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„Man gewöhnt sich ein Stück weit an dieses Chaos“ – Gegenerinterview vor dem Re-Start gegen Hertha BSC

Am Samstag (15:30 Uhr) startet die TSG nach zweimonatiger Zwangspause gegen Hertha BSC in die verbleibenden neun Bundesliga-Spiele. Nachdem er uns bereits im März Rede und Antwort stand, haben wir vor dem Re-Start mit Marc Schwitzky (Twitter: @jungerherr1892) von HERTHA BASE über die neusten Entwicklungen bei der Alten Dame gesprochen.

HOFFENEWS: Marc, bei unserem letzten Gespräch vor zwei Monaten hast du angesprochen auf die chaotische Situation im Verein gesagt, es könne ja eigentlich nicht schlimmer werden. In der vergangenen Woche hat die Hertha nun gleich zweimal für erneute Aufreger gesorgt. Wie lebt es sich in dieser Saison als Hertha-Fan?

Marc Schwitzky: Hätte jemand die diese Hertha-Saison als Drehbuch verfasst, hätte es wirklich kein Regisseur der Welt abgenommen – viel zu unrealistisch! Investor-Einstieg, vier Cheftrainer, 75 Millionen Winter-Transferausgaben, die gesamte Klinsmann-Posse, Kalou-Gate und nun auch noch Jens Lehmann. Das ist Stoff, den manch Klub in zehn Jahren nicht abgefeuert bekommt, und das ist sogar noch sehr wohlwollend geschätzt.

Um ehrlich zu sein: Man gewöhnt sich ein Stück weit an dieses Chaos, das sich wie ein roter Faden durch diese Spielzeit zieht. Zumindest fallen die Hertha-Fans nicht mehr aus allen Wolken, wenn der nächste Skandal um die Ecke kommt. Die Häme anderer Vereinsanhänger*innen kann man ohnehin nicht stoppen, also ordnet man den jeweiligen Sachverhalt für sich selbst ein und weiter geht die wilde Fahrt. Man hofft, diese Saison letztendlich als Albtraum ohne schlimmere Folgen verbuchen zu können und sich ab der kommenden Spielzeit wieder auf das Sportliche fokussieren zu können – mehr bleibt einem ja nicht zu hoffen.

HOFFENEWS: Salomon Kalou deckte in der vergangenen Woche mit seinem Facebook-Stream unfreiwillig auf, dass das DFL-Hygienekonzept bei der Alten Dame offenbar nicht von allen ernstgenommen wird. Kurz darauf wurde er suspendiert. Welche weiteren Konsequenzen hat der Klub gezogen?

Marc: Da der Verein vor allem auf die zahlreichen Fehltritte Kalous eingegangen ist und eben nicht auch noch auf die seiner Mitspieler und die der Mitarbeiter, war von weiteren Konsequenzen kaum etwas zu lesen. Natürlich beteuert die Vereinsführung, nun noch einmal alle am Trainingsbetrieb beteiligten Personen auf die Hygienevorschriften der DFL aufmerksam gemacht zu haben, aber über PR-Floskeln ginge das Ganze nicht hinaus.

Wurde durch sein Facebook-Stream zum „Whistleblower“ und anschließend suspendiert: Salomon Kalou (Foto: imago images)

HOFFENEWS: Bist du zufrieden damit, wie die Verantwortlichen mit der Situation umgegangen sind?

Marc: Die Suspendierung Kalous war wohl unumgänglich. Zu schwerwiegend waren seine Verfehlungen, zu groß der Druck von Öffentlichkeit und DFL. Dass man Kalou anschließend noch die Möglichkeit gelassen hat, sich in Interviews mit den Medien zu erklären (diese Gespräche hätte man ja auch unterbinden können) und auch ein Treffen mit der Mannschaft zu ermöglichen, in welchem sich Kalou entschuldigen durfte, war fair von den Verantwortlichen.

Dem gegenüber steht aber, dass Kalou in der offiziellen Vereinserklärung zu diesem Vorfall quasi als Einzeltäter präsentiert wurde. Man hatte seinen Sündenblock bereits gefunden und sich deshalb keine große Mühe gemacht, sämtliche Kritikpunkte aufzugreifen, wie beispielsweise, dass Kalous Mannschaftskollegen und auch Vereinsmitarbeiter ja ebenso den Handschlag ausgeübt und damit Hygienevorschriften missachtet hatten. Davon war in der Vereinserklärung nichts zu lesen. Auch dass Physiotherapeut David de Mel bei der Probenentnahme für die Corona-Tests nicht alles richtig gemacht hat, wurde nicht adressiert. Insgesamt fiel die Reaktion des Vereins also zu dünn aus.

HOFFENEWS: Wie bewertest du ansonsten das Krisenmanagement des Klubs während der Corona-Pandemie?

Marc: Es ist auf jeden Fall positiv hervorzuheben, wie viele soziale Projekte der Verein in dieser unterstützt oder selbst gegründet hat. Hertha hat bewiesen, welch wichtige Ressourcen und Reichweite Fußballvereine heutzutage zur Verfügung stellen können, um gesellschaftlich relevante Dinge anzuschieben.

Zwar kennt man nie alle Details, aber dass Herthas Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle allesamt in Kurzarbeit gehen mussten, während ein zweites Investment von Lars Windhorst in Höhe von 150 Millionen Euro diskutiert wird, ist von außen schwer nachvollziehbar. Dem Verein geht es wirtschaftlich aufgrund der Finanzspritze im vergangenen Sommer verhältnismäßig gut, nur 60% seines Lohns zu erhalten – besonders bei den Berliner Mietpreisen – tut hingehen immens weh. Diese Diskrepanz wird im Umfeld schon kritisiert.

Das Fazit fällt also gemischt aus.

HOFFENEWS: Vor allem die Fans zeigen sich während der Coronakrise solidarisch und initiieren verschiedene Aktionen. Wie sind die Anhänger der Hertha mit der besonderen Situation umgegangen?

Marc: Es gibt auch im Hertha-Umfeld zahlreiche unterstützenswerte Projekte, die vom Verein vereinzelt auch aufgegriffen wurden. Um den Rahmen nicht zu sprengen, möchte ich nur von einer Aktion explizit erzählen: der „Aktion Herthakneipe“. Hier haben sich Hertha-Fans zusammengetan, um Fankneipen in Berlin, die seit längerem ja keine Kundschaft und somit keine Einnahmen haben, finanziell zu unterstützen. Hierzu wird jeden Samstag um 15.30 Uhr ein Zoom-Meeting eröffnet, in dem Hertha-Fans zusammenkommen können und gemeinsam einen Kneipenbesuch digital erleben. Die Idee ist, dass die Getränke, die man normalerweise in dieser Zeit in der Kneipe getrunken hätte und nun aber zu Hause zu sich nimmt, am Ende zusammengerechnet und dem/der jeweiligen Wirt/in als Spende zukommen gelassen werden. Man kann aber auch einfach so spenden. Die zu unterstützende Kneipe wechselt jede Woche, zudem werden auch kleine Stargäste wie Andreas „Zecke“ Neuendorf, Axel Kruse oder Andreas Thom eingeladen. Eine tolle Sache, wie ich finde.

HOFFENEWS: Schon im März hatten wir besprochen, dass die Hertha im Sommer ein großer personeller Umbruch erwartet. Dabei gingst du davon aus, dass Investor Lars Windhorst erneut stark investieren wird. Welchen Einfluss könnte die Coronakrise auf die Personalplanung haben?

Marc: Tatsächlich wohl keinen großen. Windhorst hat nun noch einmal gegenüber der Süddeutschen Zeitung betont: „Wir sind bereit, nochmals einhundert, einhundertfünfzig Millionen Euro Eigenkapital zu investieren, wenn der Bedarf bestehen sollte.“ Seine Investments seien von der Coronakrise nicht beeinflusst, weshalb die erneute Finanzspritze demnächst erfolgen könnte.

Da Hertha den Gürtel wohl kaum enger schnallen muss, steht dem Umbruch nur wenig im Wege. Eventuell kriegt man sogar Spieler, die normalerweise woanders gelandet wären, da viele Konkurrenten auf dem Markt nicht dieselben finanziellen Mittel haben werden. Hertha als Gewinner der Krise, wenn man denn so will.

HOFFENEWS: Bereits vor der Zwangspause durch die Corona-Pandemie war abzusehen, dass Alexander Nouri keine Dauerlösung ist. Im April wurde nun Bruno Labbadia als neuer Trainer vorgestellt. Bist du zufrieden mit dem neuen Übungsleiter?

Marc: Auf jeden Fall. Labbadia erscheint nach all dem Chaos und der Großspurigkeit die Rückkehr zum Realismus zu sein. Er steh dafür, dass die Vereinsführung nun eventuell verstanden hat, zunächst einmal den ersten vor dem vierten Entwicklungsschritt zu gehen. Entgegen so mancher Meinung halte ich ihn für einen äußerst kompetenten Trainer, der ideal für diese Mission ist. Labbadia hat bei seinen letzten Stationen bewiesen, ein Team im freien Fall auffangen und stabilisieren zu können. In Wolfsburg hat er es dann geschafft, eine Mannschaft sichtlich weiterzuentwickeln und ihr eine klare spielerische Handschrift zu verpassen. Genau diese Eigenschaften werden aktuell bei der „alten Dame“ benötigt, zumal Labbadia mit seiner großen Erfahrung auch der geeignete Ruhepol in diesem zuletzt so chaotischen Verein sein kann.

HOFFENEWS: Nur sechs Tage nach dem Kalou-Video wurde bekannt, dass Investor Lars Windhorst Jens Lehmann in den Aufsichtsrat der Alten Dame berufen wird. Anschließend hagelte es erneut Spott und Häme. Kannst du Windhorsts Entscheidung nachvollziehen?

Marc: Ich kann verstehen, dass Windhorst grundsätzlich jemanden mit dem Profil Lehmanns sucht: riesige Erfahrung aufgrund der langen und erfolgreichen Spielerkarriere, Verbindungen ins Ausland und ein großer Name, um Hertha Image weiter auszubauen. Ob es dann aber jemand mit der Akte Lehmanns sein sollte, ist hingegen zu bezweifeln. Man kann dessen mehr als streitbare Aussagen zu Homosexualität im Fußball und den Corona-Maßnahmen nun einmal nicht wegdiskutieren. Ob man so jemanden als einer der Gesichter des Vereins installieren will, ist zumindest infrage zu stellen. Bei allem, was Lehmann sagt und das öffentlich viel Kritik erfährt, steht nun das Hertha-Label drauf – ungünstig. Ob das Hertha in ruhige Fahrwässer bringt, ist zu bezweifeln.

HOFFENEWS: Neben Lehmann wird auch Marc Kosicke, seines Zeichens Berater von Julian Nagelsmann und Jürgen Klopp, Aufsichtsrat bei der Alten Dame. Wie schätzt du diese Personalie ein?

Marc: Eine sehr spannende Entscheidung. Kosicke genießt einen äußerst guten Ruf in der Branche, viel vernetztere Menschen wird man im deutschen Fußball kaum finden. Seine professionelle Arbeitsweise wird von allen Seiten gelobt, etwas, das Hertha so dringend benötigt. Zudem kann Hertha von Kosickes anderer Perspektive auf den Fußball und wie Vereine arbeiten sollten, profitieren. Mit Michael Preetz, Jens Lehmann usw. arbeiten viele Ex-Fußballer im Verein, was natürlich nicht verkehrt ist, aber noch eine andere Sicht auf die Dinge und Arbeitskultur zu haben, empfinde ich persönlich als gewinnbringend. Auch das Kosicke sich überhaupt nicht in die Öffentlichkeit drängt, wird Hertha gut zu Gesicht stehen.

Auf der anderen Seite sind jedoch die Interessenkonflikte Kosickes. Er ist Berater zahlreicher Bundesliga-Trainer, wechselt nun aber auf die Vereinsseite. Das war vor ein paar Jahren noch untersagt und ich kann auch den Grund dahinter verstehen. Es hat einfach einen faden Beigeschmack, wenn jemand für „beide Teams“ spielt, niemand kann sagen, ob die Klienten Kosickes dessen Verhalten als Hertha-Funktionär unterbewusst nicht doch beeinflussen.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

HOFFENEWS: Zum Abschluss möchte ich noch auf das Spiel am Samstag zu sprechen kommen. Als erste der europäischen Top-Ligen kehrt die Bundesliga am Wochenende zurück. Hältst du diese Entscheidung für richtig?

Marc: Grundsätzlich muss ich sagen, dass ich es natürlich nachvollziehen kann, dass die DFL wie jede andere Firma versucht, den Betrieb wieder aufnehmen zu können. Die Kritik dahingehend empfinde ich als zu harsch, denn auch hier geht ein „Arbeitgeber“ nur seinen Pflichten nach. Zudem kann man über das Argument der „Selbstüberhöhung des Fußballs“ streiten, wenn demnächst auch wieder Fitnessstudios und Biergärten öffnen.

Weshalb ich die Entscheidung allerdings dennoch für falsch halte, fußt auf dem Konzept der DFL. Ich halte es schlicht für zu löchrig, das hat das Verhalten der Spieler im Kalou-Video eindrucksvoll bewiesen. Ein Konzept ist nur so gut wie seine Umsetzung und am zweiteren scheitert es aktuell, wie ich finde. Damit meine ich auch die Testbedingungen – so wie Herthas Physiotherapeut de Mel den Abstrich abgenommen hat, könnte dieser in solch einem Grad verfälscht sein, dass ein negatives Testergebnis womöglich keine Aussagekraft hat. Das gesamte Konzept fußt auf den hochfrequentierten Tests der Spieler, aber wenn diese fehlerhaft sind, dann wird das Ganze ab absurdum geführt. Diese Tests nicht von geschulten und externen Medizinkräften ausführen zu lassen, halte ich für falsch.

Des Weiteren zeigt das Beispiel Dynamo Dresden auf, dass in dieser Form des Spielbetriebs die Bedingungen für einen fairen Wettbewerb verloren gehen. In den kommenden Wochen werden immer wieder Teams in Quarantäne müssen, somit nicht einmal trainieren können. Diese Teams sollen dann aber wieder gegen Mannschaften spielen, die voll im Saft stehen? Zumal es auch einen psychologischen Effekt hat, wenn du als Spieler zu Hause sitzt und siehst, wie die Konkurrenz gerade punktet und vermeintlich davoneilt.

Der mentale Aspekt fehlt mir ohnehin, immer mehr Spieler äußern aktuell ihre Bedenken und Ängste, wieder auf dem Rasen zu stehen – etwas, das total verständlich ist, von den Verantwortlichen aber miserabel gehändelt wird. Kölns Birger Verstraete wird nach seinen geäußerten Bedenken im Folge-Interview mit dem Verein quasi mundtot gemacht, anstatt dass man seinen Aussagen mit Argumenten begegnet. Die Spieler wurden ohnehin in keinerlei Entscheidungsprozesse eingebunden, dabei sind sie die Hauptakteure und ggf. Leidtragenden. Das hat tatsächlich etwas von modernem Gladiatorenkampf und unterstreicht, dass es im Fußball wirklich nur noch um Geld geht.

Letzteres sollten die Verantwortlichen dann auch wenigstens offen zugeben. Stattdessen wird immer wieder von einem Eskapismus geredet, den man der Gesellschaft so gnädig ermöglichen würde. Als würde man den Menschen mit Geisterspielen unter widrigsten Bedingungen irgendeinen Gefallen tun. Als würden sich die Fußballfans unbändig auf den Wiederanpfiff freuen – das nehme ich zumindest in meinem Umfeld überhaupt nicht war. Diese Scheinheiligkeit des Fußballs ist fast schon schmerzhaft mitanzusehen.

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