Aktuelle Beiträge

Foto: imago images
AktuellesInterview

„Ich mag die Selbstironie, die in den ‚El Plastico‘-Duellen herrscht“ – Gegnerinterview vor dem Duell gegen Leipzig

Drei Tage nach der Vertragsauflösung von Alfred Schreuder empfängt die TSG Hoffenheim am Freitag (20:30 Uhr) auf RB Leipzig. Vor der neunten Auflage des „El Plastico“ haben wir mit Florian (Twitter: @Der_wahre_Fan) gesprochen. Dabei verriet er uns, wie Ex-TSG-Coach Julian Nagelsmann RB verbessert hat, wie die Trainerentlassung die Vorbereitung für die Sachsen beeinflusst hat und in welchen Belangen Leipzig von Hoffenheim lernen kann.

Hoffenews: Florian, vor fast genau einem Jahr verließ Julian Nagelsmann die TSG und schloss sich Leipzig an. Wie hat er RB seitdem verändert?

Florian: Julian Nagelsmann sagte vor der Saison, er wolle nicht die „RB-DNA“ verändern, sondern auf diese seine Ideen „on top“ packen. Dies ist ihm in meinen Augen in den meisten Spielen sehr gut gelungen. Es gab sehr viele Spiele, in denen man gesehen hat, dass Nagelsmann seine Ideen im Spiel mit dem Ball durchsetzen kann. Bei Partien, in denen man sich in der Vergangenheit gegen tiefstehende Mannschaften sehr schwergetan hat, sah man schon deutlich, dass sich die Mannschaft deutlich kreativer zeigte und mehr Ideen im eigenen Ballbesitzspiel hatte. Symbolhaft dafür ist in meinen Augen das Heimspiel gegen Augsburg. In den vergangenen Spielzeiten hatten wir gegen die Fuggerstädter immer wieder Probleme, da es uns selten gelungen ist, das Abwehrbollwerk, das Augsburg immer gegen uns aufbaute, zu bezwingen. In der Liga haben wir letzte Saison kein einziges Tor in 180 Minuten gegen Augsburg geschossen. Diese Saison gelang es uns sogar nach Rückstand noch zu gewinnen – das hatten wir vorher noch nie geschafft. Aber auch gegen andere Gegner, die gegen uns eher darauf aus sind, das eigene Tor zu verteidigen, als offensiv mitzuspielen, sieht man eine deutliche Handschrift von Nagelsmann. Man spielt wesentlich kontrollierter, geduldiger und mit einem klaren Matchplan. Das hat auch wesentlich mehr Ballbesitz zu Folge. Dieser ist aber immer Mittel zum Zweck, um beispielsweise Torchancen zu kreieren oder unnötige Ballverluste durch zum Beispiel überhastete Pässe zu vermeiden. Ich mag den Fußball, den man diese Saison spielt, sehr gerne, weil er die Komponenten beinhaltet, die man als Spitzenmannschaft benötigt und man damit auch Erfolg hat. Generell bin ich aber auch ein großer Fan von Nagelsmanns offensiver und aktiver Spielweise. Trotzdem hat man es geschafft, im Wesentlichen die defensive Kompaktheit zu erhalten, die RB letzte Saison ausgezeichnet hat. RBL hat zwar bereits jetzt drei Gegentore mehr als in der gesamten letzten Saison, ist aber auch in dieser Saison verhältnismäßig defensivstark. Man stellt nach den Bayern die zweitbeste Defensive der Liga. Zudem hat man jetzt schon einen neuen Vereinsrekord aufgestellt und mit 75 Toren jetzt schon zwölf Treffer mehr erzielt, als in der gesamten vergangenen Spielzeit. Man kann also festhalten, das Nagelsmann Wort gehalten hat.

Hoffenews: In seiner Außendarstellung wirkt Nagelsmann noch fokussierter und ehrgeiziger – vielleicht fast schon etwas verbissen. Hast du das Gefühl, dass auch er sich durch Leipzig ein wenig verändert hat?

Florian: Naja, Nagelsmann war ja immer schon sehr ehrgeizig. Vor Beginn der letzten Saison gab er ja damals noch als Hoffenheim-Trainer an, dass man versuchen möchte, Meister zu werden. Allerdings hat er das meiner Meinung nicht getan, weil er das für realistisch hielt, sondern um die Spieler zu kitzeln. Nagelsmann spricht ja auf seinen Pressekonferenzen gerne von einer intrinsischen Motivation. Das heißt, die Spieler sollen von sich aus eine Motivation haben, sich Ziele setzen und alles dafür tun, diese zu erreichen. In dem Fall kam zwar der Impuls von außen, aber was gibt es Besseres für einen Sportler als Titel zu gewinnen? Nagelsmann ist ja auch nach Leipzig gekommen, weil er nach eigener Aussage „etwas Blechernes gewinnen“ möchte. Das ist, bei allem Respekt vor dem, was die TSG seit Jahren leistet, in Leipzig sicherlich eher möglich. Da spielen auch die größeren finanziellen Möglichkeiten natürlich eine Rolle. Also in meinen Augen hat er sich in seinem Ehrgeiz nicht verändert, aber ich denke, er kommuniziert diesen offener, da man in Leipzig natürlich auch darauf hinarbeitet mal einen Titel zu gewinnen.

Als Fans noch ins Stadion durften und Julian Nagelsmann am Zaun hing: Der Einzug in die Champions League 2018 (Foto: imago images)

Hoffenews: Nagelsmann hat bei seinem Amtsantritt als Ziel ausgegeben, mit RB einen Titel zu gewinnen. Hältst du das für die kommende Saison für realistisch?

Florian: Ich denke, wenn es nach Nagelsmann ginge auf jeden Fall. 😉 Klar ist natürlich, dass Bayern München der Top-Favorit auf die Meisterschaft bleibt, einfach weil sie die qualitativ beste und konstanteste Mannschaft in Deutschland sind. Wenn man auf einen Titel schielen möchte, hätte man im DFB-Pokal die realistischste Chance. Natürlich ist das auch mit Risiken verbunden, weil man sich schlichtweg keine schlechten Spiele leisten darf, aber es ist der kürzeste Weg zu einem Titel. Wir haben letzte Saison gesehen, dass man es mit etwas Losglück bis nach Berlin schaffen kann. Sicherlich benötigt man dann auch im Finale ein bisschen Matchglück. Dies hatten wir im vergangenen Finale nicht, aber für unmöglich halte ich den Pokalsieg nicht.

Hoffenews: In der Hinrunde spielte sich RB zwischenzeitlich in einen Rausch und gewann die letzten acht Spiele allesamt mit mindestens drei geschossenen Toren. Folgerichtig wurde man Herbstmeister. Was hat RB in dieser Phase so stark gemacht?

Florian: Einen genauen Faktor kann und möchte ich da nicht ausmachen. Ich denke, das Freiburg-Spiel war von der Leistung her der Tiefpunkt der Saison. Danach gab es die viel zitierte Brandrede von Nagelsmann und Krösche, die dazu geführt hat, dass die Sinne geschärft wurden. Danach kam das Pokalspiel in Wolfsburg, wo man eine klare Reaktion gezeigt und deutlich mit 6:1 gewonnen hat. Da hat die Mannschaft dann gesehen, das es geht. Das hat man dann beim 8:0 gegen Mainz noch einmal fett unterstrichen und mit einem deutlichen Ausrufezeichen versehen. Spätestens da hat man dann auch verstanden, was möglich ist, wenn alle an sich glauben. Auch wenn Mainz sicherlich an diesem Tag unterirdisch war, aber RB hat an dem Tag in meinen Augen – vor allem in der ersten Halbzeit – nahe an der Perfektion gespielt. Ab da hat man sicherlich gesehen, wie unglaublich gut man sein kann und konnte die Form dann (mit Ausnahme der ersten 45 Minuten gegen Dortmund) noch über die komplette Hinrunde zeigen. Zu diesem Zeitpunkt der Saison war die Herbstmeisterschaft unter dem Strich auch nicht unverdient.

Hoffenews: Seit dem Re-Start konnte man nur zwei Spiele gewinnen und spielte dreimal Remis. Was ist der große Unterschied zur Hinrunde?

Florian: Offensichtlich ist da natürlich erstmal die wesentlich schlechtere Chancenverwertung. Selbst bei unseren Siegen hätten wir noch deutlich mehr Tore schießen müssen. Noch dazu kommen zwei total unnötige Platzverweise, mit denen man sich natürlich selber geschwächt hat. In beiden Spielen hat Nagelsmann dann außerdem ungewohnt defensiv gewechselt. Hätte man diese dann gewonnen, würde man sagen, dass der Trainer da alles richtig gemacht hat. So kann man das kritisieren und sagen, dass man sich der größten Stärke beraubt hat, nämlich dem offensiven „Nach-Vorne-Verteidigen“. Mauern konnte man bei RB noch nie und wird es vermutlich auch nie können. Dennoch wäre es absolut verkehrt die Schuld dem Trainer zu geben. In beiden Spielen haben wir in meinen Augen trotzdem zumindest solide gespielt. Es sind kleine individuelle Fehler und Unkonzentriertheiten. So erkläre ich mir auch die massive Zunahme an Gegentoren nach ruhenden Bällen seit dem Re-Start, die ebenfalls als Faktor benannt werden können. Der größte Unterschied ist aber natürlich die Punkteausbeute, die dann daraus resultiert. Auch in der Hinrunde hat man bis zum Spiel gegen Freiburg eher mittelmäßig gepunktet. In der Hinrunde hat man dann aber die von euch angesprochene Serie gestartet und sich in einen Rausch gespielt. Jetzt wirkt das ganze wesentlich holpriger und dementsprechend verlor man jetzt gegen Hertha und Paderborn unnötigerweise vier Punkte. Ob die Corona-Pause einigen Spielern die gute Form genommen hat, oder ob uns zum Saisonende die Puste ausgeht, das weiß ich nicht. Vermutlich ist es eine Mischung aus beidem.

Auf dem Sprung zu Chelsea: Timo Werner (Foto: imago images)

Hoffenews: Laut übereinstimmenden Medienberichten wird Timo Werner Leipzig im Sommer in Richtung Chelsea verlassen. Wie zuversichtlich bist du, dass RB diesen Verlust kompensieren kann?

Florian: An Timo Werner scheiden sich ja auch bei uns im Fanlager echt die Geister. Sicherlich gibt es noch einige Momente, in denen er noch etwas kaltschnäuziger und cleverer agieren könnte. Aber das sagt sich halt auch so leicht, wenn man zuschaut und nicht selbst auf dem Feld steht. Sicherlich liegt es auch daran, dass es sich so eingeschlichen hat, dass man von ihm immer noch mehr erwartet als von anderen. Ich habe mich da zwischenzeitlich auch selbst dabei erwischt. Diese Saison hat man gesehen, wie wichtig Timo für RB Leipzig ist. Die Werte von ihm in dieser Saison sind absolut bombastisch. 33 Scorerpunkte in 30 Bundesligaspielen sind halt schon eine Ansage. Timo Werner hat natürlich auch Julian Nagelsmann enorm viel zu verdanken. Timo kommt jetzt des Öfteren aus einer wesentlich tieferen Halbposition, die ihm wirklich guttut und wo er sein Tempo besser zu Geltung bringen kann. Dennoch muss man sagen, wäre ein Wechsel zur kommenden Saison für beide Seiten ein guter Zeitpunkt. Timo kann sich seinen Traum von der Premier League erfüllen und sicherlich dabei auch nochmal wesentlich besseres Gehalt beziehen und RB bekommt eine angemessene Summe, die zwar trotzdem angesichts seiner Leistungen in meinen Augen knapp an der Grenze zum Schnäppchen ist, aber in den kommenden Transferperioden wäre die Klausel ja immer weiter gesunken und was man auch nicht vergessen darf: Erlöse, mit denen man fest planen kann werden in der kommenden Transferperiode wohl wichtiger denn je. Daher kann das Geld ein wichtiger Faktor für die Kaderplanung sein. Sportlich kann man Timo Werner – ähnlich wie Naby Keïta damals – natürlich nicht 1:1 ersetzen, das wäre auch vermessen, aber ich kann mir vorstellen, dass es einige Spieler gibt, die in diese Rolle hineinwachsen können und Nagelsmann ist ja durchaus bekannt dafür, kreativ mit Abgängen umzugehen und auch überraschende Lösungen aus dem Boden zu stampfen, sei es über eine interne oder eine externe Variante, das wird sich zeigen.

Hoffenews: Fast in allen Bereichen hat RB seine gesteckten Ziele erreich oder sogar übertroffen. Nur im Bezug auf die Jugendarbeit wartet man weiter auf das erste Eigengewächs in der Bundesliga. Welchen Talenten würdest du den Sprung zu den Profis zutrauen?

Florian: Das Thema Nachwuchsarbeit ist natürlich ein heikles in Leipzig. Die Voraussetzungen durch das Trainingszentrum sind definitiv gegeben. Schließlich ist es eines der modernsten Nachwuchszentren in Europa. Aus dem aktuellen Jahrgang ist natürlich Tom Krauß am nächsten dran und wäre auch derjenige, dem ich es am ehesten zutrauen würde. Er hat seinen Vertrag kürzlich auch erst bis 2025 verlängert. Über ihn hat Nagelsmann ja auch schon des Öfteren gesprochen. Generell sind die Talente, denen man jetzt Profiverträge gegeben hat, alle sehr hoffnungsvoll. Fabrice Hartmann hat sich leider das Kreuzband gerissen, weshalb man erstmal nicht mit ihm rechnen kann und Dennis Borkowski ist erst 17. Ich denke, der wird noch Zeit benötigen, hat aber gute Anlagen. Tim Schreiber, momentan vierter Torhüter und in der U19 Stammtorwart besitzt ebenfalls schon einen Profivertrag. Bei jedem dieser vier Spieler kann ich mir Leihen gut vorstellen, um Spielpraxis zu sammeln. Ein weiterer wesentlicher Faktor wird sein, dass man sich jetzt neu ausgerichtet hat und im jüngeren Bereich erstmal Wert auf das individuelle fußballerische Können legt und erst später die „RB-DNA“ hinzukommen soll. Noch dazu möchte man nicht mehr so sehr darauf achten, Ergebnisse einzufahren, sondern die Nachwuchskicker als Individuum zu fördern. Das ist in meinen Augen auch der bessere Weg und ich hoffe, dass man es so schafft, mehr Talente auszubilden, die den Sprung in die erste Mannschaft schaffen können.

Tapeten malen darf nur einer – Hoffe und sonst keiner (Foto: imago images)

Hoffenews: Die TSG und Leipzig werden aufgrund ihrer (kurzen) Geschichte oft miteinander verglichen. Was für eine Beziehung hast du zu Hoffenheim?

Florian: Ich finde Hoffenheim einfach unglaublich sympathisch. Ich mag die Selbstironie, die in den „El Plastico“-Duellen gegen uns herrscht. Es waren auch immer fußballerisch attraktive Spiele. Auch wenn einige Ergebnisse aus Leipziger Sicht durchaus zum Vergessen waren. Ich lobe mir echt diese Atmosphäre und diesen Umgang zwischen Fans viel mehr als die zahlreichen Beleidigungen und Diskreditierungen, die man diese Saison wieder erleben musste. Hoffenheim hat sich in meinen Augen in den letzten Jahren zu einem Team entwickelt, das sich in der Bundesliga etabliert hat und sportlich auch in die Bundesliga gehört. Zumal in Hoffenheim auch in den letzten Jahren zum Teil wesentlich besser gewirtschaftet wurde als bei einigen „Traditionsvereinen“. Das „Baby“ von Dietmar Hopp ist erwachsen und selbständig geworden. Das kann man wirklich bewundern und auf der finanziellen Ebene steht in Leipzig dieser Schritt noch aus, auch wenn man sportlich sicherlich verdient über der TSG steht.

Hoffenews: Wie verändert die Entlassung von Alfed Schreuder die Vorbereitung für RB?

Florian: Scherzhaft könnte man sagen, Alexander Rosen hat der Scouting-Abteilung von RB ein paar freie Tage gegeben. Aber natürlich ist es immer undankbar, wenn man der erste Gegner nach einer Trainerentlassung ist, denn man weiß nie so wirklich, was einem erwartet. Aber in Leipzig kennt man sich damit auch ein bisschen aus, denn diese Saison hat man bereits beim Heimspiel gegen Köln eine ähnliche Situation gehabt – das war das erste Spiel von Markus Gisdol. Ich denke, in so einer Situation wird es noch wichtiger sein, sich auf eigene Stärken zu besinnen und zu versuchen das eigene Spiel durchzubringen. Zudem kennt Nagelsmann auch den Interimstrainerstab sehr gut und ich denke, da wird er wissen, wie sie Fußball spielen wollen.

Hoffenews: Was erwartest du am Freitag für ein Spiel? Wie lautet dein Tipp?

Florian: Da ich mir wünsche, dass wir nicht bis zum letzten Spieltag um die Champions League-Qualifikation bangen müssen, brauchen wir ganz dringend einen Sieg. Ich tippe 3:1 für uns. Das Ergebnis hat beim letzten Interview gegen uns ja auch Glück gebracht. 😉

4.5 8 votes
Article Rating

Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

Top Reviews

ANZEIGE



ANZEIGE

Video Widget

gallery

Dir gefällt was Du hier siehst?

0
Would love your thoughts, please comment.x
()
x