Bild: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images
AktuellesKommentar

Kein business as usual

Am Samstag trifft die TSG Hoffenheim in der heimischen PreZero Arena auf den VfB Stuttgart. In normalen Zeiten ein Saisonhighlight, dem Fans und Beobachter mit Vorfreude und auch ein wenig Hass entgegenfiebern. Egal ob man das Duell Derby nennen will oder nicht: Für beide Fanlager gibt es wohl wenig Befriedigenderes, als siegreich aus dieser Partie hervorzugehen.

Normalerweise könnten wir im Vorlauf dieses Spiels über vergangene Duelle sprechen. Über Steven Zubers kontroversen Torjubel vor dem TSG-Auswärtsblock in der Mercedes-Benz-Arena, über eine 1:5-Niederlage im Jahr 2016 auf die der Stuttgarter Abstieg und der Hoffenheimer Klassenerhalt folgte oder auch über einen Last-Minute-Treffer von Sebastian Rudy. Doch zurzeit ist nichts normal und wir wollen auch nicht so tun, als wäre es so.

Keine Chancengleichheit

Sieben TSG-Spieler, ein Mitglied des Trainerteams und ein Betreuer befinden sich aufgrund einer COVID-19-Infektion in Quarantäne. Der Rest der Mannschaft konnte knapp eine Woche lang nicht als Gruppe trainieren. Ein Antrag auf Spielverlegung auf Sonntag, um 24 Stunden mehr Vorbereitungszeit zu haben, wurde von der DFL abgelehnt. Mit einer Not-Elf geht die TSG in eine Phase der Saison, in der zehn Spiele in 31 Tagen auf das Team von Sebastian Hoeneß warten. Angesichts dessen wäre es realitätsfern so zu tun, als wäre das, was wir uns am Samstag ansehen, ein sportlicher Wettbewerb.

Versteht uns nicht falsch: Dass es zu einer Situation kommen könnte, in der eine Mannschaft trotz erheblicher Corona-bedingter Ausfälle weiterspielen muss, war von Beginn an klar. Angesichts des eng getakteten Terminkalenders war dieser Umstand ein einkalkuliertes Risiko, das auch die TSG als Mitglied der DFL in vollem Umfang getragen hat. Dennoch wollen wir es nicht einfach als neue Normalität hinnehmen, dass die Chancengleichheit in dieser Form ausgehebelt werden kann.

Eine Corona-Infektion ist nicht vergleichbar mit einer üblichen Verletzung. Sie gehört nicht zum Berufsrisiko als Profi, sie betrifft im Ernstfall mehrere Spieler gleichzeitig, sie verhindert aufgrund von Quarantänemaßnahmen eine gewöhnliche Reha und sie kann ernste Langzeitfolgen haben. Im Gegenzug kann man mit Hygienekonzepten dafür sorgen, dass Infektionsketten unterbrochen werden. Die TSG wurde jedoch vom DFL-Konzept im Stich gelassen.

„Wir wollen keine Sonderrolle für den Fußball.“ – Christian Seifert, April 2020 (Bild: Arne Dedert/Pool/Getty Images)

Die Sonderrolle des Profifußballs

Wenn Profis während einer Pandemie auf Länderspielreise in Risikogebiete gehen und wenn Mannschaften trotz eines positiven Corona-Tests eines Teamkollegen nicht in Gruppenquarantäne müssen, da es in Bundesliga-Teams offenbar keine Risikobegegnungen gibt, dann ist es eben doch zu erklären, wie es zu einer solchen Häufung von Corona-Fällen kommen kann.

Leidtragende sind dabei nicht die Entscheider in den Klubs und Verbänden, sondern die Spieler, die sich dem Risiko aussetzen müssen und die Fans, die um einen sportlichen Wettbewerb betrogen werden. So oft uns DFL-Chef Christian Seifert auch vom Gegenteil überzeugen möchte: Der Profifußball nimmt in diesen Zeiten eine Sonderrolle in unserer Gesellschaft ein. Sein Umgang mit dieser Stellung ist dabei fragwürdig.

Angesichts der aktuellen Situation läge uns derzeit nichts ferner als eine gewöhnliche Berichterstattung. Wir werden das Spiel gegen den VfB Stuttgart und auch die Partien der folgenden Wochen nicht ignorieren und auch nicht boykottieren. Wir werden sie jedoch in den Kontext setzen, in den sie gehören: den absoluten Ausnahmezustand.

4 4 votes
Article Rating

Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

Top Reviews

ANZEIGE



ANZEIGE

Video Widget

gallery

0
Would love your thoughts, please comment.x
()
x