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AktuellesInterviewVorbericht

„Gut möglich, dass der Abstiegskampf bis zum Ende offen bleibt“

Nach der 0:2-Niederlage in Stuttgart empfängt die TSG Hoffenheim am Sonntagmittag (13:30 Uhr/DAZN) den 1. FSV Mainz 05. Vor dem Duell gegen die Rheinhessen haben wir mit Journalistin, Autorin und Mainz-Expertin Mara Pfeiffer gesprochen. Sie sprach dabei unter anderem über den großen Umbruch im Winter, die Mainzer Chancen im Abstiegskampf und den ehemaligen Hoffenheimer „Fußballgott“ Adam Szalai.

Mara, auch wenn der FSV auf Platz 17 weiterhin auf einem direkten Absteigeplatz steht, waren in der Rückrunde schon mehrfach Lichtblicke zu erkennen. Wie schätzt du die Chancen auf einen Klassenerhalt für Mainz ein?

Mara Pfeiffer: Wenn sich der Trend der letzten Wochen bestätigt, sieht es diesbezüglich gar nicht schlecht aus. Der Verein hat sich zwar seit Bo Svenssons Amtsantritt nach der Niederlage gegen den FC Bayern Anfang des Jahres in der Tabelle nicht verbessert, damals wie heute stand man auf Platz 17. Allerdings betrug mit sechs Punkten der Abstand zum 16. (Bielefeld) vier Punkte, zum 15. (Köln) fünf. In den ersten Spielen unter Svensson vergrößerte er sich bis zum Ende der Hinrunde sogar auf 8 (10). Vorm Auswärtsspiel in Hoffenheim trennen Mainz vom Relegationsrang drei Tore, von Platz 15 ein Punkt. Gut möglich, dass es bis zum Ende offen und knapp bleibt, aber wenn das Team so weiterspielt und die Verantwortlichen sowohl im Trainerteam als auch generell im Verein die Ruhe bewahren, ist tatsächlich wieder alles drin.

Nach der chaotischen Trennung von Cheftrainer Achim Beierlorzer im Sommer letzten Jahres und zwei weiteren Interimstrainern steht seit Januar Bo Svensson an der Seitenlinie. Ist mit seinem Amtsantritt im Verein wieder Ruhe eingekehrt?

Mara: Kurze Antwort: ja. Längere Antwort: Im Verein hatten sich einige Dinge unglücklich entwickelt. Letztlich geht das zurück bis zur Umsetzung der neuen Strukturen und fand einen Höhepunkt in der in Zeitpunkt ebenso wie Art und Weise untypischen Entlassung von Sandro Schwarz 2019. Der Klassenerhalt unter Achim Beierlorzer konnte meines Erachtens nur gelingen, weil Rouven Schröder ganz nah ans Team gerückt ist. Dieser erleichternde Erfolg hat darüber hinweggetäuscht, dass es zwischen Spielern und Beierlorzer nicht passte. Die Chance, sich im Sommer zu trennen, wurde vertan. Dann haben sich mit der Diskussion um die Stundung der Gehälter und den Trainingsboykott die Ereignisse überschlagen und nach zwei Spieltagen erfolgte doch die Trennung. Die Möglichkeit, durch einen neuen Trainer zur Ruhe zu kommen, war in dieser Ausgangslage und während der laufenden Saison eher gering.

Ich halte Jan-Moritz Lichte für einen sehr guten Coach, er war aber bis zu diesem Zeitpunkt unter zwei Ex-Trainern der zweite Mann, das hat offenbar nicht gereicht als Impuls. Bei Jan Siewert war klar, dass er nur das Spiel gegen die Bayern interimsmäßig betreut, er ist eigentlich Junioren-Cheftrainer im NLZ. Bo Svensson passt hervorragend zu den sportlichen und übergeordneten Werten von Mainz 05. Er war hier Spieler, Co-Trainer und Jugendtrainer und es ist ein absoluter Gewinn für den Verein, dass er nach einer kurzen Zeit beim FC Liefering in der zweiten Liga Österreichs zurück ist. Wichtig finde ich zu betonen, die sportlichen Ergebnisse geben zusätzliche Ruhe, sind es aber nicht alleine. Svensson wurde bewusst mit einem langfristigen Vertrag ausgestattet, er soll etwas aufbauen. Sein Verbleib hier ist nicht abhängig vom Klassenerhalt. Mainz 05 soll, so hat es Christian Heidel betont, wieder zu einem „Trainerverein“ werden. Das hilft Svensson, in Ruhe zu arbeiten – und so erzeugt seine Arbeit Ruhe.

Soll Mainz in der Bundesliga halten: Cheftrainer Bo Svensson. (Foto: imago images)

Auch auf weiteren wichtigen Posten gab es im Winter einen Umbruch. So ging Sportvorstand Rouven Schröder und wurde von seinem Vorgänger Christian Heidel ersetzt. Zudem kehrte Ex-Trainer Martin Schmidt als Sportdirektor zurück. Siehst du die 05er damit für die Zukunft gut gewappnet?

Mara: Ich habe es ja in der vorigen Frage schon beschrieben: Die Situation war irgendwann total zerfahren. In einer seltenen Mischung aus Hilflosigkeit und Geistesblitz haben der Vereinsvorsitzende Stefan Hofmann und der mittlerweile zurückgetretene Aufsichtsratsvorsitzende Detlev Höhne im Herbst bei Christian Heidel angeklopft, ob er zum Verein zurückkehren und im Vorstand dessen strategische Ausrichtung verantworten würde. Heidel hätte, das betont er nach wie vor, gerne mit Rouven Schröder zusammengearbeitet, der wurde in die Entwicklung aber sehr spät eingeweiht und hat die Reißleine gezogen. Es war seine Entscheidung, den Verein zu verlassen. Der stand über Weihnachten quasi nackt da, weil Heidel nicht zurückwollte ins Tagesgeschäft; daher ja der Wunsch nach einer Zusammenarbeit mit Schröder. Es hat viele im Vereinsumfeld überrascht, dass er Martin Schmidt als neuen Sportdirektor mitgebracht hat, als er schließlich zusagte, aber Schmidt hatte schon länger die Idee, in diesen Bereich zu gehen und brennt für Verein und Aufgabe.

Es war das entscheidende Rädchen, Svensson als Trainer zu bekommen. Jetzt ist noch die Wahl des neuen Aufsichtsrates im Sommer offen, da bin ich nach einigen Querelen und Verschiebungen im Vorfeld gespannt, aber insgesamt ist Mainz 05 aus meiner Sicht gut gewappnet, ja. Wobei das nicht gegen Schröder spricht, nur nochmal mehr für das Duo Heidel und Schmidt, die im Umfeld einfach sehr viel Hoffnung verbreiten – ein extra Schub.

Gegen Bundesliga-Größen wie Dortmund, Leipzig, Leverkusen und Gladbach gelangen bereits Überraschungen – sogar den Bayern bereitete man ein unangenehmes Spiel. Wieso scheitert Mainz dann immer wieder ausgerechnet bei den Duellen gegen direkte Konkurrenten?

Mara: In einer Pressekonferenz wurde Bo Svensson kürzlich gefragt, ob das nun eigentlich schon der Fußball sei, wie er ihn sich vorstellt und musste ehrlich lachen. Die Antwort lautete sinngemäß, natürlich nicht, weil zum Fußball, wie er ihn sich vorstellt, auch gehöre, dass die Spieler einen klaren Plan mit dem Ball haben. Damit ist glaube ich schon einiges gesagt zu eurer Frage, denn natürlich versucht der Trainer, an allen Schrauben mit und ohne Ball zu drehen, aber gerade in den ersten Partien lag der Fokus doch sehr klar darauf, Sicherheit reinzubringen. Wenn der Gegner das ähnlich angeht, wird es halt schwierig. Inzwischen ist aber auch mit dem Ball eine Entwicklung erkennbar und ich bin ganz zuversichtlich, dass es nach und nach besser gelingen wird, gegen die direkte Konkurrenz zu punkten. Ein Spiel wie gegen Schalke, die aus meiner Sicht zwar ziemlich schlecht waren, aber eben einen gewissen Schwung durch den neuen Trainer hatten, das hätte dieses Team vor ein paar Monaten noch verloren. Jetzt haben sie ein Unentschieden erkämpft – und der Punkt kann bei der Endabrechnung den Unterschied machen.

Mit gerade einmal 24 Treffern stellen die Rheinhessen eine der schwächsten Offensiven der gesamten Liga. Was fehlt dem FSV im Sturm?

Mara: Präzision, Ruhe in den spielerischen Abläufen und ein zuverlässiger Knipser.

Vom Aussortierten zum Auserwählten: Ex-TSG-Fanliebling Adam Szalai. (Foto: imago images)

Ex-Hoffenheimer Adam Szalai kommt diese Saison bereits auf zwölf Einsätze und rückte in den letzten Spielen auch in die Startelf. Wie macht sich der Stürmer seit seiner Rückkehr zu den 05ern?

Mara: Szalai ist natürlich eine besondere Personalie. Zum einen, weil er Wunschkandidat von Sandro Schwarz war als ehemaliger 05er – und dann unter ihm gar nicht so lange gespielt hat. Zum anderen, weil der angesprochene Trainingsboykott des Teams auch mit seiner Degradierung zu tun hatte. Svensson setzt ganz klar auf ihn als einer seiner verlängerten Arme auf dem Feld. Er wirkt, auch durch die Statur, oft sehr behäbig und ist dann Ziel der Fan-Aufregung, aber er ist ein fleißiger Arbeiter fürs Team und das ist mehr wert als der oberflächliche Blick zeigt. Leider fehlt ihm bisher komplett die Torgefährlichkeit, aber die Saison ist ja noch nicht vorbei. Es wäre eine typische Mainzer Geschichte, wenn er am letzten Spieltag – oder in der Relegation – den rettenden Treffer erzielt. Ich würde es feiern.

Im Hinspiel trennten sich die Hoffenheim und Mainz nach einer zerfahrenen Partie mit 1:1. Was für ein Spiel erwartest du am Sonntag?

Mara: Ich denke, Hoffenheim ist eine Mannschaft, die Mainz 05 von der Spielweise her liegt. Ähnlich wie im Spiel gegen Freiburg wird die Frage ein bisschen sein, wem das erste Tor gelingt. Fällt das früh, könnte es eine durchaus unterhaltsame Partie werden.

Und was ist dein Tipp?

Mara: Du weißt ja, ich hasse es, zu tippen, aber wenn ich müsste, würde ich sagen, Mainz gewinnt 3:2.

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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Louis Loeser and Jakob Uebel
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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