch länger fehlen, der Holländer Joshua Brenet spielt schon seit der Ära Nagelsmann kaum noch eine Rolle und der Großteil der Hoffenheimer Fan-Gemeinde wünscht sich Skov ohnehin weiter vorne. Und durch die Dreifachbelastung wird er wohl selbst mit ausreichender Rotation auf genügend Einsätze kommen. Wettbewerbsübergreifend stehen allein bis zum Jahresende noch 16 Spiele für die TSG an.

Sein Debüt könnte er bereits kommenden Samstag beim Heimspiel gegen Borussia Dortmund (15.30 Uhr/Sky) geben. Hoeneß versicherte zumindest auf der Pressekonferenz im Vorhinein, dass er sich gut eingelebt habe und eine Option für das Topspiel sei.

Mehr als eine Leihe?

Bei einem derartigen Leih-Deal beginnt bei Anhängern der TSG unweigerlich das Träumen. Ist es möglich das Talent eventuell auch länger bei sich zu behalten und bestenfalls noch fest zu verpflichten? Oder endet Sessegnons Leihe wie viele erfolgreiche vor ihm, die nach einem Jahr bei den Nordbadnern als erfahrene Spieler zu ihrem Klub zurückkehrten und diesen dann sichtlich verstärken konnten. Wie beispielsweise die frühere Arsenal-Leihgabe Reiss Nelson, oder die Münchner David Alaba und Serge Gnabry.

Eine zukünftige Verpflichtung Sessegnons scheint aber praktisch ausgeschlossen. Nachdem ihn Tottenham für 27 Millionen Euro verpflichtete, sein Marktwert aktuell bei stattlichen 25 Millionen und sein Gehalt bei den Spurs schätzungsweise bei jährlichen sieben Millionen Euro liegt, wäre schon die Finanzierung eines solchen Perspektivspielers aus Sicht der TSG utopisch.

Zudem bleibt wie bei jedem Neuzugang erst einmal abzuwarten. Man sollte den Youngster auch nicht mit zu hohen Erwartungen konfrontieren und schauen, wie er sich in einem neuen Klub, in einer neuen Liga, unter einem neuen Trainer macht. Trotzdem darf jeder Bundesligafan und ganz besonders jeder Hoffenheim-Fan darauf hoffen, dass er einschlägt. Denn wenn Ryan Sessegnon wirklich hält, was er verspricht, ist er eine Bereicherung für jede Liga.

Und was, wenn er nach einem Jahr erfolgreicher Leihe als ausgereifter Fußballer zu Tottenham zurückkehrt und weiterhin keine Perspektive hat? Immerhin haben die Spurs erst diesen Sommer mit Sergio Reguilon (23 Jahre) Real Madrid für 30 Millionen Euro einen Linksverteidiger für die Zukunft abgekauft. Doch falls das eintrifft und Sessegnon in einem Jahr weiterhin keine Aussichten bei den Nordlondonern hat, rechne ich eigentlich nur mit einem. Der dritten Auflage des Sessegnon’schen Transferkarussells. Und es hieße wieder: Barcelona? Liverpool? Bayern? Mailand?…

 

 

 

 

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Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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TSG-Fan
TSG-Fan
1 Jahr zuvor

Sehr schöner Artikel über den neuesten Neuzugang der TSG. Danke dafür! Ich bin gespannt, wie er sich präsentiert und vor allem auf welcher Position er zum Einsatz kommt.
Nur eine kleine Korrektur: Würde die TSG eher in Nord-, als in Südbaden verorten 🙂

Jakob Uebel
Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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