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Mike Diehl im Interview: „Das Bayern-Spiel war bis jetzt der schlimmste Tag meines Lebens“

Seit über 20 Jahren ist Mike Diehl nun Fan der TSG Hoffenheim und arbeitet seit 2005 in verschiedenen Positionen im Klub. Am bekanntesten ist er dabei für seinen Job als Stadionsprecher. Im Interview mit Hoffenews spricht der 55-Jährige über seine Anfänge in Hoffenheim, seine vielseitigen Aufgaben und den „schlimmsten Tag seines Lebens“. Zudem blickt Diehl auf die größten Momente der Klubgeschichte zurück und verrät, wie es mit der Fan-Kontroverse um das Anheizer-Lied „Sweet Caroline“ weitergehen wird.

Mike, du bist in Hessen aufgewachsen. Wie bist du dort erstmals mit dem Fußball in Kontakt gekommen?

Mike Diehl: Ich wurde in Darmstadt 200 Meter entfernt vom Böllenfalltor-Stadion geboren. Als ich sieben Jahre alt war, bin ich mit meinem Vater zum ersten Mal zu einem Spiel von Darmstadt 98 gegangen. Der Klub spielte damals bereits in der 2. Bundesliga und ist mein Heimatverein.

Warst du selbst ein guter Fußballer?

Diehl: Ich habe zunächst in meinem Heimatort Ober-Ramstadt gespielt und war dort ganz gut. Später bin ich dann zu Darmstadt 98 gewechselt. Irgendwann kam ich aber in das Alter, in dem ich mich entscheiden musste, was meine Prioritäten sind, weil mich auch die Musik besonders faszinierte. Ich hatte bereits mit zirka 14 oder 15 Jahren angefangen, mich als DJ zu versuchen und sonntagmittags in Kinder-Discos aufgelegt. Das machte mir mehr Spaß als der Fußball.

Welche Bandposter hingen bei dir früher an der Wand?

Diehl: Ich war absoluter „Queen“-Fan. „Queen“ und „Wham!“ waren meine Idole.

Nach deinem Schulabschluss hast du zunächst eine Beamtenlaufbahn beim Fernmeldeamt eingeschlagen, ehe du beim hessischen Radiosender „Hitradio FFH“ Radiomoderator wurdest. Wie kam es dazu?

Diehl: Ich machte damals eine Ausbildung beim Fernmeldeamt Darmstadt. 1990 meldete mich ein Freund heimlich beim Casting von „Hitradio FFH“ an. Ich ging dort hin und wurde tatsächlich genommen. Als Sportreporter durfte ich die Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft in Italien begleiten. Und kam als Weltmeister wieder nach Hause

Wie kam dein Freund darauf, dich beim Casting anzumelden?

Diehl: Er wusste, dass das mein Traumberuf war. Ich wollte immer etwas mit Musik und Sport machen – entweder nur eines von beiden oder beides vereint. Als der damalige FFH-Sportchef mich anrief, dachte ich zuerst an einen Scherz.

Wie haben deine Eltern reagiert?

Diehl: Sie fanden es überhaupt nicht gut. Ich habe zwei Jahre noch weiter beim Fernmeldeamt gearbeitet, nebenher bei FFH und bin 1992 fest bei Radio Regenbogen eingestiegen. Meine Eltern waren geschockt, als ich meine Beamtenlaufbahn aufgegeben habe.

Über Radio Regenbogen kamst du dann nach Baden. Zudem hast du in den 90ern im ZDF die Sendung „Chart Attack“ moderiert und durftest dabei sogar bei der Silvestershow zum neuen Jahrtausend auftreten. Wie kamst du von dort zur TSG?

Diehl: Ich moderiete bei Radio Regenbogen die Morning Show und lernte 1997 Dietmar Hopp kennen, weil ich auch verschiedene Veranstaltungen des Golf-Clubs St. Leon-Rot moderierte. Herr Hopp hörte damals auch selbst Radio Regenbogen und kannte mich daher schon vom Namen. So kam ich auch zum Fußball in Hoffenheim. Mein erstes Hoffenheim-Spiel habe ich bereits im Jahr 2000 gesehen.  Damals spielte die TSG in der Verbandsliga und es ging gerade um den Aufstieg in die Oberliga.

Lernten sich 1997 in St. Leon-Rot kennen: Mike Diehl und Dietmar Hopp. (Foto: imago images)

„Als ich anfing, standen bei den Spielen 30 Fans hinter dem Tor“

Wer nahm dich damals zum Spiel mit?

Diehl: Das war Gerd Oswald – ein Freund von Herrn Hopp und ehemaliger SAP-Vorstand. Heute so etwas wie mein „Ziehvater“!

Was war dein erster Eindruck von Dietmar Hopp?

Diehl: Ich wusste damals noch nicht genau, wer er wirklich ist. Natürlich habe ich davon gehört, dass er der Chef von SAP war, aber in den 90ern war SAP zwar bekannt, aber für mich nicht so präsent. Er war schon immer ein bodenständiger und unglaublich freundlicher Mensch. Ich hätte damals nie gedacht, dass er so viel Geld hat.

War es bereits damals vorstellbar, dass die TSG einmal in der Bundesliga spielen würde?

Diehl: Nein, das war damals noch überhaupt kein Ziel. Ich habe die TSG spielen gesehen, als Hansi Flick nach der Jahrtausendwende dort noch Trainer war. Bereits damals spielten sie einen sehr ansehnlichen offensiven Fußball. Das hat mir sehr imponiert, besonders weil man diese Art Fußball zu spielen damals noch gar nicht kannte. Das Spiel war sehr taktisch und von Pressing geprägt. Das hat nicht erst begonnen, als später Ralf Rangnick nach Hoffenheim kam. Zudem war der Verein sehr bodenständig, familiär und alles war sehr nah. Mir hat das so gut gefallen, dass ich den Klub – auch weil ich hier gelebt habe – gleich ins Herz schloss. Ich bin jetzt schon seit 20 Jahren Hoffenheim-Fan.

Wann bist du dann beruflich bei der TSG eingestiegen?

Diehl: Ich habe das anfangs immer nebenher gemacht und bin dann im Jahr 2005 beruflich bei der TSG eingestiegen. Damals spielte die TSG in der Regionalliga, Ralf Rangnick kam als neuer Trainer und der gesamte Klub wurde professionalisiert. Dietmar Hopp fragte mich, ob ich Lust hätte, eine Fanbase aufzubauen, denn die gab es damals ja noch gar nicht. Als ich anfing, standen bei den Spielen 30 Fans hinter dem Tor.

Wie bist du diese Aufgabe angegangen?

Diehl: Ich habe mir meinen Laptop geschnappt und eine PowerPoint-Präsentation erstellt, mit der ich unsere Ziele erklärte: Dass wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren in Hoffenheim professionellen Fußball anbieten wollen – zunächst in der 2. Bundesliga – da es damals in der Region noch keinen Profiverein gab. Damit bin ich dann durch die Gemeinden gezogen, um Hoffenheim bekannt zu machen. Meistens habe ich den jeweiligen Bürgermeister angerufen, der zunächst oft dachte, es ginge um Radio Regenbogen, und habe um einen kleinen Saal für meine Präsentation gebeten. Anfangs war ich noch in kleinen Gemeinden rund um Sinsheim mit etwa zehn Leuten in einer Gaststätte, doch mit der Zeit wurde es immer mehr. So habe ich die TSG in der Region bekannt gemacht.

Wie waren die Reaktionen, wenn du das Konzept der TSG vorgestellt hast?

Diehl: Natürlich gibt es auch negative Reaktionen: „Hör doch auf. Das wird doch sowieso nix. Da geht doch keiner hin, das interessiert doch keinen.“ Dann meinte ich immer: „Guck dir das doch erstmal an. So einen schönen modernen Fußball sieht man selten.“ Die meisten gaben mir im Nachhinein Recht. Ich hörte oft: „Es ist hier so familiär, hier kann ich meine Wurst in Ruhe essen, sehe schönen Fußball und muss nicht extra nach Mannheim, Kaiserslautern oder Karlsruhe fahren.“

Die Hoffenheimer Fanszene wird von Außenstehenden oft belächelt. Wie siehst du die Entwicklung der Fangemeinschaft?

Diehl: Bis zum Aufstieg in die zweite Liga konnte ich noch jeden per Handschlag begrüßen. Als wir dann aber in der Rückrunde immer erfolgreicher wurden und Tabellenführer waren, kamen immer mehr Leute. Das ging alles eigentlich viel zu schnell. Man konnte gar nicht in Ruhe eine gewachsene Fanszene aufbauen. Ich war damals allein und hatte keine Mitarbeiter. Das war Wahnsinn. Ich habe jeden Tag zwischen zwölf und 13 Stunden gearbeitet.

Nach dem Aufstieg im Jahr 2007 wurdest du Stadionsprecher der TSG und bist gleich in deiner ersten Saison in die Bundesliga aufgestiegen. Wie hast du den Tag den letzten Spieltag gegen Fürth damals erlebt?

Diehl: Wir waren damals nicht viele Leute, aber die Nachfrage war so groß, dass ich vorgeschlagen habe, ein Public Viewing in der Messehalle in Sinsheim zu organisieren. Wir engagierten einen Moderator, das war Thomas Schleh (aka DJ Klubbingman) von Masterboy, und ich war als Stadionsprecher im Dietmar-Hopp-Stadion. Wir haben mit zirka 1.500 Fans geplant, aber in die Messehalle in Sinsheim passen 10.000 Menschen. Ich hatte deshalb Angst, dass es aussieht, als wäre keine Sau da. Also haben wir die Essens- und Getränkestände ganz nach vorne geschoben, sodass es gut aussieht. Als es dann soweit war, rief Thommy Schleh mich an und sagte: „Es wird immer voller, es wird immer voller.“ Das konnte ich kaum glauben. Während die Fans kamen, hat unsere Crew also die Wagen nach hinten geschoben, um Platz zu schaffen. Am Ende war die ganze Halle restlos ausverkauft. Es waren 10.000 Leute da, bevor das Spiel noch überhaupt angefangen hatte. Das war krass. Auch die Mannschaft war völlig baff, als sie nach dem Spiel zur Feier in der Messehalle auf die Bühne kam. Da ging es erst richtig los mit Hoffenheim.

Bei ihrem ersten 17 Heimspielen trat die TSG noch im Mannheimer Carl-Benz-Stadion an, ehe sie 2009 in die Rhein-Neckar-Arena umzog. Ralf Rangnick nannte den Umzug einst als möglichen Grund für den Leistungseinbruch in der Rückrunde. Wie hast du die Umgewöhnung auf das neue Stadion wahrgenommen?

Diehl: Wir haben uns natürlich alle riesig auf das neue Stadion gefreut, vor allem weil es zuhause war – also in Sinsheim und nicht in Heidelberg oder Mannheim. Als wir nach Mannheim gingen, hatten wir außerdem ein bisschen Bammel, weil wir als Fremde dorthin kamen. Dann haben wir in der Hinrunde im Carl-Benz-Stadion kein Spiel verloren und dachten uns natürlich, dass wir am besten dortbleiben, wenn es so gut läuft. Gleichzeitig freuten wir uns dennoch auf unser eigenes Stadion in Sinsheim. Trotz des Einbruchs in der Rückrunde sind wir noch Siebter geworden und es war trotz alledem eine überragende Runde. Zudem hätten wir sicherlich auch den europäischen Wettbewerb erreicht, wenn sich Ibisevic in der Winterpause nicht verletzt hätte und Carlos Eduardo nicht lange gesperrt worden wäre.

Zum ersten Mal im neuen Zuhause: Mikel Diehl bei der Eröffnung der heutigen PreZero Arena. (Foto: imago images)

„Mir liefen die Tränen runter, als diese Melodie aus den Lautsprechern ertönte“

Nach der furiosen Debütsaison war die TSG erstmal lange die graue Maus der Liga und wurde dreimal in Folge Elfter.

Diehl: Dann kam der Alltag. In unserer Debütsaison spielten wir in der Bundesliga wie aus einem Guss, doch irgendwann wussten die Gegner, wie sie sich gegen uns taktisch einzustellen haben. Das ist der normale Lauf der Dinge und wir sind seitdem bis auf einmal nie wirklich in Abstiegsgefahr geraten, was für so einen kleinen Verein ein großer Erfolg ist.

Du sprichst es an: In der Saison 2012/13 war die TSG mit hohen Zielen gestartet, sprang letztlich aber erst am 34. Spieltag gerade noch dem Abstieg von der Schippe. Was sind deine Erinnerungen an das „Wunder von Dortmund“?

Diehl: Damals organisierten wir wieder ein Public Viewing im Stadion in Sinsheim, das ich moderierte. Es kamen zirka 7.000 Fans und die Haupttribüne war fast voll. Lewandowski erzielte bereits früh das 1:0 und Dortmund spielte uns anschließend an die Wand. 15 Minuten vor Ende der regulären Spielzeit sind bereits die ersten Fans gegangen. Da machte ich mir bereits Gedanken, wie ich die Zuschauer beruhigen sollte, wenn wir tatsächlich absteigen sollten. Ich nahm mein Mikrofon und sagte: „Bleibt doch da, das hat sich die Mannschaft verdient und das haben wir uns auch verdient. So ist es im Fußball. Man kann nicht immer nur Erfolg haben, jetzt steigen wir eben ab.“ Und während ich sprach, schrien plötzlich alle. Ich stand selbst mit dem Rücken zur Leinwand und merkte erst durch die Zuschauer, dass die TSG einen Strafstoß zugesprochen bekam. Was danach passierte, wissen alle TSG-Anhänger nur zu genau. Danach lagen wir uns heulend in den Armen. Vor Freude.

2016 geriet die TSG erneut in Abstiegsgefahr, doch der damals noch unbekannte Julian Nagelsmann führte Hoffenheim aus dem Tabellenkeller und erreichte bereits im Folgejahr die Champions-League-Qualifikation. Was hat Julian deiner Meinung nach ausgezeichnet?

Diehl: Julian ist ein außergewöhnlicher junger Mann. Er ist zum einen unheimlich clever und kann während des Spiels sehr schnell taktische Anpassungen vornehmen, zum anderen ist er ein Menschenfänger. Mit seiner Aura und seiner Art zu sprechen kann er dich sofort begeistern. Sowas habe ich selten erlebt. Auch sein junges Alter hat ihm geholfen, die Mannschaft gleich auf seine Seite zu bringen. Er wusste einfach, wie die jungen Spieler ticken. Deshalb war er auch so erfolgreich. Ich wusste gleich, dass er seinen Weg gehen wird. Schon bei der A-Jugend, mit der er die Deutsche Meisterschaft feierte, konnte man sehen, wie er das Team motivierte. Ich war damals beim Finale in Hannover dabei und stand vor der Kabine, als er seine Ansprache hielt. Das war der Wahnsinn.

Die Quali-Spiele gegen Liverpool bleiben trotz zweier Niederlagen für die TSG-Fans unvergessen. Wie war es für dich die Champions-League-Hymne in Sinsheim zu hören?

Diehl: Ich konnte es gar nicht fassen. In Sinsheim hätte es niemand im Traum erwartet, dass wir einmal mit der TSG Hoffenheim im eigenen Stadion die Champions-League-Hymne hören dürften – und das mittlerweile sogar schon in zwei Saisons. Gegen Liverpool habe ich sie leider nicht gehört, weil ich noch in der Regie war, um einen Aufsager zu machen. Richtig wahrgenommen habe ich die Hymne erstmals ein Jahr später gegen Manchester City und da habe ich geheult. Mir liefen die Tränen runter, als diese Melodie aus den Lautsprechern ertönte.

Mit dem Champions-League-Logo auf dem Arm: Mike Diehl vor der ersten Europapokal-Saison der TSG. (Foto: imago images)

„Gerade von den Bayern-Fans hätte ich das nie erwartet“

Während es gegen Liverpool nur für die Europa League reichte, konnte sich die TSG 2018 am letzten Spieltag gegen Dortmund für die Champions League qualifizieren. Nach Abpfiff gab es auf den Rängen kein Halten mehr und die Fans stürmten den Platz. Wie war das für dich?

Diehl: Ich war an diesem Tag ehrlich gesagt gar nicht so angespannt. Ich wusste, dass wir auf jeden Fall in die Europa League kommen und dass wir eine Riesenrunde gespielt haben. Dieses Spiel gegen Dortmund habe ich als Geschenk des Himmels oder als Bonus gesehen. Wenn wir es dann noch in die Champions League schaffen, haben wir es uns verdient, aber ich war überhaupt nicht aufgeregt. Ich hatte ein Lachen im Gesicht und freute mich einfach, gegen Dortmund – die zweitbeste Mannschaft Deutschlands – spielen zu dürfen. Wie wir an diesem Tag spielten, war typisch für Hoffenheim unter Julian Nagelsmann. Wir sind mutig aufgetreten, sind immer voll draufgegangen und mussten auch mit Rückschlägen umgehen. Auch nach dem Ausgleich hat das Team immer weitergemacht und das Publikum war an diesem Tag so laut, wie ich es noch nie erlebt habe in Hoffenheim. Die rund 25.000 Heimfans haben die Mannschaft spätestens ab Mitte der zweiten Halbzeit sensationell unterstützt und den Funken auf die Mannschaft überschlagen lassen. Als das 2:1 fiel wusste ich, dass nichts mehr anbrennen wird – auch weil Dortmund hinten dicht machen musste, um nicht noch durch das schlechtere Torverhältnis hinter Leverkusen und damit aus den Champions-League-Rängen zu fallen. Das machte sich bemerkbar. Die Dortmunder haben nicht mehr so viel riskiert, sondern nur versucht kein Tor mehr zu kassieren. Beim 3:1 sind dann alle Dämme gebrochen und der BVB wurde noch defensiver. Das war unser Glück. Hätte Dortmund dieses Spiel gewinnen müssen, wäre es ein offener Schlagabtausch geworden.

Die TSG ist mittlerweile ein fester Bestandteil der Bundesliga. So haben Zwölfjährige die Bundesliga heutzutage nie ohne die TSG erlebt. Welches Fan-Potenzial siehst du dadurch noch für die Zukunft?

Diehl: Ich bin gemeinsam mit meinem Vizepräsidenten Kristian Baumgärtner oft mit dem Hoffexpress unterwegs in Schulen und auf Veranstaltungen. Als wir damit anfingen, gab es wenige Kinder mit Hoffenheim-Trikots. Mittlerweile siehst du in der Region bei den Kids genauso viele Hoffenheimer wie Bayern- oder Dortmund-Fans. Das ist schön mitanzusehen.

Hoffenheim gilt für viele Fanszenen als Feindbild, weshalb TSG-Fans oft Anfeindungen ausgesetzt sind. Siehst du da eine Entwicklung?

Diehl: Mittlerweile ist das besser geworden. Am Anfang waren wir die Neuen, der „Plastikverein“ ohne Fans. Doch wir sind jetzt so lange in der Bundesliga, dass es immer weniger wird. Es gibt zwar immer noch die Unverbesserlichen, die uns immer noch beleidigen. Ich sehe aber mittlerweile immer mehr Akzeptanz.

Das Spiel gegen den FC Bayern im Februar musste dennoch wegen Schmähplakaten gegen Dietmar Hopp für kurze Zeit unterbrochen werden. Wie sehr nehmen dich diese Anfeindungen heute noch mit?

Diehl: Das tut mir richtig weh. Gerade von den Bayern-Fans hätte ich das nie erwartet. Du stehst dann da unten und musst irgendwas durchsagen. Dann gucke ich links in die Bayern-Kurve und rechts zur Südkurve und sehe dort auch ein Plakat, das ich vor lauter Aufregung falsch deutete und deshalb auch die eigenen Fans aufforderte, die Banner einzurollen. Erst als mich jemand darauf hinwies, dass das Banner in der Südkurve „pro Hopp“ war, merkte ich, was ich gerade getan hatte. Ich war in diesem Moment völlig neben der Spur. Ständig kamen Leute auf mich zu – erst der Schiedsrichter, dann auch Hansi Flick. Dann passierte mir dieser Lapsus.

Auf dem Banner der TSG-Fans stand „Hopp im Fadenkreuz fixiert, den eigenen Kommerz ignoriert“. Wie kam dieses Missverständnis zustande?

Diehl: Ich war unter Vollspannung und sah in der Südkurve nur das Banner, auf dem der Name Hopp und ein aufgemaltes Fadenkreuz zu sehen war. Da dachte ich, ich bin im falschen Film und fragte mich, ob denn unsere Fans jetzt verrückt geworden sind. Deshalb ist mir das rausgerutscht. Als ich darauf hingewiesen wurde, entschuldigte ich mich sofort. Auch danach habe ich nochmal schriftlich bei der Fangruppe um Verzeihung gebeten. Das Spiel gegen den FC Bayern war bis jetzt der schlimmste Tag meines Lebens.

Ein Banner, das der Stadionsprecher lange nicht vergessen wird: Die Südkurve solidarisiert sich mit Dietmar Hopp. (Foto: imago images)

„Kommende Saison wird ‚Sweet Caroline‘ – zumindest an dieser Stelle – nicht mehr gespielt werden“

Mittlerweile hast du dich aus der Fanbetreuung zurückgezogen und konzentrierst dich stattdessen auf die Charity der TSG sowie Arenatouren und die Stadionshow. Wie muss man sich deinen Alltag vorstellen, wenn gerade kein Spieltag ist?

Diehl: Ich leite die Abteilung „Charity und Soziales“ und bin zudem viel mit dem Hoffexpress unterwegs. In der Öffentlichkeitsarbeit helfe ich gerne mit meinem Bekanntheitsgrad aus, doch die Charity wird bei der TSG großgeschrieben. Ich bekomme täglich hunderte Mails und Anfragen von diversen Vereinen für mögliche Spielerbesuche, Trikots oder Giveaways. Das bearbeite ich alles allein und das nimmt fast den ganzen Tag in Anspruch.

Am bekanntesten bist du unter TSG-Fans für deine Arbeit als Stadionsprecher. Wie bereitest du dich auf ein Spiel vor?

Diehl: Vor dem Spieltag gibt es immer eine Regiesitzung, in der wir uns darüber austauschen, was es Neues gibt, ob wie besondere Aktionen haben und ob es zum Beispiel einen „Sponsor of the Day“ gibt. Danach schreibe meine Moderationen. Am Spieltag fahre ich dann zum Stadion und es geht los.

Bist du mittlerweile noch aufgeregt?

Diehl: Ich bin nicht aufgeregt, aber ich habe doch ein bisschen Lampenfieber. Ich habe immer noch ein gewisses Kribbeln im Bauch. Wenn das aufhört, höre ich auch auf.

Welcher Aspekt macht dir an deinem Job am meisten Spaß?

Diehl: In der Arena der Sprecher zu sein, macht mir immer noch am meisten Spaß, weil ich dort meinen Gefühlen freien Lauf lassen kann. Man ist Teil des Stadionerlebnisses, kann mitfiebern und kann die Zuschauer anheizen. Das gefällt mir.

Was ist das anstrengendste an deinem Job?

Diehl: Herausfordernd sind die Schlussmoderationen, wenn wir mal schlecht gespielt und verloren haben.

Gibt es Dinge während deiner Zeit bei der TSG, die du im Nachhinein bereust?

Diehl: Nein, eigentlich nicht. Auch mein Ausrutscher beim Bayern-Spiel tut mir zwar leid, aber ich bereue es nicht, weil solche Fehler menschlich sind. Ich habe davon jedoch gelernt, dass ich in Zukunft in solchen Situationen erstmal abwarten werde und alles sacken lasse, um mir eine Übersicht verschaffen zu können.

Vor zwei Jahren führte die TSG als neues Anheizer-Lied kurz vor Anpfiff „Sweet Caroline“ in der DJ-Ötzi-Version ein, was bei vielen eingefleischten Fans in der Südkurve auf Gegenwind stieß. Wie gehst du mit solcher Kritik um?

Diehl: Wir gehen damit offen um und haben uns auch mit den entsprechenden Personen getroffen. Das betrifft auch nicht die gesamte Südkurve, sondern vielleicht 200 bis 300 Leute. Wir riefen „Sweet Caroline“ damals ins Leben, weil die Mannschaft auf uns zukam und sich vor Spielbeginn eine bessere Stimmung wünschte. Nadiem Amiri meinte damals zu mir: „Vor Anpfiff ist hier tote Hose. Wenn wir aus dem Tunnel kommen sieht das zwar alles schön aus, aber irgendwie kommt nichts rüber.“ Als wir dann mit „Sweet Caroline“ anfingen, kam es eigentlich überall gut an – auch bei diesen 200 oder 300 Fans in der Südkurve. Die Kritik kam erst auf, als das Ganze bereits anderthalb Jahre lief. Schließlich müssen wir für 30.000 Leute da sein und nicht nur für 200. Wir müssen versuchen, alle mitzunehmen. Bei unserem Treffen haben wir dann den Kompromiss vorgeschlagen, dass wir noch bis zum Saisonende mit „Sweet Caroline“ weitermachen und die betroffene Fangruppierung bis dahin eigene Vorschläge einbringt. Zu diesem Zeitpunkt wären es ohnehin nicht mehr viele Spieltage gewesen, doch die Gruppe bestand darauf, dass das Lied sofort aus dem Stadionprogramm verschwindet und setze ihre Proteste fort. Wir wollten allerdings nicht die große Mehrheit der Zuschauer verärgern und spielten es auch weiterhin. Durch Corona und die fehlenden Fans hat sich dieses Thema nun selbst erledigt. Kommende Saison wird „Sweet Caroline“ – zumindest an dieser Stelle – dann nicht mehr gespielt werden. Ich bin der Letzte, der künstlich Stimmung erzeugen will, doch bei uns hat man das offensichtlich gebraucht, da so kurz vor Anpfiff nichts los war. Jetzt hoffen wir, dass bald wieder Zuschauer ins Stadion dürfen und dann so richtig die Party auf den Rängen abgeht. Wir sind alle gespannt.

Wird in Zukunft nicht mehr kurz vor Anpfiff in Sinsheim gespielt: „Sweet Caroline“. (Bild: twitter.com/fappolus)

„Die Gedenkfeier für Peter Hofmann war die schwierigste Moderation meines Lebens“

Du sagst, Nadiem Amiri ist damals auf dich zugekommen. Hast du engen Kontakt zur Mannschaft?

Diehl: Der Kontakt hält sich in Grenzen. Wir begrüßen uns ganz normal, mit manchen gehe ich auch ab und zu etwas trinken, aber die Profis werden ja im Vergleich zu mir auch jünger (lacht). Die meisten wohnen in Heidelberg, ich wohne in Bad Schönborn. Außerdem wechseln die Spieler häufig, dass man nur schwierig eine echte Freundschaft aufbauen kann. Der einzige ehemalige TSG-Spieler, mit dem ich heute noch richtig gut befreundet bin, ist Pirmin Schwegler.

Im September 2020 verstarb Präsident Peter Hofmann im Alter von 61 Jahren. Viele Weggefährten beschreiben ihn als sehr bodenständigen und herzlichen Menschen. Wie hast du ihn erlebt?

Diehl: Peter Hofmann ist der Inbegriff der TSG Hoffenheim. Er war seit 1996 Präsident – ein sehr ruhiger und angenehmer Zeitgenosse. Wir waren schon sehr lange befreundet und sind auch gemeinsam in den Skiurlaub gefahren. Er war ein absolut bodenständiger, familiärer und hilfsbereiter Mensch. Die Gedenkfeier zu seinen Ehren war die schwierigste Moderation meines Lebens. Es war sehr emotional. In dieser Situation war ich wie gesteuert. Als ich danach daheimsaß, kam erst alles aus mir raus. Ich konnte an diesem Abend auch nicht schlafen.

Welche Erinnerungen verbindest du mit Peter Hofmann?

Diehl: Ich verbinde mit ihm sehr viele lustige Momente – zum Beispiel unsere gemeinsam Auswärtsfahrten oder die Skiurlaube. Wir haben zusammen immer sehr viel Spaß gehabt und sehr viel gelacht. Er war ein unheimlich bodenständiger und relaxter Typ. Er war nie ein „Glamour Man“, sondern genauso wie man sich Hoffenheimer vorstellt: Bodenständig, familiär und für jeden ein offenes Ohr. So ist er bei uns allen im Gedächtnis geblieben und wird es auch immer bleiben. Er wird immer bei uns sein. Als Zeichen dafür haben wir seine Initialen auf dem Kennzeichen des Mannschaftsbusses verewig. Zudem hängt sein Bild im Empfangsbereich der Geschäftsstelle.

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

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