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AktuellesInterview

„Ich rechne mit einer Niederlage“ – Gegnerinterview vor dem Duell gegen Werder Bremen

Nach dem 2:0-Erfolg in der Europa League gegen Roter Stern Belgrad ist die TSG am Sonntagabend (18 Uhr / Sky) bei Werder Bremen zu Gast. Vor dem Aufeinandertreffen mit den Hanseaten haben wir mit Joey (Twitter: @Estadox) über die aktuelle Situation in Bremen gesprochen. Dabei erklärte er uns, warum ihm der Auftakt des SVW trotz zweier Siege nur mäßig gefallen hat, wieso er den Bremer Kader schlechter aufgestellt sieht, als in der vergangenen Saison und wie der positive Corona-Test bei Felix Agu das Spiel gegen die TSG beeinflusst. Zudem erzählte uns Joey von seinem bisher einprägsamsten Erlebnis gegen Hoffenheim und verriet, warum er mit einem ungefährdeten TSG-Sieg rechnet.

Hoffenews: Joey, nach vier Spieltagen steht Bremen mit sieben Punkten auf dem siebten Tabellenplatz. Dabei holte man jeweils einen Sieg gegen Aufsteiger Bielefeld und Schlusslicht Schalke 04. Wie beurteilst du die ersten Auftritte des SVW?

Joey: Moin allerseits. Um ehrlich zu sein: Durchwachsen. Ich gehe davon aus, dass ich die bisherigen Auftritte kritischer sehe als andere Werderfans, allerdings bin ich bisher nicht zufrieden. Die Punkteausbeute ist zweifellos stark, dahingehend können wir sehr zufrieden sein. Gerade in Anbetracht der enttäuschenden Transferperiode zuvor sowie nach dem Rückschlag zu Beginn gegen Hertha waren so positive Ergebnisse nicht zu erwarten.

Spielerisch hatten wir allerdings meiner Meinung nach nur wenige überzeugende Phasen in diesen Spielen. Wir scheinen derzeit sehr auf Stabilität bedacht zu sein und einfach „irgendwie“ punkten zu wollen, um die letzte Saison erstmal zu verarbeiten. Allerdings wirkt der Ansatz dafür auf mich wenig überzeugend: Ein Stabilitätsfokus ist eine Sache, allerdings fehlt mir persönlich der klare Plan, um überhaupt zur Stabilität zu finden. Defensiv ist das bisher bemüht und zumindest stabiler als in anderen Phasen der Vergangenheit, aber oftmals auch zu passiv, für den Gegner zu simpel zu überspielen und sowohl im Spielaufbau als auch generell im Offensivspiel haben wir bisher kaum überzeugende Ansätze gezeigt.

Hoffenews: In der vergangenen Saison konnte sich Werder noch kurz vor Schluss in die Relegation retten, wo der Klassenerhalt mit zwei Remis besiegelt wurde. Was gibt dir Hoffnung, dass es in dieser Spielzeit besser läuft?

Joey: In der letzten Saison lief für uns eigentlich von Anfang an alles falsch. Die Vorbereitung war gezeichnet von Verletzungen, wodurch wir den Sommer über selten in voller Besetzung trainieren und uns einspielen konnten. Auch zu Saisonbeginn haben sich immer wieder Spieler verletzt, wir mussten rotieren, verschieben, konnten selten ein sinniges Gerüst auf den Platz bringen. Die spielerischen Ansätze waren damals zu Beginn sogar gut, bis auf einige schwere Macken wie die Standardschwäche, aber im Kern war das vielversprechend. Zusätzlich zu unseren eigenen Problemen und Schwächen kam dann noch ein bisschen fehlendes Matchglück hinzu und von der Verunsicherung, die daraus folgte, haben sich meiner Meinung nach weder das Team selbst, noch das Trainerteam auch nur zu irgendeinem Zeitpunkt in der Saison erholen können.

Insofern gibt mir das auch den meisten Mut für diese Saison: Personell sind wir zwar nochmal schwächer als letzte Saison, aber die größten Alltags-Fehler der Vorsaison (bei Standards, in der Belastungssteuerung im Training) scheinen wir begriffen zu haben und wenn man das in den Griff bekommt, ist die Mannschaft trotz aller Schwächen durchaus in der Lage, in der Liga mitzuhalten. Auch die Konkurrenz ist dieses Jahr keinesfalls wirklich überzeugend.

Wollte eigentlich nach Leverkusen wechseln: Milot Rashica im letzten Duell gegen die TSG (Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Hoffenews: Als ein großes Problem wurde in der vergangenen Saison der Fitnesszustand der Mannschaft ausgemacht. Was hat sich in diesem Sommer verändert und welche weiteren Baustellen wurden angegangen?

Joey: Im Detail kann ich das schwer beurteilen, weil es aktuell auch an Trainingseindrücken fehlt. Kohfeldt selbst hat nach der letzten Saison zugegeben, dass die Verletzungs- und Fitnessprobleme auch maßgeblich aus eigenen Fehlern in der Trainings- und Belastungssteuerung resultiert sind. Dahingehend ist durchaus mit einem Lerneffekt zu rechnen. Hinzu kommt, dass es im Team ums Team regelmäßig Probleme gab, auch die wurden angegangen und es gab einige personelle Anpassungen, auch in der Gegner-/Spielanalyse und im Co-Trainer-Team durch Danijel Zenkovic als Neuzugang.

Hoffenews: Die vergangene Transferperiode war für viele Bremer eine zum Vergessen. So konnten Wunschspieler wie Marko Grujic nicht verpflichtet werden und mit Davy Klaasen hat ein Leistungsträger den Verein verlassen. Zudem platzte der Transfer des wechselwilligen Milot Rashica kurz vor Schluss. Wie siehst du den Kader aufgestellt?

Joey: Der Kader ist, finde ich, einfach schlecht geplant. Die individuelle Qualität der Spieler, die wir haben, wird meiner Meinung nach in Einzelfällen durchaus unterschätzt. Das große Problem ist aber, dass der Kader als solches, mit den Spielertypen, deren Stärken und Schwächen, den verschiedenen Positionsprofilen, ein einziger Flickenteppich ist. In der Vergangenheit wurde regelmäßig betont, für welchen Fußball man stehen möchte, aber die geleistete Arbeit passt nicht dazu. Die benötigten Spieler dafür wurden immer und immer wieder nicht geholt, stattdessen kamen Spieler, die zu haben waren, die eine ordentliche Qualität haben, die aber zur ausgegebenen Spielidee überhaupt nicht gepasst haben. Das war im letzten Sommer ein gravierendes Problem und in diesem Sommer konnte man es nicht mal ansatzweise beheben, hat sich strukturell nicht verbessert und Qualität verloren. Gerade im Mittelfeld ist daher für uns das Prinzip Hoffnung angesagt, weil wir keinen einzigen echten 6er haben, keinen Strukturspieler, keinen Kreativspieler.

Hoffenews: Auf Sportchef Frank Baumann ist zuletzt viel Kritik eingeprasselt – zurecht?

Joey: Ich denke, meine obige Antwort dürfte dahingehend schon einiges vorwegnehmen. Für mich als Außenstehenden ist es schwer zu beurteilen, inwiefern die Kaderplanung ausschließlich oder überwiegend auf Baumann zurückzuführen ist. Gerüchte gibt es einige, manche widersprechen sich, manche ergänzen sich. Unterm Strich steht für mich, dass Baumann in den ersten Jahren seines Wirkens hier gute bis sehr gute Arbeit geleistet hat, seit dem vergangenen Sommer dafür aber sehr viele vermeidbare Fehler begangen hat, der Kader sich in der Zeit insbesondere strukturell deutlich verschlechtert hat und wir auch deshalb finanziell mal wieder eine angespannte Lage haben, weil bei Transfers nicht gut gearbeitet haben.

Ob die Kaderplanung strukturell nun von Baumann oder Kohfeldt forciert wurde, weiß ich nicht. Aber selbst, wenn es Kohfeldts Wünsche gewesen wären, hätte Baumann hier meiner Meinung nach intervenieren müssen, denn mehrere Transfers waren schlicht Fehler mit Ansage.

Wechselte im vergangenen Sommer fest für 6,5 Millionen Euro nach Bremen: Ex-TSG-Spieler Leonardo Bittencourt (Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Hoffenews: Werder gilt als einer der Klubs, die aufgrund ihrer bereits bestehenden finanziellen Probleme besonders stark von der Corona-Pandemie getroffen wurde. Wie macht sich das bisher bemerkbar?

Joey: Die vergangene Transferperiode ist auch deshalb so ausgefallen, weil uns die Mittel gefehlt haben, um losgelöst von größeren Verkäufen investieren zu können. Insofern ist das auch die spürbarste Auswirkung: Wir sind im letzten Sommer schon bewusst finanziell ins Risiko gegangen, wobei das zum damaligen Zeitpunkt finanziell überschaubar und durchaus zu vertreten war. Die dahinterstehende sportliche Entscheidung war meines Erachtens falsch, aber das lässt sich nicht mehr ändern. Selbiges gilt für den vergangenen Winter, wobei das schlicht unverantwortlich war. Insofern sind uns nicht nur durch Corona, sondern auch durch unsere eigenen Fehler derzeit finanziell die Hände gebunden und wir werden weiter verkaufen müssen, um in den Kader investieren zu können.

Die Saison als solche ist laut Geschäftsführer Klaus Filbry allerdings durchfinanziert, eine akute Insolvenzgefahr besteht nicht.

Hoffenews: Felix Agu wurde in der vergangenen Woche positiv auf das Coronavirus getestet und auch Tahith Chong musste sich vorerst in eine angeordnete Quarantäne begeben, durfte diese aber am Samstag verlassen. Zudem isolierte sich auch der Rest der Mannschaft als Vorsichtsmaßnahme bis zum Test am vergangenen Freitag, bei dem es keine weiteren Befunde gab. Wie sehr beeinträchtigt dieser Umstand die Vorbereitung auf das kommende Spiel und kannst du dir vorstellen, dass die Saison unter diesen Umständen wie geplant durchgezogen wird?

Joey: Das kann ich schwer beurteilen, weil mir die konkreten Abläufe dahingehend nicht bekannt sind. Von dem, was berichtet wurde, dürften die Einschränkungen vergleichsweise gering sein: Für Donnerstag war offenbar ein Regenerationstraining angesetzt und am Freitag konnte die Vorbereitung bereits wieder aufgenommen werden.

Personell wiederum ist die Einschränkung groß, weil Felix Agu, der positiv getestet wurde, der designierte Ersatz für Augustinsson gewesen wäre, der verletzungsbedingt ausfällt. Ansonsten gibt es vorerst keine weiteren Einschränkungen und ich hoffe, dass es dabei bleibt, alle Beteiligten gesund bleiben oder es schnell werden und wir in Zukunft weitgehend von Infektionen verschont bleiben. Das gilt aber losgelöst von uns und ist, in Anbetracht des Infektionsgeschehens, wohl eher unwahrscheinlich.

Die Saison als solche wird man, denke ich, um nahezu jeden Preis durchziehen wollen. Das Gerede von Demut im Fußball war meiner Meinung nach von Anfang an eine Farce und die Ereignisse der letzten Wochen und Monate, gepaart mit diversen Aussagen der Beteiligten, haben meinen Eindruck nur bekräftigt. Ich hoffe nur, dass das Ganze möglichst glimpflich ausgeht.

Hoffenews: Leonardo Bittencourt wurde im vergangenen Sommer nach seiner Leihe per Kaufplicht fest verpflichtet. Wie macht sich der ehemalige Hoffenheimer bisher in Bremen?

Joey: Durchwachsen. Ich war und bin kein Fan von Bittencourt, das muss ich so ehrlich zugeben. Spielertypen wie ihn empfinde ich oftmals als anstrengend, weil die fehlende Konstanz in der Entscheidungsfindung mich wahnsinnig macht. Nahezu jede Aktion ist ein Coin-Toss, quasi losgelöst von der Spielsituation. Insofern war der Transfer damals meiner Meinung nach auch ziemlicher Unsinn, weil Bittencourt in meinen Augen für geordnetes Ballbesitzspiel der völlig falsche Typ ist und damals auch positionell völlig am Bedarf vorbei geholt wurde. Ein paar gute und wichtige Aktionen hatte er natürlich trotzdem, aber das wird auch immer so bleiben, er ist letztlich ein typischer Highlight-Spieler.

Aktuell sieht die Lage anders aus: Von geordnetem Ballbesitzspiel sind wir weit entfernt, aktuell müssen wir in erster Linie über kompaktes Defensivspiel, Pressing und Gegenpressing sowie Umschaltaktionen kommen. Dafür ist Bittencourt auch deutlich besser geeignet und deshalb aktuell zu Recht gesetzt. So schlecht die Lage für uns ist, er dürfte der größte Nutznießer sein und ich denke daher auch, dass er eine ordentliche bis gute Saison spielen wird.

Erinnerungen an bessere Bremer Zeiten: Thorsten Frings trifft gegen die TSG per Last-Minute-Freistoß (Foto: imago/Wombati)

Hoffenews: Wenn Werder auf die TSG trifft fallen im Schnitt mindestens drei Tore. An welches der bisherigen Duelle denkst du besonders gerne zurück?

Es gab sicherlich einige Spiele, die objektiv gesehen viel Spektakel mit sich gebracht haben und Leuten in Erinnerung geblieben sind. Bei mir persönlich hat sich eines der eher unspektakulären Spiele verankert: Ein 2:1 Sieg von Werder 2011 durch ein Last-Minute-Freistoßtor von Frings. Ich war damals im Stadion, es war unfassbar kalt, ich habe tierisch gefroren, hatte nach einem späten Ausgleichstor der TSG schon richtig schlechte Laune und am Ende hat Frings dann noch für den Jubel gesorgt.

Hoffenews: In der vergangenen Saison ging die TSG zweimal als Sieger vom Platz. Was sind deine Erwartungen für das Spiel am Sonntag?

Ich rechne mit einer Niederlage. Das, was ich diese Saison von euch gesehen habe, war spielerisch teilweise sehr vielversprechend und mittlerweile ist die individuelle Qualität der Mannschaft schlicht ziemlich hoch, während wir spielerisch bislang wenig überzeugend waren und mit Augustinsson einer unserer wichtigsten Spieler ausfällt. Ich fürchte daher, dass es letztlich auf einen ungefährdeten Sieg für euch hinauslaufen wird. Losgelöst davon hoffe ich, dass wir ein paar positive Ansätze zeigen und vielleicht auch personell ein bisschen was Spannendes passiert, beispielsweise das Saisondebüt von Romano Schmid.

Hoffenews: Was ist dein Tipp?

2:0 für Hoffenheim.

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

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