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Jahresrückblick (1/2): Ohne Alfred nach Schreuropa

Hätte man das Jahr 2020 einem Filmstudio als Drehbuch gepitcht, man hätte wohl eine Absage erhalten. Zu unrealistisch wäre es gewesen, was in diesen zwölf Monaten passiert ist. Seit März bestimmte eine globale Pandemie unser Leben und sorgte für eine neue Normalität, der sich auch der Profifußball anpassen musste. Wie es der TSG Hoffenheim dabei erging, zeigen wir in unserem Jahresrückblick. Los geht es mit der ersten Jahreshälfte. 

Januar: Wechselreigen und Hackentreffer

Das Jahr 2020 startet für die TSG Hoffenheim in der Sonne. Im südspanischen Marbella bereitet sich das Team von Alfred Schreuder mit Testspielen gegen die niederländischen Erstligisten Feyenoord (2:3) und ADO Den Haag (2:1) auf die Rückrunde vor. Mit von der Partie ist auch Kevin Vogt, der kurz vor Ende des vergangenen Jahres von seinem Kapitänsamt zurücktrat, nachdem er zum Teil nicht einmal in den Kader berufen worden war. Doch nicht lange, denn noch vor dem Rückrundenauftakt gegen Frankfurt wechselt der Innenverteidiger leihweise bis zum Saisonende zu Werder Bremen.

Neben dem Ex-Kapitän wird Außenverteidiger Joshua Brenet ins niederländische Arnheim verliehen. Lukas Rupp (Norwich), Philipp Ochs (Hannover), Robert Zulj (Bochum) und Brighton-Leihgabe Jürgen Locadia (Cincinnati) verlassen die TSG hingegen endgültig. Auf der Zugang-Seite stehen zunächst nur der israelische Stürmer Munas Dabbur (Sevilla) und Torhüter Michael Esser (Hannover), der nach Oliver Baumanns Meniskus-Verletzung als Backup verpflichtet wird. Am letzten Tag der Transferperiode schlägt Alexander Rosen jedoch noch einmal überraschend zu und holt Jacob Bruun Larsen aus Dortmund.

Sportlich ist die Bilanz im Januar derweil ausgeglichen. Wie bereits in der Hinrunde setzt es zum Auftakt gegen die Frankfurter Eintracht eine Niederlage (1:2). Baumann-Vertreter Philipp Pentke feierte dabei seine Bundesliga-Premiere und machte trotz zweier Gegentore eine gute Figur. Eine Woche später folgt in Bremen der erste Sieg des Jahres. Christoph Baumgartner erzielt dabei ein sehenswertes Hackentor, das sogar für das Tor des Monats der Sportschau nominiert wird. Zwei Tage später bestätigen bayerische Behörden den ersten COVID-19-Fall in Deutschland.

Hacke, Spitze, eins, zwei, drei: Christoph Baumgartner trifft sehenswert. (Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Februar: Der vorerst letzte Sieg, ein Pokal-Fight und eine „Geste des Jahres“

Der Februar startet, wie der Januar aufgehört hat: Mit einem Sieg – diesmal gegen Bayer Leverkusen (2:1) –, der der letzte für mehr als dreieinhalb Monate sein sollte. Im Achtelfinale des DFB-Pokals gastiert die TSG beim FC Bayern und liefert dem angehenden Triple-Sieger einen couragierten Kampf. So liegen die Kraichgauer nach 80 Minuten zwar mit 4:1 hinten, schrammen dank einem Doppelpack des Neuzugangs Dabbur jedoch nur knapp an der Verlängerung vorbei. Nach dem Pokal-Fight wird es ein ernüchternder Monat für Hoffenheim. Im badischen Derby beim SC Freiburg kann die Schreuder-Elf ihre spielerische Überlegenheit nicht in Tore ummünzen und verliert mit 0:1. Beim Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg (2:3) muss man sich eine Woche später erneut geschlagen geben. Wölfe-Stürmer Wout Weghorst zeigt dabei einen Gala-Auftritt, während der VAR gleich mehrfach eingreifen muss.

Danach rückt das Geschehen auf dem Platz weitgehend in den Hintergrund. Nur ein Tag vor dem Aufeinandertreffen mit Borussia Mönchengladbach verhängt das DFB-Sportgericht gegen die Fans des BVB wegen erneuter Beleidigungen und Schmähplakate gegen TSG-Mäzen Dietmar Hopp im Dezember 2019 einen zweijährigen Ausschluss bei Gastspielen in Sinsheim. Die Anhänger der Fohlen nehmen das Urteil zum Anlass für erneute Provokationen und sorgen mit einem Fadenkreuz-Banner für eine Spielunterbrechung. Die TSG zeigt sich davon unbeeindruckt und gleicht in der Nachspielzeit in Person von Lucas Ribeiro, der erst drei Minuten zuvor seinen Bundesliga-Einstand feierte, zum 1:1-Endstand aus.

Die Spielunterbrechung in Gladbach ist jedoch erst ein Vorgeschmack für das, was folgen soll. Beim 0:6-Debakel gegen den FC Bayern tauchen in der 67. Minute im Gästeblock erneut beleidigende Banner gegen Hopp auf, woraufhin Schiedsrichter Christian Dingert die Partie kurzzeitig unterbricht. Keine zehn Minuten später kommt es zu einer zweiten Unterbrechung. Nach fünf Minuten betreten die Akteure beider Mannschaften wieder den Platz und spielen sich aus Solidarität mit dem SAP-Gründer für die verbleibebende Spielzeit den Ball hin und her. Ein Boulevardblatt kürt diese Szene später zur „Geste des Jahres“. Auch in anderen Stadien kommt es parallel zu Protesten und Spielunterbrechungen, die in der Folge zunehmen. Eine hitzige Debatte über den richtigen Umgang mit Beleidigungen, über Kollektivstrafen und über die Kommerzialisierung des Fußballs entbricht, die bis in den März hineinragt.

„Geste des Jahres“: Der FC Bayern und die TSG solidarisieren sich nach Schmähplakaten mit Dietmar Hopp. (Foto: Getty Images)

März: Der Stillstand

Auch Anfang März gehen die Protestaktionen gegen Hopp und den DFB weiter. Beim 1:1 der TSG auf Schalke halten sich die Banner den Tribünen jedoch im Rahmen. Auf dem Platz kontert derweil Christoph Baumgartner in der zweiten Hälfte den frühen Treffer von Weston McKennie. Was beide Teams nicht ahnen können: Das 1:1 war ihr letztes Spiel für mehr als zwei Monate.

Nur einen Tag nach dem Remis in Gelsenkirchen ruft Gesundheitsminister Jens Spahn dazu auf, Großveranstaltungen mit über 1.000 Teilnehmern aufgrund der steigenden Ausbreitung des Coronavirus abzusagen. Während die DFL den 26. Spieltag vorerst wie geplant durchführen sowie die Entscheidung über Geisterspiele den Gesundheitsämtern überlassen möchte und dafür heftige Kritik erntet, entscheidet die TSG ohne behördliche Anordnung, das anstehende Spiel gegen Hertha BSC ohne Zuschauer stattfinden zulassen. Erst wenige Stunden vor dem geplanten Freitagsspiel zwischen dem SC Paderborn und Fortuna Düsseldorf zieht die Liga nach mehreren Corona-Fällen die Notbremse und sagt den Spieltag ab.

Ab jetzt ruhen der Trainings- und Spielbetrieb bis auf Weiteres und auch das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Nach ersten Veranstaltungsabsagen und Schulschließungen einigen sich Bund und Länder am 22. März auf strenge Ausgans- und Kontaktbeschränkungen. Hoffenheim zeigt sich in der Folge solidarisch. Der Klub richtet einen Hilfsfonds ein, der Vereinen in der Rhein-Neckar-Region zugutekommt. Zudem starten auch die Anhänger der TSG eine Hilfsaktion. Unter dem Motto „Fans helfen Fans“ bieten die Ultras in Zusammenarbeit mit der Fanbetreuung Hundesitting und Einkaufshilfe für Menschen an, die sich in Quarantäne befinden oder den Alltag nicht allein bewältigen können. Hopp bleibt derweil aufgrund seines Biotech-Unternehmens CureVac weiter im Fokus der Öffentlichkeit und stellt einen Corona-Impfstoff seiner Firma bereits für den Herbst in Aussicht – eine Prognose, die nicht eintreffen sollte.

Stillstand: Eine Lungenerkrankung hält den Profifußball im Atem. (Foto: imago images)

April: Rückkehr in Kleingruppen und Sieb-Posse

Während sich Deutschland weiterhin im Shutdown befindet, startet die TSG Anfang April nach mehr als drei Wochen im „Homeoffice“ unter Auflagen ins Kleingruppentraining. Die DFL arbeitet derweil mit Hochdruck an einer Saisonfortsetzung. Möglich gewacht werden soll der Restart von der „Task Force Sportmedizin / Sonderspielbetrieb“, die ein umfassendes Hygienekonzept für die deutschen Profiligen erarbeitet. Zum Ende des Monats sieht sich die Bundesliga bereit für eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Mai und wartet auf das grüne Licht der Politik.

Mäzen Hopp tritt derweil etwas mehr als einem Monat nach den Schmähplakaten beim Spiel gegen den FC Bayern im Aktuellen Sportstudio des ZDF auf, wofür er trotz eines Friedensangebots an die Fans scharf kritisiert wird. Daneben sorgt der Wechsel von U19-Spieler Armindo Sieb zum FC Bayern für Aufregung. So ließ der Rekordmeister den 17-Jährigen ohne Rücksprache mit den Hoffenheimer Verantwortlichen in München zum Medizincheck antreten. TSG-Sportdirektor Rosen reagiert bei Sport1 empört auf das Vorgehen des FCB: „Vor dem Hintergrund der aktuellen Coronakrise mit all ihren Einschränkungen und Herausforderungen fehlen mir für so ein Verhalten die Worte.“

Unter Auflagen: Die TSG ist zurück auf dem Trainingsplatz. (Foto: imago images)

Mai: Der Stotter-Restart

Am 6. Mai erhält die Bundesliga grünes Licht von der Politik für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Ohne Zuschauer startet die TSG am 16. Mai gegen Hertha BSC in die letzten neun Saisonspiele, obwohl sich in einer Umfrage der ARD kurz zuvor noch 56 Prozent der Befragten gegen den Restart aussprechen. Während sich die Sorgen, dass sich Fans vor den Stadien versammeln könnten, nicht bestätigen, kommt es bei der 1:3-Niederlage der TSG gegen den „Big City Club“ dennoch zu einem Aufreger. So halten sich die Berliner, die bereits zuvor durch den Livestream Salomon Kalous mit einer schlechten Handhabung des Hygienekonzepts Schlagzeilen machten, nicht an die Empfehlung der DFL, beim Torjubel Abstand zu halten.

Auch das Auswärtsspiel beim SC Paderborn verläuft für die TSG ernüchternd. Trotz eines dominanten Auftritts muss sich die Schreuder-Elf mit einem 1:1 zufriedengeben. Den ersten Sieg gibt es nur vier Tage später gegen den 1. FC Köln (3:1). Dabei zeigt der an allen Toren beteiligte Christoph Baumgartner einen Gala-Auftritt. Und auch wenige Tage später gibt es gegen Mainz 05 trotz eines verschossenen Elfmeters von Steven Zuber die nächsten drei Punkte.

Guten Freunden gibt man ein Küsschen: Dendryck Boyata (l.) und Marko Grujic (r.) nehmen es beim Restart mit den DFL-Empfehlungen nicht ganz so genau. (Foto: THOMAS KIENZLE/AFP via Getty Images)

Juni: Alfred fliegt vom Schreuder-Sitz, Hoffenheim nach Europa

In Düsseldorf kann die TSG unter erschwerten Bedingungen die Siegesserie nicht ausbauen. Ab der neunten Minute müssen die Kraichgauer aufgrund einer mehr als fragwürdigen Roten Karte für Kapitän Benjamin Hübner in Unterzahl auskommen. Dabei gelingt es dem Team nach 0:1-Rückstand sogar, die Partie zu drehen. Nach einem Elfmetertor von Rouwen Hennings steht dennoch nur ein Punkt zu Buche.

Drei Tage nach dem Remis kommt es zum Paukenschlag: Die TSG trennt sich überraschend von Trainer Alfred Schreuder. Der Niederlänger lag mit Platz sieben nach 30 Spieltagen zwar im Soll, stand aber vor allem wegen seines pragmatischen Spielstils und seiner teils kuriosen Personalentscheidungen häufig in der Kritik. Bis zum Saisonende übernehmen U19-Chef Marcel Rapp, Co-Trainer Matthias Kaltenbach und U17-Coach Kai Herdling das Amt des Niederländers als Team und müssen sich in ihrem ersten Spiel trotz couragierter Leistung gegen RB Leipzig mit 0:2 geschlagen geben. Sportdirektor Alexander Rosen betont nach der Partie: „Das war Hoffenheim-Style.“

Schon im nächsten Spiel wird der Mut der Hoffenheimer Verantwortlichen belohnt: Gegen den FC Augsburg feiert das Team einen 3:1-Sieg und auch Union Berlin wird in der leeren PreZero-Arena mit 4:0 vom Platz gefegt. Vor dem letzten Spieltag steht die TSG punktgleich mit dem VfL Wolfsburg, aber mit einer schlechteren Tordifferenz, auf dem siebten Tabellenplatz und hat die Teilnahme an der Qualifikationsrunde für die Europa League sicher. Doch mit einem Sieg gegen den BVB könnten die Kraichgauer noch die direkte Teilnahme sichern – und das gelingt ihnen bravourös: Mit vier Toren schießt Andrej Kramaric die Schwarz-Gelben ab und erzielt den letzten Treffer per No-Look-Elfmeter. Im Parallelspiel verliert Wolfsburg ebenso hoch beim FC Bayern. Die TSG qualifiziert sich nach dem wohl größten Umbruch und der verrücktesten Saison ihrer Klubgeschichte zum zweiten Mal für die Europa League!

Will es nicht mit ansehen: Andrej Kramaric schnürt gegen den BVB einen Viererpack. (Foto: imago images)

Hier kommt ihr zum zweiten Teil unseres Jahresrückblicks für die Monate Juli bis Dezember

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

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