Aktuelle Beiträge

Foto: imago images
AktuellesInterview

„Ich war genauso perplex wie viele Außenstehende“ – Gegnerinterview vor dem Duell gegen den FC Augsburg

Nach der 0:2-Heimniederlage gegen RB Leipzig ist die TSG am Mittwoch beim FC Augsburg zu Gast. Vor dem Duell in der Fuggerstadt haben wir mit Kristell Gnahm (Twitter: @Kristaldo1907), Podcasterin bei „Auf die Zirbelnuss“ und „FRÜF – Frauen reden über Fußball“, gesprochen. Sie erzählte uns unter anderem, was sie vom Trainerwechsel beim FCA vor der Corona-Pause hielt, was sich unter dem neuen Coach Heiko Herrlich verändert hat und wie sie zur TSG steht. Außerdem blickten wir mit ihr gemeinsam auf das Spiel am Mittwochabend voraus.

Hoffenews: Kristell, mit einem Sieg gegen die TSG könnten die Fuggerstädter zwei Spieltage vor Schluss den Klassenerhalt klar machen. Wie zufrieden bist du mit dem Saisonverlauf?

Kristell Gnahm: Nicht so sehr: Dass es wie immer um nicht viel mehr als den Klassenerhalt gehen würde, war natürlich nichts Neues, aber die Art und Weise, wie der FCA immer wieder Punkte liegen gelassen oder sogar hergeschenkt hat, tat schon etwas weh. Auch die zahlreichen Nebenschauplätze, die vor allem von der Trainerbank ausgingen, sind etwas, was ich von meinem Verein nicht gewohnt bin.

Hoffenews: Der FCA spielt seit 2011 in der Bundesliga und ist mittlerweile ein fester Bestandteil. Einmal schaffte man es nach Europa, sechsmal landete man in der unteren Tabellenhälfte. In welcher Rolle siehst du den Klub langfristig?

Kristell: Dass jemand den FCA als festen Bestandteil der ersten Bundesliga der Männer sieht, ist zumindest immer noch eine Überraschung für mich! Ja, es stimmt, es sieht alles danach aus als würde Augsburg ein zehntes Jahr erstklassig spielen, und das stimmt mich natürlich sehr stolz. Das hätte 2011 niemand gedacht. Aber auch in der nächsten Saisonvorschau wird es kein außergewöhnlicher Tipp sein, den FCA als Abstiegskandidaten zu nennen, und das ist für mich in Ordnung. Sieht man sich die finanziellen Verhältnisse in der Liga an, ist trotz aller Corona-bedingten Verwerfungen bei einigen Platzhirschen der FCA weiterhin ein kleines Licht im Konzert der Großen. Für mich bleibt der FCA noch über lange Zeit ein Verein, der in den unteren Tabellenregionen zuhause ist, vielleicht sogar mal absteigt, aber sich hoffentlich auch langfristig als einer der 20 besten Vereine etabliert und dabei weiter seinen eigenen Weg findet, aus wenig ganz viel zu machen, und dabei stets solide da zu stehen.

Hoffenews: Kurz vor der Corona-Pause trennte sich Augsburg von Trainer Martin Schmidt. Für viele Außenstehende kam der Zeitpunkt der Entlassung überraschend, da man in seinem letzten Spiel dem FC Bayern einen guten Kampf geliefert hatte. Was waren die Gründe?

Kristell: Das ist eine sehr gute Frage, denn ich war genauso perplex wie viele Außenstehende. Die Entlassung machte für mich zu diesem Zeitpunkt keinen Sinn mehr, ich hätte sie an einem früheren Spieltag eher nachvollziehen können, denn es hatte sich bereits vorher keine Verbesserung der Leistungen abgezeichnet. Nun kamen aber die Spiele im Spielplan, in denen es in der Hinrunde steil bergauf ging, und es war in meinen Augen durchaus absehbar, dass auch unter Schmidt wieder eine Verbesserung möglich gewesen wäre. Die Verantwortlichen bewerteten das anders. Leider machte Corona dann sogar den Trainereffekt kaputt, also nicht mal das hat uns der Rauswurf gebracht. Ziemlich bitter.

Hat hoffentlich genug Hautcreme und Zahnpasta: Heiko Herrlich (Foto: Kai Pfaffenbach/Pool via Getty Images)

Hoffenews: Unter seinem Nachfolger Heiko Herrlich holte man bisher zwei Siege, zwei Remis und zwei Niederlagen. Wie hat sich das Team unter dem neuen Coach bisher entwickelt?

Kristell: Ich würde gern sagen, dass Herrlich dem Team bereits eine klare neue Ausrichtung gegeben hat, die Früchte trägt und den FCA auf Jahre prägen wird, aber das wäre leider gelogen. Andererseits ist es relativ unfair, ihm das im Abstiegskampf, noch dazu in dieser außergewöhnlichen Corona-Saison, vorzuwerfen. Da ist es selbstverständlich auch in meinem Interesse als Fan, dass er nicht alles über den Haufen wirft, sondern auf dem aufbaut was bereits funktioniert. Die offensichtlichste Änderung ist die Torwartposition, wo nicht mehr Koubek sondern Luthe steht, was in meinen Augen eine sinnvolle Änderung war. Aber ansonsten haben sich bisher weder personell noch von der spielerischen Ausrichtung her klare Veränderungen, geschweige denn massive Verbesserungen eingestellt.

Hoffenews: Was hat sich taktisch verändert?

Kristell: Unter Schmidt änderte sich das System relativ häufig, Herrlich stellt dagegen sehr stur ein 4-2-3-1 auf und variiert höchstens personell – aber das sagt in diesen Zeiten ja relativ wenig, wenn so viele Spiele so dicht aufeinander folgen. Abgesehen davon mag ich taktisch nicht viel bewerten, weil ich nicht den Eindruck habe, dass Herrlich da bereits viel verändert hat. Zu Beginn dachte ich, er versucht durchaus auf mehr Ballbesitz, bzw. bessere Ballkontrolle und Spielaufbau von hinten zu gehen, aber davon war im letzten Spiel über sehr weite Strecken gar nichts zu sehen. Ob das Absicht ist oder das Team es einfach noch nicht auf den Platz bringt, kann ich noch nicht abschließend beurteilen. Es fällt mir zugegebenermaßen aber auch sehr schwer, Spiele meines Vereins mit taktisch-analytischer Brille zu sehen. Ich bin da meist einfach nur pures Nervenbündel.

Hoffenews: Neben dem Platz fiel Herrlich kurz vor dem Re-Start negativ auf, als er auf einer PK ausplauderte, dass er aus der verordneten Quarantäne ausgebrochen war. Auch seine scharfe Schiedsrichter-Kritik nach dem Remis gegen Köln sorgte für Aufregung. Wie beeinflusst diese schlechte Außendarstellung seinen Stand im Klubumfeld?

Kristell: Das ist tatsächlich eine große Sache. In Augsburg legt man sehr viel Wert auf ein professionelles Auftreten, Geschlossenheit nach außen und ruhige Gelassenheit in allen Situationen. Mit diesen Werten und Maximen hat es der Verein seit Jahren geschafft, sich im Bundesligageschäft zu behaupten, und die Fans schätzen das sehr. Unruhe und Lärm um einzelne Akteure sind hier sehr unbeliebt, und wenn es in den letzten Jahren vorkam, war das immer sehr unangenehm. Herrlich ist nun in seiner kurzen Zeit in Augsburg bereits zweimal als Sau durchs Ligadorf gerannt, das hat ihm definitiv nicht gut getan.

Hoffenews: Seit dem Abgang von Marwin Hitz ist die Torwartposition beim FCA eine Baustelle. Im letzten Sommer holte der Klub Tomas Koubek für 7,5 Millionen Euro aus Rennes, mittlerweile hütet jedoch wieder Andreas Luthe den Kasten. Wieso findet Stefan Reuter keinen passenden Schlussmann?

Kristell: Das wüsste er selbst bestimmt auch gern! Es ist, wie so oft, kompliziert. Über viele Jahre hatte der FCA im Tor überhaupt keine Sorgen, aber von Hitz‘ Weggang hat er sich noch nicht erholt. Dabei sehe ich aber vor allem auch viel Pech, denn keiner der Kandidaten ist richtig schlecht, sondern es gab stets einen verhängnisvollen Abwärtstrend. Giefer, der irgendwann kein Spiel mehr ohne ganz böse Patzer überstand, war nicht mehr vermittelbar, und ich denke auch, dass es für ihn kein Gefallen gewesen wäre, ihn nochmal zu bringen. Das tat mir ebenso weh für den sympathischen Kerl wie für Koubek, der mit seinem recht eigenwilligen Spiel zwar nie mein Herz gewinnen konnte, aber mit einer etwas stabileren Vordermannschaft vielleicht andere Entwicklungsmöglichkeiten gehabt hätte. Um Luthe können wir daher sehr froh sein, denn nicht nur ist er ein stabiler Keeper, sondern er zeigt durchaus, dass er über sich hinaus wachsen kann und der Mannschaft im Abstiegskampf auch den Hintern retten kann wenn’s nötig ist.

Ob es für die nächste Saison eine neue Besetzung gibt? Ich kann es mir gut vorstellen. Vielleicht ist es einfach Zeit für den nächsten Glücksgriff.

Nicht mehr Stammtorhüter: Thomas Koubek (Foto: Michael Dalder/Pool via Getty Images)

Hoffenews: Mit zum Beispiel Reece Oxford, Ruben Vargas oder Marco Richter hat der FC Augsburg einige spannende Spieler in seinen Reihen. Auf wen sollten wir in Zukunft besonders ein Auge haben?

Kristell: Auf alle drei natürlich! Im Ernst, der FCA hat einen sehr großen Kader, und ganz viele Jungs sind sehr talentiert. Natürlich sind wir hier besonders stolz auf Marco Richter, endlich mal wieder „einer von hier“, der es auf die große Fußballbühne schaffen kann bzw. mit der U21 ja schon ganz gut geschafft hat. Wenn der trifft oder die Gegner austanzt, gefällt es den Augsburgern noch ein bisschen besser als bei den anderen.

Hoffenews: Die TSG ist aufgrund des Mäzenatentums von Dietmar Hopp nicht gerade der beliebteste Klub in Deutschland. Auch von den Augsburger Fans wurde Hoffenheim schon häufiger mit Bannern bedacht. Wie stehst du zum nächsten Gegner des FCA?

Kristell: Ach, das ist immer eine komplexe Sache. Ich trenne stets sehr streng zwischen Verein und Fans. Ich werfe niemandem jemals vor, in welchen Verein er sich verliebt hat, denn das ist keine bewusste Entscheidung nach ausführlicher Prüfung von pro und contra. Wäre ich in München geboren, wäre ich vielleicht FC-Bayern-Fan geworden. Ich denke sogar, man kann einen Verein lieben und mit ihm leiden, und trotzdem nicht alles abfeiern, was ihn ausmacht – geht mir mit meinem Verein ja auch manchmal so (wenn auch selten, der FCA macht es mir recht leicht, ihn gern zu haben).

Ich habe aber durchaus Kritikpunkte an Dietmar Hopp als Person, und als Symbolfigur einer ganz bestimmten Art von Mensch, die in meinem Augen bereits viel zu lange viel zu viel Einfluss auf viel zu viele Bereiche unserer Gesellschaft hat und dabei zwar hier und da auch Sinnvolles tun mag, aber im Großen und Ganzen vor allem sich selbst und seine eigenen Interessen im Blick hat und darüber hinaus auch eine recht fragwürdige Art hat, sich in Dingen festzubeißen und damit alles noch schlimmer zu machen als es ist. Das macht ihn für mich zu einer der Personen im Fußballgeschäft, die ich nicht vermissen würde, wenn sie sich zurückziehen würde.

Hoffenews: Das Hinspiel in Sinsheim konnte der FCA mit 4:2 gewinnen. Mittlerweile haben beide Teams einen neuen Trainer bzw. ein neues Trainerteam. Was erwartest du von dem Spiel am Mittwoch?

Kristell: Ich habe ein wenig Angst, dass nach dem sehr intensiven, wichtigen Spiel mit sehr glücklichem Ausgang am letzten Sonntag beim FCA die Luft etwas raus sein könnte. Ich hoffe natürlich, mich zu irren, und ein Spiel zu sehen, in dem die Fuggerstädter zeigen, was sie können, wenn ihnen nicht mehr die ganze Abstiegsangst im Nacken sitzt. Leider sind diese Geisterspiele für ein Team wie den FCA richtig mies, denn wir haben in den letzten Jahren einige Punkte zusammen mit den Jungs geholt, und die Heimkulisse ohne Heimfans macht es jedes Mal wieder zu einer Wundertüte.

Hoffenews: Was ist dein Tipp?

Kristell: Ich mag nicht gegen meinen Verein tippen, hab aber nicht so richtig Ansatzpunkte für Hoffnung, daher sag ich: 0:0!

3.5 6 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments

Top Reviews

ANZEIGE

Video Widget

gallery

0
Would love your thoughts, please comment.x
()
x