Foto: Martin Rose/Getty Images
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„Mit dem Abstiegskampf auf keinen Fall abgeschlossen“

Bei der TSG Hoffenheim ist aktuell der Wurm drin: Nachdem man vergangenes Wochenende trotz einer soliden Leistung und Führung beim BVB nur einen Punkt mitnehmen konnte, gab man am Donnerstag in der Europa League gegen Molde sogar einen Zwei-Tore-Vorsprung aus der Hand (Endstand 3:3). Am Sonntag sind in der Männer-Bundesliga die derzeit punktgleichen Bremer zu Gast in Sinsheim (18 Uhr / Sky). Vor der Partie haben wir mit Werder-Experte Hannes Schwabe (Twitter: @HannesSchwabe) gesprochen. Er erzählte uns dabei unter anderem von einem noch nicht abgehakten Abstiegskampf, den Gerüchten rund um Florian Kohfeldt und der Form des Ex-Hoffenheimers Bittencourt.

Hannes, letztes Jahr verhinderte Bremen in der Relegation denkbar knapp den Abstieg in die zweite Liga. In dieser Saison läuft es bedeutend besser und Werder steht trotz einer ausstehenden Partie aktuell vor Hoffenheim auf Rang elf. Wie kam es zu diesem Aufwärtstrend?

Hannes Schwabe: Durch eine realistische Herangehensweise. Letztes Jahr hat man die Ziele hoch angesetzt und ist tief gefallen. Statt Europa hat man in letzter Sekunde noch grade so den Abstieg verhindern können. Dieses Jahr ist der Ansatz von Anfang gewesen: Stabilisieren. Und das über eine geordnete Defensive. Das gefällt einigen Fans anderer Vereine zwar nicht, aber es hat bisher komplett funktioniert. Ist es schön anzusehen? Nein. Ist es ein sehr destruktiver Ansatz? Total. Aber es ist mit dem Kader die einzig sinnvolle Herangehensweise. Und auf der Basis, die man jetzt hat, kann man aufbauen.

Hat man diese Saison schon mit dem Abstiegskampf abgeschlossen?

Hannes: Auf keinen Fall. Ich glaube jeder Fan und jeder Verantwortliche weiß genau, wie schnell man da unten wieder reinrutschen kann. Ich bin optimistisch, dass wir uns frühzeitig rechnerisch aus dem Abstiegskampf verabschieden können. Aber bis das passiert ist, bleibt das Thema in den Köpfen.

Letzte Saison rettete sich Werder in der Relegation gegen Heidenheim nur durch die Auswärtstorregel. (Foto: Kai Pfaffenbach/Getty Images)

Wer sind derzeit die Schlüsselspieler?

Hannes: Wie bereits erwähnt, ist die Defensive unser großes Plus. Wenn Toprak fit ist, haben wir den besten Innenverteidiger, den ich seit Jahren im Werder-Trikot gesehen habe. Marco Friedl hat in dieser Saison einen Riesensprung in seiner Entwicklung genommen. Mit den beiden in der Innenverteidigung habe ich bei gegnerischen Angriffen tatsächlich keine Panikattacke. Ein Gefühl, das als Bremer selten geworden ist.

Offensiv ist das Thema aus meiner Sicht schwierig. Ein Rashica ist – wenn er fit ist – natürlich eine unglaubliche Waffe. In den letzten beiden Spielen hatte man das Gefühl, dass er da langsam wieder herankommt. Das wird gerade für den Schlussspurt ein wichtiger Faktor. Dasselbe gibt auch für einen Niklas Füllkrug.

Wer sich grade sehr in die Herzen einiger Bremer spielt (Gruß an Joey), ist Romano Schmid. Das Potential bei dem Kerl ist riesig. Bereits jetzt sieht man einige Dinge durchblitzen, die Hoffnung machen. Wenn seine Entwicklung so weiter geht, ist er nächste Saison einer der großen Schlüsselspieler im Kader.

Während Werder-Coach Florian Kohfeldt vor einigen Jahren mit dem Ziel antrat, offensiven und attraktiven Fußball spielen zu lassen, tritt Bremen in dieser Spielzeit vor allem mit einer defensiven und zurückhaltenden Spielweise auf. Inwiefern könnte sich das langfristig wieder ändern?

Hannes: Ansätze dafür sind immer mal wieder zu erkennen, aber es wird ein schleichender Prozess. Aus der inzwischen stabilen Defensive könnte man jetzt mit den aus Verletzungen zurückkehrenden Spielern genau so etwas aufbauen. Rashica und Füllkrug sind einfach Spieler, die das Offensivniveau der Mannschaft auf ein anderes Level heben können. Es ist nun mal kein Prozess, der von heute auf morgen umgesetzt ist. So etwas braucht Zeit. Und die gebe ich Flo uneingeschränkt.

Ist über Hannes‘ Loyalität sichtlich erfreut: Florian Kohfeldt. (Foto: Cathrin Mueller/Getty Images)

Nachdem Borussia Mönchengladbach den Abschied von Cheftrainer Marco Rose im Sommer bekanntgab, wurde Kohfeldt als heißester Kandidat auf dessen Nachfolge gehandelt. Für wie wahrscheinlich hältst du einen Abgang des 38-Jährigen nach der Saison?

Hannes: Inzwischen glaube ich daran, dass er uns noch eine Weile erhalten bleibt. Die letzten Berichte gingen eher in Richtung Marsch. Ich traue Kohfeldt den Schritt aber auf jeden Fall zu und würde ihm auch dafür alles Gute und viel Erfolg wünschen. Das hat er sich in den letzten Jahren einfach verdient.

Was zeichnet den Trainer für dich aus?

Hannes: Er liebt den Verein. Und das merkt man. Wenn man sich Flo am Ende der letzten Saison angeschaut hat, konnte man schon deutlich erkennen, dass ihm das Ganze sehr nahegeht. Was man auch nicht unterschätzen darf: Die Mannschaft will mit ihm arbeiten. Bei Toren rennt das ganze Team zu ihm, es wird ausschließlich positiv über ihn gesprochen. Er hat den Rückhalt im Team und bei den Fans. Aktuell könnte ich mir niemanden vorstellen, der das besser machen soll. Mit dem Kader, der gerade im Mittelfeld unfassbar dünn besetzt ist, blicke ich sehr zufrieden auf die aktuellen Resultate. Und wie gesagt. Hier und da gibt es durchaus bereits spielerische Fortschritte zu sehen. I trust in Flo.

Durch den Klassenerhalt zog bei der Hoffenheim-Leihgabe Leo Bittencourt im Sommer automatisch die Kaufoption, womit der Offensivmann für eine Ablöse von 7 Millionen Euro an der Weser blieb. Wie bewertest du diesen Deal im Nachhinein und wie macht er sich am Osterdeich?

Hannes: Er hat gegen Dortmund im Pokal letztes Jahr eins der schönsten Tore erzielt, das ich im Stadion bisher sehen durfte. Ansonsten sehr durchwachsen. Kämpft immer, läuft unfassbar viel aber agiert dann häufig sehr unglücklich. Oft sind die Entscheidungen in wichtigen Momenten einfach völlig falsch und kosten uns dann die ein oder andere gute Möglichkeit. Aber sagen wir es mal so: Er ist von den Leihspielern mit Kaufpflicht nicht der, den ich am kritischsten sehe.

Verließ die Hoffenheimer im Sommer fest: Leonardo Bittencourt. (Foto: Stuart Franklin/Getty Images)

Im Hinspiel boten die beiden Mannschaften eine zerfahrene, raue Partie, die mit Geigers 1:1 schon nach knapp 20 Minuten ihr entscheidendes Tor fand. Was für ein Spiel erwartest du am Sonntag?

Hannes: Die Zeiten, in denen Hoffenheim-Bremen ein Spiel ist, bei dem ein Spektakel garantiert ist, sind wohl erstmal vorbei. 5:4, 4:4, 3:5. Sowas wird es wohl bei der aktuellen Form der Mannschaften erstmal nicht geben. Für beide Teams ist das allerdings ein unfassbar wichtiges Spiel und auch eine Standortbestimmung.

Wenn Bremen seinen Plan weiter so durchzieht und mit Rashica und Füllkrug in der Offensive wieder mehr Power am Start hat, könnte das eure Mannschaft schon vor Probleme stellen. Allerdings waren sämtliche Einschätzungen meinerseits zu Spielverläufen in letzter Zeit komplett an der Realität vorbei getippt. Wenn Hoffenheim es angeht wie Freiburg, wird es ein Spiel für Taktikfreunde, die keine Ahnung von Taktik haben. Wenn Hoffenheim versucht das Spiel zu machen, wird es für Bremen interessant.

Und wie geht es aus?

Hannes: Nachdem wir aus den letzten zwei Spielen nur jeweils einen Punkt entführen konnten, ist es mal wieder Zeit für einen Sieg. 2:1 Bremen.

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Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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Jakob Uebel
Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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