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„Ich kann die Kritik definitiv nachvollziehen“

Bei der TSG will es in der Liga nach wie vor nicht so recht laufen. Auch wenn man die lange Sieglos-Serie mit einem 3:1 gegen den FC Augsburg vor zwei Wochen beenden konnte, folgte am vergangenen Sonntag mit dem 1:4 in Leverkusen der nächste Rückschlag. Heute Abend (20.30 Uhr/Sky) ist RB Leipzig in Sinsheim zu Gast. Vor der Partie gegen den Tabellendritten haben wir mit Victoria Schulz gesprochen (Twitter: @tori_ms12). Sie erklärte uns dabei unter anderem die starke Form der Sachsen, wie man den Abgang Timo Werners verkraftet hat und warum sie selbst das Konzept RB Leipzig differenziert betrachtet.

Leipzig steht derzeit mit einem Punkt Rückstand auf Tabellenführer auf dem dritten Tabellenplatz und musste bisher nur eine Niederlage hinnehmen. Was macht RB dabei so stark?

Tori: Die größte Stärke ist das Team, so plump das auch klingen mag. Die Mannschaft ist – sicher auch durch dieses besondere Ereignis des Champions-League-Endturniers der vergangenen Saison – eng zusammengewachsen. Im Sommer gab es bis auf Werner keinen großen Abgang. Die Spieler sind aufeinander eingespielt. Diese Gemeinschaft spiegelt sich auf dem Platz wider. Die Spieler sind bereit dafür, den ersten großen Titel zu holen und bestreiten mit diesem Kampfgeist jedes Spiel. Man kann eine riesige Stabilität erkennen. Bis auf wenige individuelle Fehler klappt da alles. Von Abwehr über Mittelfeld bis hin zum Sturm. Wichtig dabei ist zum einen, dass einige Spieler, wie Forsberg und Haidara, wieder eine sehr starke Form erreicht haben, zum anderen, dass vor allem die Winterzugänge der letzten Saison, Angelino und Olmo, richtig zünden. Einzig von den Sommer-Neuzugängen darf noch etwas mehr kommen, was sicherlich mit der Zeit auch noch der Fall sein wird.

Ist in dieser Saison fünf Jahre nach dem Aufstieg in die Bundesliga der erste Titel möglich?

Tori: Möglich definitiv. Die Bayern, die vermutlich wettbewerbsübergreifend der große Favorit sind, schwächeln unerwartet oft. Sei es die verdiente Niederlage gegen Hoffenheim oder die Unentschieden gegen Bremen und Union in der Liga. Dadurch, dass auch Dortmund diese Patzer nicht konsequent ausnutzen kann, folgt Leipzig sicherlich als nächster Favorit auf den Meistertitel. Die Frage wird sein, wie lang und konsequent man in Leipzig den erfolgreichen Fußball durchziehen kann, ohne dass die Kräfte ausgehen oder wichtige Spieler ausfallen. Des Weiteren haben da in der Liga diese Saison auch die starken Leverkusener und Gladbacher noch ein Wörtchen mitzureden.

International finde ich es da schon schwieriger. Die Mannschaft hat in der Gruppenphase gezeigt, dass sie gegen große Teams bestehen kann, wenn sie will. Genauso können aber auch 15 schlechte Minuten das Aus bedeuten. Die Gegner sind allesamt Spitzenmannschaften und im Vergleich dazu ist Leipzig immer noch sehr jung und unerfahren. Daher denke ich, dass es wenn, dann ein nationaler Titel wird. Traurig über einen Titel erst im sechsten Jahr Bundesliga wäre ich allerdings auch nicht. Den könnte man dann wahrscheinlich eher wieder mit den Fans feiern.

Julian Nagelsmann befindet sich aktuell in seiner zweiten Saison bei Rasenballsport und dennoch kommt es einem schon so vor, als sei sein Abgang aus Hoffenheim schon Ewigkeiten her. Was schätzt du persönlich am meisten an ihm?

Tori: Sein allgemeines Auftreten, die Ruhe mit der er in Leipzig arbeitet, das finde ich sehr beeindruckend. Er findet auch für die Dinge abseits vom Fußball oftmals die richtigen Worte und Ideen. Im Gedächtnis geblieben ist mir da das neue „Bestrafungssystem“ für die Spieler. Statt das Geld in der Mannschafskasse zu sammeln, wo es am Ende der Saison, in welcher Form auch immer, eher wieder zu den Spielern zurückfließt, gibt es Geschenke für die Mitarbeiter im Verein. Eine Idee, die ich sehr lobenswert finde. Zumal Nagelsmann selbst die Mitarbeiter laut eigener Aussage auch nach einem Sieg beschenkt.

Auch im Umgang mit den Spielern hat er ein besonderes Feingefühl. Viele Fans (mich eingeschlossen) haben die so letzte Saison oft darüber geschimpft, dass er Haidara trotz schlechter Leistungen oft spielen ließ. Im Endeffekt kann man darüber nur froh sein. Haidara ist komplett aufgeblüht und ein extrem wichtiger Spieler geworden. Auch der Umgang mit Ex-Kapitän Willi Orban ist sehr löblich. Empfehlenswert ist es da, sich einfach die Pressekonferenz nach dem Rückspiel gegen Manchester United (3:2) anzuschauen.

Unter Ex-Hoffenheimer Julian Nagelsmann (r.) erlebten beide Teams ihre erfolgreichsten Jahre. (Foto: Uwe Anspach/ Getty Images)

Im Achtelfinale der Champions League trifft man auf Liverpool. Das ergab die Auslosung am Montag. Wie schätzt du die Chancen für Leipzig ein?

Tori: RB ist nicht komplett chancenlos. Liverpool hat durch Verletzungspech und den engen Zeitplan bisher nicht so richtig in die Spur gefunden. Spannend wird, wie schnell sie sich dahingehend fangen und wer bis zum Achtelfinale wieder fit ist.

Wenn Leipzig zwei gute Tage erwischt, kann da sicherlich was gehen. Allerdings sollte man auch den Faktor Fans nicht außer Acht lassen. An der Anfield Road wird im März vermutlich vor Publikum gespielt, sofern sich die Lage in England nicht wieder verschlechtert. Ich bezweifle, dass deutsche Fans vor Ort sein können, insofern wäre es wichtig, vorher einen klaren Heimsieg (vermutlich ohne Fans im Stadion) einzufahren und mit einem guten Polster nach Liverpool zu fahren. Dass dort noch keine deutsche Mannschaft gewonnen hat, ist kein Geheimnis.

Mit Timo Werner hat man im Sommer wohl den Spieler verloren, der den Verein für Außenstehende am meisten ausgemacht hat. Wie hat RB seinen Abgang verkraftet?

Tori: Erstaunlich gut. Seitdem der Wechsel bekannt gegeben wurde, hatte jeder nur die Frage im Kopf, wie man ihn am besten ersetzen könnte. Dieser Aufgabe hat sich die gesamte Mannschaft gut angenommen. Hier und da vermisst man Timos Qualitäten doch noch, besonders wenn eine sehr gute Torchance doch nicht verwertet wurde, oder dem Spiel ein schneller Konter mit ihm guttun würde. Doch alles in allem kompensiert das Kollektiv den Abgang sehr gut. Die Tore fallen trotzdem, wenn auch aus anderen Teilen der Mannschaft. Sei es Angelino als Linksverteidiger oder eben das gesamte Mittelfeld. Da kann es sich Nagelsmann sogar erlauben, Spiele komplett ohne nominellen Stürmer in der Startelf zu bestreiten.

Der Hoffenheimschreck wechselte im Sommer für 53 Millionen Euro zu Chelsea. (Foto: Odd Andersen/Getty Images)

Im Winter steht höchstwahrscheinlich der Transfer von Salzburgs Dominik Szoboszlai bevor. Der Ungar wäre damit der 18. Spieler, den Leipzig von RB Salzburg fest verpflichtet. Wie stehst du zu dieser Zweckallianz zwischen den beiden RB-Klubs und siehst du es als unfairen Wettbewerbsvorteil an?

Tori: Natürlich kann man da nicht mehr von Zufall oder irgendetwas Ähnlichem sprechen, wenn 17 bzw. dann 18 Spieler von RB zu RB wechseln. Es ist mit Sicherheit ein Vorteil, dass die Vereine von der Spielphilosophie so ähnlich ticken und dass sie auch generell so eng miteinander verbunden sind. Dennoch darf man nicht vergessen, dass so ein Wechsel nicht nur von den Vereinen beschlossen wird. Die Spieler selbst müssen es auch wollen. Letzten Winter hat man das im Fall Erling Haaland gesehen. Der Ex-Salzburger hat sich gegen Leipzig und für Dortmund entschieden. Ein Wechsel, dem sicherlich viele durch seine gezeigte Leistung immer noch nachtrauern.

Ich selbst verstehe den Unmut, der bei Vielen durch die hohe Anzahl der Transfers entsteht. Doch man würde die Spieler nicht nach Leipzig holen, wenn man nicht von ihnen überzeugt wäre, nur weil sie bei Salzburg spielen. Sie passen aus Ansicht der Verantwortlichen am besten zum Verein und wieso sollte man den Transferwunsch dann nicht äußern.

RB Leipzig gilt bei vielen Außenstehenden noch weit vor der TSG als der Inbegriff der Kommerzialisierung des Fußballs. Kannst du die Kritik an dem Konstrukt RB teilweise nachvollziehen?

Tori: Ich kann die Kritik an RB definitiv nachvollziehen. Natürlich passt dieses ganze Konstrukt nicht in die idealisierte Welt des traditionellen Fußballs. Ein Verein, der nur als Marketingmaschinerie für einen Energy Drink gegründet wurde. Das hat nichts mit dem Bild von Fußball zu tun, welches sie zum Beispiel in Dortmund oder Frankfurt leben. Dennoch hat sich der Fußball weiterentwickelt. Den traditionellen Sport allein gibt es so nicht mehr. Dahinter stecken riesige Wirtschaftsunternehmen. Dortmund ist vor vielen Jahren schon an die Börse gegangen. Bayern hat mehr als strittige Werbedeals in Katar am Laufen. Klar, die Werbemaschinerie RB ist nochmal etwas anderes, weil eben kein großer Traditionsverein dahintersteht, aber auch diese sind eben nicht mehr das, was sie mal waren.

Ich selbst gehe da eher differenziert ran. Ich bin zu 100% Fan von dem Fußball, der in Leipzig gespielt wird. Alles andere gilt es dann aber auch kritisch zu hinterfragen. Die finanzielle Situation in Leipzig hat offensichtlich diverse Vorteile mit sich gebracht. Dadurch kamen die Spieler zum Verein, die sonst sehr wahrscheinlich nicht den Gang in die zweite oder dritte Liga gewählt hätten. Doch das allein garantiert noch lange keinen Erfolg. Es muss dann auch auf dem Platz funktionieren, und das klappt durch sehr gute Vereinsarbeit auf allen Ebenen, unabhängig von der Idee, aus der der Verein gegründet wurde.

Selbst wünsche ich mir allerdings auch etwas mehr „klassische Vereinselemente“ bei RB. Sei es die einfache Möglichkeit Vereinsmitglied zu werden, oder auch die Entwicklung einer eigenen Ultraszene. Ich denke, dass sich Letzteres im Laufe der Jahre auch noch komplett entwickeln wird und freue mich schon darauf. Für mich gehört auch ein politisches Engagement zum Fußball. Ich bin kein Fan der „Politik raus aus den Stadien“-Denke, die es oftmals gibt. Viele Vereine leben das sehr vorbildlich aus, was ich toll finde. Sicherlich fühlen sich dann gewisse Menschen auf den Schlips getreten, wenn der Verein sich offiziell gegen deren Ansichten stellt, aber eine starke Arbeit gegen Rassismus und für Gleichberechtigung auf allen Ebenen gehört für mich dazu. Das gibt es in Teilen schon, doch da kann sowohl vom Verein als auch von den Spielern gerne noch mehr kommen.

Sachsen befindet sich seit Montag im strikten Lockdown, der Rest der Bundesrepublik folgt am Mittwoch. Empfindest du es angesichts der landesweiten Maßnahmen und beunruhigenden Zahlen als das richtige Zeichen, den Profifußball in dieser Form fortzusetzen?

Tori: Es ist zumindest diskutabel. Die offizielle Ansage war, dass der Profifußball nur so lange fortgesetzt wird, wie es die Situation zulässt. Vor mehreren Wochen ging bereits ein öffentlicher Brief der Frankfurter Krankenhäuser um, in dem sich diese an Eintracht Frankfurt wandten, da die Testkapazitäten knapp sind. Sollte das nach wie vor der Fall sein, müsste man den Fußball sofort einstellen. Die Tests und auch das Personal wird an anderer Stelle benötigt.

Ich bin kein Fan der Geisterspiele und wäre lieber im Stadion, aber aus wirtschaftlicher Sicht verstehe ich auch, dass die Geisterspiele besser sind als gar keine Spiele. Des Weiteren ist es für viele Fans zu Hause sicherlich auch schlichtweg eine Erleichterung, dass es immer noch Bundesligaspiele gibt, die man verfolgen kann. Auch psychisch nimmt das sicherlich bei vielen etwas Druck raus, dass sie ihr geregeltes Wochenende mit Fußball und Bier in abgewandelter Form immer noch haben.

Am Mittwoch treffen die TSG und Leipzig bereits zum neunten Mal aufeinander. Was macht für dich El Plástico aus?

Tori: Es sind immer Spiele, die viel Spannung und Spaß am Fußball mit sich bringen. Man kann vorher nie so wirklich sagen, was passieren wird, egal wie sehr die eine Mannschaft vielleicht favorisiert ist. Die Mehrheit der deutschen Fußballfans wird dieses Spiel wohl auch dieses Jahr wieder mit Häme und Abneigung betrachten und es wird sicherlich wieder diverse satirische Kommentare dazu geben. Zugegebenermaßen freue mich auch auf diese.

„Den Fußball zerstört nur einer – Hoffe und sonst keiner“ und viele weitere Banner beim ersten El Plástico in Sinsheim 2016. (Foto: imago)

Trotz der kurzen Historie des Duells gab es bereits einige denkwürdige Aufeinandertreffen, die stets hohes Tempo und viele Tore zu bieten hatten. Was erwartest du von der Partie am Mittwochabend?

Tori Schulz: Hoffenheim hatte zuletzt in der Liga oft Pech, was den Spielverlauf betrifft. Auch das Spiel gegen Leverkusen ist dafür ein gutes Beispiel. Ich denke, es wird ein schnelles und gleichzeitig enges Spiel, in welchem sich beide Mannschaften von der besten Seite zeigen wollen. Für Leipzig geht es um eine eventuelle Tabellenführung, wenn alles glatt geht. Für Hoffenheim um wichtige Punkte und sicherlich auch um einen gewissen mentalen Push.

Was ist dein Tipp?

Tori: Aus Tradition und weil ich hoffe, dass es Glück bringt: 3-1 für Leipzig. Sorry liebe Hoffenheimer.

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Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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Jakob Uebel and Louis Loeser
Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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