Foto: Peter Hartenfelser/imago
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Jahresrückblick (2/2): Mit Hoeneß durch die Krise

Hätte man das Jahr 2020 einem Filmstudio als Drehbuch gepitcht, man hätte wohl eine Absage erhalten. Zu unrealistisch wäre es gewesen, was in diesen zwölf Monaten passiert ist. Seit März bestimmte eine globale Pandemie unser Leben und sorgte für eine neue Normalität, der sich auch der Profifußball anpassen musste. Wie es der TSG Hoffenheim dabei erging, zeigen wir in unserem Jahresrückblick. Die erste Hälfte haben wir bereits gestern zusammengefasst, hier folgt der zweite Teil.

Juli: Ein aufregendes Sommerloch

Auch wenn im ersten Monat der Sommerpause kein einziges Spiel der Profis ansteht, fährt die TSG einen Sieg ein: Im Rechtsstreit gegen den fragwürdigen Ticket-Anbieter „Viagogo“ kommt es vorm Heidelberger Landgericht zu einem Urteil: Der Plattform ist der Weiterverkauf von Ticktes von Heimspielen der TSG unter Angabe falscher, angeblicher Originalpreise fortan strikt untersagt.

Bei den Anhängern der Hoffenheimer dreht sich derweil alles um die eine entscheidende Frage: Wer steht in der Saison 2020/21 an der Seitenlinie? Noch im Juni betont Sportchef Alexander Rosen, man setze beim künftigen Trainer auf eine „externe Lösung“. Diese sollte jedoch zeitig gefunden werden, immerhin sind es keine zehn Tage mehr bis zum geplanten Trainingsbeginn. Die vom Sommerloch geplagten Fußballmedien lassen das Trainerkarussell auf Hochtouren fahren: Die Namen Jesse Marsch (RB Salzburg), Valerien Ismael (vereinslos) und Gerardo Seoane (Young Boys Bern) fallen dabei am meisten. Mitte Juli taucht dann im kicker erstmals eine Schlagzeile auf, die man sich im Kraichgau wohl nie hätte vorstellen können: „Hoeneß zur TSG Hoffenheim?“

Gemeint ist damit nicht Ex-Bayern-Präsident  Uli, sondern dessen Neffe Sebastian. Dieser feiert nur kurz zuvor noch mit der zweiten Mannschaft des FCB den Meistertitel in der 3. Liga. Am 27. Juli macht es die TSG dann offiziell: Der 38-Jährige ist fortan der neue Cheftrainer. Einen Tag nach der Verkündung verlässt Torwart-Talent Gregor Kobel die Hoffenheimer nach fünf Jahren für eine Ablöse von vier Millionen Euro fest in Richtung Stuttgart. Auch der andere Backup im Kasten, Michael Esser, kehrt zu seinem Ex-Klub nach Hannover zurück. Die Nummer eins Oliver Baumann verlängert hingegen seinen Vertrag bis 2023.

Alex Rosen (r.) bei der Vorstellung des 19. TSG-Cheftrainers Sebastian Hoeneß. Das müde Gesicht kommt möglicherweise von der einen oder anderen Journalisten-Frage zu seinem Nachnamen. (Foto: imago)

August: Trikot, Tore, Tegernsee 

Kurz vor der ersten Trainingseinheit unterm neuen Chef veröffentlicht die TSG am vierten August das neue Home-Trikot. Noch am gleichen Tag kommt es zur ersten Verpflichtung des Transferfensters: Mijat Gacinovic wechselt von der Eintracht aus Frankfurt in den Kraichgau, im Gegenzug steht der Schweizer Steven Zuber fortan bei den Hessen unter Vertrag. Bei diesem Tauschdeal kassiert Hoffenheim zudem noch eine zusätzliche Ablöse von drei Millionen Euro.

In der Bundesliga wird erstmals ernsthaft über eine Fan-Rückkehr diskutiert. Die Corona-Zahlen schwanken in Deutschland stets zwischen wenigen Hundert und knapp über Tausend bestätigten Fällen am Tag. Bahnt sich eine zweite Welle an oder entspannt sich die Lage? Die Testspiele der TSG, die ihr Trainingslager am bayrischen Tegernsee abhält, werden vorerst alle unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgehalten.

Beim Test gegen den FSV Mainz 05 (2:1) kommt es dann zum wohl humorvollsten Highlight des Monats. Während des Livestreams der 05er grüßt der Kommentator Mario auf den Wunsch eines Users dessen Freundin. Ob diese wirklich existiert, bleibt ein bis heute zweifelhaftes Mysterium. Doch bis der Fall final aufgeklärt wird, auch nochmal von uns liebe Grüße, Fixi Hartmann.

Sonniges Sommerlager am bayrischen Tegernsee. Preisfrage: Mit wem redet Co-Trainer David Krecidlo auf diesem Bild? A)Kevin Vogt oder B) Joao Klauss.(Foto: imago images)

September: Zwischen Trauer und Jubel

Der September beginnt für die TSG mit einem Dämpfer, wie er härter kaum hätte kommen können: Vorstand Peter Hofmann verstirbt im Alter von gerade einmal 61 Jahren. Hofmann, der 1966 erstmals in den Verein eintrat, prägte den Klub wohl wie kein zweiter. 34 Jahre lang war er Funktionär, 24 davon Präsident, acht Mal wurde der in Hoffenheim lebende Elektriker von den Mitgliedern wiedergewählt. Kurz vor Weihnachten 2019 hatte er die Diagnose Leukämie bekommen und konnte den Kampf gegen den Blutkrebs letztlich nicht mehr gewinnen.

Auf dem Platz startet die Saison der Hoffenheimer hingegen positiv: Nach einem knappen Pokalsieg im Elfmeterschießen (nach 2:2) beim Viertligisten Chemnitz, steht der Liga-Auftakt der TSG in Köln an. Mit dem 3:2-Siegtreffer in der Nachspielzeit gewinnt man denkbar knapp, alle Treffer hat man – wie schon im Pokal gegen Chemnitz – dem Kroaten Andrej Kramaric zu verdanken. Am darauffolgenden Spieltag kommt es zu gleich zwei Krachern: Nicht nur ist der Rekordmeister aus München zu Gast, auch ist es das Comeback der Fans in die PreZero-Arena. Mit einer von der DFL und dem Land Baden-Württemberg geregelten Teilzulassung, sind am zweiten Spieltag 6.030 Heim-Fans zugelassen.

Und diesen wird ein Spektakel geboten: Mit 4:1 fegt man die Münchener vom Platz. Erst köpft Bicakcic zur Führung, dann erhöht Dabbur. Ehe sich die Münchner noch mit Kimmichs 2:1-Anschlusstreffer ernsthaft Hoffnung machen können, entscheidet Kramaric die Partie mit einem Doppelpack. „Ruhe in Frieden, Peter“ skandieren die Fans in der Südkurve, vor dem Spiel hielten die Mannschaften eine Schweigeminute ab. Dieser Sieg – da ist man sich im Kraichgau einig – war auch für ihn.

Vor dem Anpfiff der Heim-Gala hielt die PreZero-Arena für Peter Hofmann eine Minute inne. (Foto: imago images)

Oktober: Gute Deals, schwache Spiele

Pandemie-bedingt steigt der abenteuerliche Deadline-Day der Top-Ligen Europas erst am fünften Oktober. Kurz zuvor drehen die Medien rund um die TSG nochmal am Rad, als Schlagzeilen den Umlauf machen, Kramaric und Grillitsch stünden vor dem Abgang. In der Causa Kramaric soll angeblich der FC Bayern höchst persönlich angefragt haben. Als Fans im Netz vorm ersten Spieltag verzweifeln, weil Florian Grillitsch nicht im Kader steht, bedarf es sogar ein Video des Pressesprechers Holger Kliem, in dem er erklärt, dass der Österreicher verletzt sei, zur Beruhigung. Und beide Gerüchte sollten nichts mehr als Gerüchte bleiben. Auch wenn es dem Hoffenheimer Kader schon vor diesem Tag sicherlich nicht an Breite mangelt, schlägt man selbst gleich doppelt zu: Sowohl das 20-jährige Talent Ryan Sessegnon von Tottenham als auch der verlorene Sohn Sebastian Rudy von Schalke werden für eine Spielzeit ausgeliehen.

Zwei Tage zuvor verliert man trotz Traumtor Kramarics mit 1:2 in Frankfurt. Darauf folgt eine mehr als umstrittene Länderspielpause, die schwere Folgen hat: Top-Stürmer Kramaric und Innenverteidiger Kasim Adams kommen mit positiven Corona-Tests zurück in den Kraichgau, Dauerbrenner Pavel Kaderabek begibt sich nach einem positiven Fall im familiären Umfeld ebenfalls in Quarantäne. Zudem sind alle Spieler mehr als erschöpft. TSG-Sportchef Alexander Rosen macht seinen Unmut schon vor der Partie gegen den BVB am vierten Spieltag am Mikrofon von Sky breit. Auch der Gast aus Dortmund leidet unter den Bedingungen, siegt jedoch durch ein spätes Tor von Marco Reus knapp mit 1:0 in Sinsheim.

Die Woche darauf holt man in Bremen durch ein zerfahrenes 1:1 erstmals wieder einen Punkt, doch attraktiver Fußball? Fehlanzeige. Lediglich in der Europa League scheint es zu laufen: Erst siegt man 2:0 gegen Roter Stern Belgrad und bleibt unter Hoeneß erstmals gegentorlos, danach schlägt man Gent auswärts mit 4:1. Beim Spiel gegen Roter Stern wird Mittelfeldmann Grillitsch aus einem kuriosen Grund ausgewechselt: Seine Frau Hannah wartet nämlich bereits mit Wehen in der Klinik auf ihn. Am Ende kommt das Kind zwar erst spät in der Nacht zur Welt, wird von Coach Hoeneß hinterher dennoch liebevoll „Europa-League-Baby“ getauft.

Laut den Expected Goals ein Treffer mit gerade einmal vierprozentiger Torwahrscheinlichkeit: Kramarics achtes Saisontor im vierten Pflichtspiel in Frankfurt. (Foto: imago images)

November: TSG 1899 Coronaheim

Der November startet gleich mit einer bitteren Niederlage samt Skov-Rot gegen Union Berlin (1:3). Kurz darauf werden Jacob Bruun Larsen und ein Mitglied des Betreuerstabs positiv auf das Coronavirus getestet, im tschechischen Liberec gewinnt man unter der Woche noch klar mit 5:0. Doch die Stimmung sollte kippen: Neben einer enttäuschenden 1:2-Niederlage in Wolfsburg, kommt es bei der bevorstehenden Länderspielpause zum Ausnahmezustand: Munas Dabbur, Robert Skov, Ishak Belfodil, Sebastian Rudy, Kevin Vogt und ein Mitglied des Trainerteams erhalten ebenfalls positive Abstriche. Viele Hoffenheimer Nationalspieler werden von ihren Auswahl-Teams zurückgerufen und begeben sich wie die in Zuzenhausen verbliebenen Spieler in Quarantäne. Sargis Adamyan, der trotz der Corona-Fälle nicht vorzeitig die Heimreise von der armenischen Nationalmannschaft antritt, wird vor seiner Rückkehr ebenfalls positiv getestet, sodass nach den Länderspielen ganze sieben Corona-Fälle im Profikader sowie zwei weitere im Trainer- und Betreuerstab zu Buche stehen. Wie es zu dieser Misere kommen konnte und weswegen das DFL-Hygienekonzept den sportlichen Wettbewerb in Zeiten der Pandemie unmöglich macht, haben wir bereits in einem Artikel ausführlich geschildert.

Parallel erzielt das Virus in Deutschland Rekordzahlen, das Land bereitet sich langsam aber sicher auf einen erneuten „harten“ Lockdown vor. An Zuschauer in Stadien ist schon längst nicht mehr zu denken. Ob das Derby der Hoffenheimer gegen den VfB Stuttgart keine zehn Tage später mit diesem Kader überhaupt stattfinden kann, ist unklar. Ein Antrag auf eine Verlegung des Duells um einen Tag wird von der DFL jedoch abgelehnt. Letztendlich findet die Begegnung wie geplant statt: Hoffenheim tritt überraschend stark auf und gibt kurz vor knapp noch den Sieg aus der Hand. Das Derby endet 3:3. In der Europa League macht man fünf Tage später mit einem ernüchternden 2:0 gegen Liberec das Weiterkommen klar, ehe man in der Liga gegen Mainz wieder sieglos bleibt: Beim 1:1 in der Opel Arena fängt sich Dennis Geiger sogar noch eine Rote Karte ein und wird vom Sportgericht für seinen Gehfehler im Mittelfeld für drei Spiele gesperrt.

Ein in diesem Jahr oft gesehenes Bild: leere Plätze in Sinsheim. (Foto: imago images)

Dezember: Goallitsch, Spuckattacke und Pokal-Aus

Im Dezember setzt man der Sieglos-Serie, die immerhin seit sieben Spieltagen anhält, endlich ein Ende: Beim 3:1 gegen den FC Augsburg blüht vor allem der auf die Zehn gesetzte Grillitsch auf und schlägt doppelt zu. In der Europa League bleibt man hingegen erstmals ohne Dreier, ist durch das 0:0 in Belgrad aber dennoch Gruppensieger. Nach zig vergebenen Chancen, individuellen Fehlern, zwei Platzverweisen, einem Handelfmeter und fraglichen Schiedsrichter-Entscheidungen, ist der Maximalpuls eines TSG-Anhängers beim 1:4 in Leverkusen auch endgültig erreicht. Die knappe 0:1-Niederlage im „El Plastico“ gegen RB Leipzig drei Tage später hilft wenig bei der Verarbeitung.

Im Hinrunden-Endspiel bei Borussia Mönchengladbach kommt es dann zum letzten Aufreger des Jahres: Erst gehen die Fohlen durch Lars Stindls Strafstoß in Führung, ehe Kramaric 25 Minuten vor Schluss ausgleicht. Kurze Zeit später geraten Hoffenheims Stefan Posch und Gladbachs Marcus Thuram aneinander. Letzterer spuckt dem Österreicher dabei ins Gesicht und wird von Schiedsrichter Willenborg zurecht mit Rot vom Platz gestellt. Wohl noch in Schockstarre gehalten, dreht Sessegnon das Spiel mit seinem zweiten Saisontreffer zum 2:1-Endstand. In der Liga steht man damit auf dem zwölften Tabellenplatz.

Zwei Tage Tage vor Weihnachten steht dann das letzte Pflichtspiel 2020 an: die TSG empfängt in der zweiten Runde des Pokals Greuther Fürth und tritt nach einer starken Anfangsphase enttäuschend auf: Beim Stand von 2:2 pariert Baumann vier Minuten in der Nachspielzeit sogar noch den Elfmeter von Paul Seguin, ehe Vogt den Ball spektakulär aus der Gefahrenzone pfeffert. Die darauffolgende Verlängerung verläuft Highlight-arm, sodass es nach 120 Minuten ins Elfmeterschießen geht. Dieses beginnt zunächst gut, bis zum fünften Schützen führt man sogar. Danach verschießen erst Vogt und Bogarde, später scheitert Adams entscheidend am Querbalken. Als Marco Meyerhöfer den Ball als neunter Schütze verwandelt, steht das Pokal-Aus Hoffenheims fest. Warum allerdings bei neun Schützen nicht einmal der erfahrene Stürmer Belfodil am Punkt steht, sondern eher auf Spieler wie den 18-jährigen Innenverteidiger Bogarde gesetzt wird, bleibt uns ein Rätsel. Die Hoffenheimer dürfen mit diesem Stimmungsdämpfer in die kurzen Winterferien gehen, direkt am zweiten Januar kommenden Jahres steht mit dem SC Freiburg in der Liga das Baden-Derby an.

Wie aus Fohlen Lamas werden: Marcus Thuram (l.) bei seiner Spuckattacke gegen Stefan Posch. (Foto: imago images)

Und auch für uns als Hoffenews geht mit diesem letzten Artikel 2020 ein aufregendes Jahr zu Ende: Dutzende News, Analysen, Interviews, Vorberichte und Portraits. Seit Frühjahr sind wir zudem fest auf dem weltweit größten Fußballnews-Portal Onefootball vertreten. Schaut gerne auch mal bei unserer Website, unserem Podcast, oder unseren sozialen Kanälen vorbei (Facebook, Instagram, Twitter). Ansonsten wünscht Hoffenews guten Rutsch!

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Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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Jakob Uebel
Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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