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„Ich hatte überhaupt keine Emotionen“ – Gegnerinterview vor dem Duell mit dem SC Paderborn

Nach der 3:0-Heimniederlage gegen Hertha BSC trifft die TSG Hoffenheim am kommenden Samstag (15:30 Uhr) auf den SC Paderborn. Vor dem Duell mit dem Tabellentletzten haben wir mit Thorben Kemper (Twitter: @Misserfolgsfan) über die aktuelle Lage beim SCP, seine erste Geisterspielerfahrung und die anstehende Partie gesprochen.

Hoffenews: Thorben, den ersten Spieltag nach der Corona-Pause haben wird hinter uns. Wie hast du die ersten Geisterspiele erlebt?

Thorben: Ich habe keinerlei Geisterspielerfahrung und auch lange damit gehadert, überhaupt einzuschalten. Letztendlich habe ich dann um halb vier die Konferenz im Free-TV angemacht, um zu sehen wie das ist. Ich finde es schrecklich. Ich hatte überhaupt keine Emotionen und habe furchtbar langweilige Spiele gesehen. Dass das Spiel des SC Paderborn zusätzlich noch schlecht war, half dementsprechend auch nicht.

Hoffenews: Du betreibst zusammen mit dem Macher hinter dem Blog Schwarz und Blau den Twitter-Account @CoronaFussball. Dabei beschäftigt ihr euch mit dem Umgang des Profifußballs mit der Corona-Pandemie. Wie hat sich dadurch dein Blick auf den Fußball verändert?

Thorben: Ich weiß nicht, ob es meinen Blick auf den Fußball geändert hat. Ich, als jemand der das Fußballbusiness auch kritisch betrachtet, weiß ja eigentlich, dass es ein verdorbenes Geschäft ist und die Protagonisten alles machen würden, um viel Geld zu verdienen. Wirklich schockiert hat mich mehr, dass sich die Politik so schnell vereinnahmen lassen hat und die Bundesliga damit wichtigen Raum in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion eingenommen hat.

Hoffenews: Luca Kilian war der erster Bundesliga-Spieler, der positiv auf COVID-19 getestet wurde. Im Anschluss betonte er, dass mit dem Virus nicht zu spaßen sei und er mit schweren Symptomen zu kämpfen hatte. Hast du das Gefühl, dass der SCP dadurch besonders sensibilisiert wurde?

Thorben: Der SCP ist bekannt dafür, kaum Kommunikation nach Außen zu tragen. Ich glaube aber, dass der wirklich besondere Tag der Spielabsage in Düsseldorf allen Verantwortlichen und Spielern noch im Kopf ist. Marlon Ritter hat erzählt, dass sie an dem Tag überhaupt nicht wussten, ob sie nach Hause fahren dürfen, bereits erkrankt sind oder sie vielleicht jemanden angesteckt haben. Uwe Hünemeier hat als erster deutscher Spieler an dem Tag einen Abbruch des Spieltags gefordert. Trotzdem gab es später im April einen Spieler, der eine Instagram-Story mit Freunden zusammen gepostet hat. Später war diese gelöscht. Ich hoffe, dass dort eine Einsicht eingetreten ist. Wir können alle letztendlich nur hoffen, dass das Hygienekonzept umgesetzt wird und es so gut ist, dass alle gesund bleiben.

Torprämiere im Hinspiel: Robert Skov aus 30 Metern (Foto: imago images)

Hoffenews: Als Aufsteiger wird Paderborn von vielen automatisch zu den Klubs gezählt, die finanziell besonders unter der Krise leiden. Wie angespannt ist die Situation wirklich?

Thorben: Auch hier wissen wir es nicht wirklich. Wir können uns aber die Zahlen aus der letzten Mitgliederversammlung anschauen und sie interpretieren. Da der SCP letzte Saison schlussendlich aus Versehen aufgestiegen ist, konnte er sich komplett entschulden und es ist ursprünglich ein Aufbau von Eigenkapital geplant gewesen. Der Verlust durch die fehlenden Heimspiele ist wohl durch einen Gehaltsverzicht ausgeglichen. Ein großer Kostenpunkt diese Saison war außerdem der Ausbau und Umbau des Stadions. Obwohl es eigentlich Voraussetzung für die Bundesligalizenz ist, wurde hier nur der erste Schritt durchgeführt und der SCP hofft auf ein weiteres Jahr Ausnahme durch die DFL (sofern die Klasse gehalten wird). Ich denke also, dass der SCP gut gerüstet ist, da jetzt durch die Geisterspiele wieder Geld in die Kassen kommt.

Hoffenews: Wie ist der Klub ansonsten mit dieser Krise umgegangen?

Thorben: Der SCP ist recht gut mit der Situation umgegangen. Er ist nicht negativ aufgefallen und hat beispielsweise Schutzmasken an das örtliche Rote Kreuz gespendet. Spieltagtickets konnten komplett oder anteilig zurückgegeben werden. Zu den Dauerkarten gibt es aber leider noch keine Informationen. (Anm. d. Red.: Mittlerweile bietet der Klub die verschiedenen Optionen für Dauerkarteninhaber an)

Hoffenews: Während der zweimonatigen Pause musste Geschäftsführer Martin Przondziono seinen Hut nehmen. Für Außenstehender kam seine Entlassung überraschend. Was sind die Gründe für die Trennung?

Thorben: Der Schritt kam wohl auch für alle in Paderborn und auch Przondziono selbst überraschend. Als angeblicher Macher hinter Krösche hatte er vollstes Vertrauen der Fans. Als die Nachricht kam, dass er entlassen wurde, wurden viele wieder an alte Zeiten erinnert und sehen das Bekenntnis zu Baumgart in Gefahr. Begründet wurde der Schritt mit unterschiedlichen Auffassungen in der Entwicklung des Vereins. Während Przondziono nicht jeden Spieler verkaufen möchte, da er auch eine konkurrenzfähige Mannschaft haben wollte, sieht die Klubführung hohe Ablösesummen als einziges Mittel sich mittelfristig unter den Top 30 zu etablieren. Hinzu kommen die Wintertransfers, die abgesehen von Baumgarts Wunschspieler Srbeny überhaupt nicht eingeschlagen sind. Außerdem gab es das unglückliche Interview, indem Przondziono die wirtschaftliche Situation als sehr schlecht dargestellt hat.

Hoffenews: Kannst du die Entscheidung nachvollziehen?

Thorben: Ich habe da keine abschließende Meinung. Da, mit Wohlgemuth, bereits sofort der Nachfolger in den Startlöchern stand, gehe ich davon aus, dass das schon etwas länger geplant war. Für mich waren dann aber Zeitpunkt und Art der Entlassung seltsam. So kennen wir aber hier den SCP. Ich wünsche mir natürlich, dass Wohlgemuth eine gute Wahl ist.

Musste nach nicht mal einem Jahr als Geschäftsführer seinen Hut nehmen: Martin Przondziono Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

Hoffenews: Mit sechs Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz ist Paderborn derzeit Tabellenletzter. Bist du dennoch zufrieden damit, wie sich der Klub in der Bundesliga präsentiert?

Thorben: In der ersten Saisonhälfte war ich sehr zufrieden. Viele der Spiele haben mir als Zuschauer sehr viel Spaß gemacht. Leider war die Punkteausbeute sehr gering. Schlechte Spiele, in denen der SCP chancenlos war, gab es nur wenige.  In der Rückrunde bin ich aber sehr unzufrieden. Seit Anfang Februar läuft nichts mehr zusammen und wenn was geht, verlieren wir trotzdem knapp gegen die Bayern.

Hoffenews: Seit 2014 fast stieg Paderborn dreimal ab und dreimal auf. Zudem vermied man den Abstieg in die Regionalliga nur dank dem Lizenzentzug von 1860 München. Was gibt dir Hoffnung, dass sich diese Achterbahnfahrt bald ein Ende nimmt?

Thorben: Seit der Niederlage gegen Wolfsburg Mitte Februar gehe ich von einem Abstieg aus. Hoffnung gibt mir für die nächste Saison, dass sich der Verein professionalisiert hat und für eine Philosophie steht, die interessante Spieler anlocken kann. Außerdem können wir noch Bremen überholen, um endlich einen Platz zu erreichen, der nicht Platz 18 oder Platz 2 ist, um damit diesen Fluch zu brechen. Und ganz vielleicht gibt es diese Saison ja keine Absteiger.

Hoffenews: Im Abstiegsduell gegen Düsseldorf gab es für Paderborn zum ersten Mal seit Oktober 2018 ein torloses Unentschieden. Dabei trat man ungewohnt zurückhaltend auf. Hat dich diese Herangehensweise überrascht? 

Thorben: Wie bereits gesagt sind unsere Spiele seit Februar insgesamt nicht mehr vergleichbar mit der Hinrunde. Ich glaube, die Spieler haben auch ein wenig Hoffnung verloren und als Zuschauer merke ich immer wieder die Unterschiede in der individuellen Klasse. Vielleicht kam auch die Geisterspielatmosphäre dazu. Wirklich sportlich bewerten will ich die Geisterspiele nach der Pause fast nicht.

Hoffenews: Müssen wir auch am Wochenende mit einer ähnlich ereignislosen Partie rechnen?

Thorben: Das Hinspiel war eine absolute Machtdemonstration der TSG und am Ende wurde der Ball minutenlang hin und her geschoben. Ganz ohne vorherige Aktion aus dem Gästeblock. 😉 Ich glaube aber, dass das so ein Spiel werden könnte, das mit einem Freak-Ergebnis endet, oder?

Hoffenews: Zum Abschluss: Was ist dein Tipp für das kommende Spiel gegen die TSG?

Thorben: 4-3 für Hoffenheim und für die gesamte Menschheit!

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