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„Ich musste bei allen Toren sicher gehen, dass das wirklich wir waren“

Nach dem bitteren 1:1 in Freiburg und der darauffolgenden einwöchigen Bundesliga-Pause, trifft die TSG am Samstag auf das Tabellenschlusslicht: Der FC Schalke ist zu Gast in Sinsheim. Vor dem Duell gegen die Knappen stand uns Schalke-Fan und -Experte Tim Schäfer Rede und Antwort. Er erzählte uns von der schlimmsten Saison seines Lebens, einem Umbruch im Sommer und seiner Erwartung für die kommende Spielzeit in der zweiten Bundesliga.

Tim, seit dem 20. April 2021 steht es offiziell fest: Der FC Schalke 04 wird die kommende Spielzeit in der zweiten Liga verbringen. Auch wenn es letztlich wenig überraschend kam, wie sehr hat dich der Abpfiff gegen Bielefeld mitgenommen?

Tim Schäfer: Du sprichst es schon an – überraschend kam der Abstieg selbstverständlich überhaupt nicht mehr. Irgendwann im Februar war allen klar, dass S04 das Ding nicht mehr aufholen wird. Die endgültige Gewissheit war dann aber echt ein harter Schlag. Vor dem Spiel gegen Bielefeld hatte ich den ganzen Tag schon ein flaues Gefühl im Magen. Als es dann gegen 22:15 Uhr wirklich passierte, ist dann doch die ein oder andere Träne geflossen.

Bei der Rückkehr der Mannschaft aus Bielefeld kam es in Gelsenkirchen zu unschönen Szenen, bei denen die Spieler zum Teil bedroht und verfolgt wurden. Daraufhin wurde das Training für einige Tage ausgesetzt. Wie schwer wiegen die Folgen dieser Ausschreitungen?

Tim: Sehr schwer. In der S04-Community ist man sich nun wirklich selten einig, aber nach diesen Vorfällen hat wirklich jeder gesagt, dass solche Idioten niemals unseren Verein repräsentieren werden. Das waren keine Fans, sondern krawallmachende, kriminelle Wichtigtuer. Ich kann jeden Spieler verstehen, der nach diesen Angriffen nicht mehr für Schalke auflaufen will.

Schon in den vergangenen Jahren mussten sich Schalker nach entsprechenden Auftritten einiges anhören. Ab wann wurde dir bewusst, dass es in dieser Saison wesentlich schlimmer aussehen würde?

Tim: Schon sehr früh in der Saison. Wir haben ja direkt am ersten Spieltag Prügel von den Bayern gekriegt. Da wusste man zumindest in Ansätzen, dass das mit der Konkurrenzfähigkeit in diesem Jahr eine schwierige Geschichte wird. Es war ja schon die Vorgeschichte der Saison, die jeden S04-Fan zweifeln ließ. Unbedingt David Wagner zu halten, obwohl er sich gerade noch so durch die Vorsaison quälte, war eine von vielen Entscheidung, die schwer nachzuvollziehen waren. Und dann nahm das Unheil seinen Lauf.

Nach dem Abpfiff in Bielefeld stand es fest: Der FC Schalke steigt ab. (Foto: imago images)

Die Konkurrenz in der zweiten Bundesliga scheint auf dem Papier so groß wie selten zuvor. Wie groß errechnest du dir die Chancen auf einen direkten Wiederaufstieg?

Tim: Schalke gehört natürlich so schnell wie möglich wieder zurück in die erste Liga. Das sage ich jetzt einfach mal so und es sollte meiner Ansicht nach auch das oberste Ziel sein – ohne dabei die Nachhaltigkeit des Kaders aus den Augen zu verlieren. Es wird trotzdem verdammt schwer, die weiteren Zu- und Abgänge spielen da natürlich auch eine riesige Rolle. Aber für völlig ausgeschlossen halte ich es nicht, dass wir das hinkriegen.

Wie groß ist die Sorge davor, dass man – wie andere Traditionsvereine zuvor auch – durch den Abstieg in eine Abwärtsspirale gerät und womöglich noch mehrere Jahre in den unteren Ligen verbringt?

Tim: Die Sorge hat man immer. Es wurden in den vergangen Jahren so viele schwerwiegende Fehler gemacht, da ist es natürlich schwierig, den allergrößten Optimismus zu haben, dass jetzt plötzlich alles besser wird. Aber ich würde den Verein nicht so schnell abschreiben. Den Titel „zweiter HSV“ möchte ich möglichst vermeiden. Auch wenn man natürlich weiß, dass es für Traditionsvereine besonders schwer werden kann, langfristig wieder oben mitzuspielen.

Nach jetzigem Zeitpunkt scheint es, als stünde im Sommer ein Ausverkauf bei den Knappen an. Wieviel wird sich in Sachen Kaderplanung tun?

Tim: Ich kann euch jetzt schon versprechen, dass Schalke 04 im Sommer 2021 komplett anders aussehen wird. Das liegt allein schon daran, dass wir etliche vermeintliche Leistungsträger aus den Vorjahren, wie Amine Harit, Suat Serdar oder Mark Uth schwer bezahlen werden können. Ich glaube, dass maximal einer von den Dreien bleiben wird. Und dazu wird jetzt hoffentlich extrem viel auf unseren Nachwuchs gesetzt. Darauf baue ich, denn nur so kann langfristig wieder etwas entstehen auf Schalke. Beispiele dafür sind Kerim Calhanoglu oder Mehmet Aydin. Das sind einfach super Jungs, denen ich den langfristigen Sprung in die erste Elf ungemein gönne.

Ein Transfer steht schon fest. HSV-Stürmer Simon Terodde wird sich im Juni den Königsblauen anschließen. Wie bewertest du den Wechsel?

Tim: Ich bin damit absolut einverstanden. Wir brauchen neben geballter Nachwuchspower eben immer noch den ein oder anderen Spieler mit Erfahrung – und natürlich auch mit Torgarantie. Ich stelle mir das mit Terodde spannend vor. Es ist die älteste Floskel der Welt, aber der Mann weiß einfach, wo das Tor steht. Das hat er jahrelang bewiesen. Hoffentlich zeigt er das auch bei uns.

Und mit Rouven Schröder ist auch ein neuer Sportdirektor ist in Gelsenkirchen eingetroffen. Zuletzt ließ dieser seinen Vertrag beim FSV Mainz auflösen. Was erwartest du dir von ihm?

Tim: Schröder ist ein absoluter Fachmann. Das hat er in Mainz jahrelang bewiesen. Diese Qualitäten werden wir mindestens genau so brauchen wie sein Gespür für diesen Verein. Er muss zeigen, dass er Emotionen und geballtes Fußballwissen miteinander vereinen kann. Dann kann das gut werden. Man möge mir aber verzeihen, dass bei mir nach den wirklich schweren Jahren vorerst die Skepsis überwiegt, wenn neues Fachpersonal verpflichtet wird. Das liegt nicht einmal an seiner Person, sondern einfach weil es Schalke 04 ist. Auf dem Papier bleibt er trotzdem eine gute Wahl.

Schalkes neuer Sportdirektor: Rouven Schröder. (Foto: imago images)

Im Hinspiel musste sich ganz Fußballdeutschland die Augen reiben, als Schalke die TSG mit 4:0 auseinandernahm. Was versprichst du dir vom Duell am Samstag?

Tim: Ich musste bei allen Toren erstmal sicher gehen, dass das wirklich wir waren, die die Buden erzielt haben. Es war wirklich mal wieder ein super Gefühl, einen Gegner aus dem Stadion fegen zu können. Für Samstag sehe ich aber ehrlich gesagt auf keinen von beiden Seiten Potential für ein echtes Spektakel. Schalke ist sang- und klanglos weg vom Fenster, und auch Hoffenheim ist ja eher im Niemandsland der Tabelle gerade. Die einzige Hoffnung ist, dass es gerade weil ja so ziemlich alles egal ist, ein echtes Fußballfest entsteht. Da habe ich schon Bock drauf.

Und wie geht es aus?

Tim: Mein Kopf tippt auf ein 0:0, mein Bauch hofft auf ein 3:2 für S04.

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Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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Jakob Uebel
Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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