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Europa oder Mittelmaß? – Fünf Thesen zur TSG

Konstant inkonstant: So verläuft die bisherige Saison der Männer der TSG Hoffenheim. Allein in den vergangenen sechs Bundesliga-Partien wechselten sich Sieg und Niederlage in schöner Regelmäßigkeit ab. Die Fallhöhen sind mittlerweile größer als auf jeder Achterbahn. Hoffenews versucht, die aktuelle Situation mithilfe von fünf Thesen zu ergründen.

1. Je mehr Ballbesitz, desto unwahrscheinlicher ein Sieg

Das offensichtlichste Problem der TSG ist die Ideenlosigkeit mit eigenem Ballbesitz. Seit dem Abgang von Julian Nagelsmann beißt sich Hoffenheim daran die Zähne aus – auch weil Teile des Kaders aus dieser Ära immer noch den Anspruch haben, ein Spiel zu dominieren. Zunächst pflegte Nachfolger Alfred Schreuder ein defensives Ballbesitzspiel und verhaltenes Mittelfeldpressing, ehe Sebastian Hoeneß einen ähnlichen Stil fortsetzte. Dabei betonten beide Trainer auf ihrer Antrittspressekonferenz, für mutigen Fußball stehen zu wollen – im Sinne des „Hoffenheim-Style“, wie es Alexander Rosen, Direktor Profifußball, mal formuliert hat.

Mutig traten die Hoffenheimer zuletzt häufig nur gegen die Spitzenteams der Liga auf. Der zweite Durchgang bei Borussia Dortmund (2:3) war vielleicht die beste Auswärtshälfte der bisherigen Saison. Da die Topteams aufgrund ihrer individuellen Qualität zwangsläufig eher das Spiel bestimmen, entstehen Räume für die TSG – und die weiß sie durchaus zu nutzen. Dass die Hoeneß-Elf gegen Spitzenmannschaften trotzdem mal eine Niederlage kassiert, ist halb so wild.

Vielmehr bereiten die tief und aggressiv verteidigenden Teams den Kraichgauern Probleme. Egal, ob Mainz (0:2), Stuttgart (1:3) oder zuletzt Bochum (0:2): Überall ließ sich die TSG im wahrsten Sinne des Wortes den Schneid abkaufen. In den drei genannten Duellen hatte Hoffenheim im Schnitt 60 Prozent Ballbesitz, brachte über kumulierte 180 Minuten jedoch nur fünf Abschlüsse (!) auf das gegnerische Gehäuse zustande.

Es fehlt an Ideen und spielerischen Lösungen im letzten Drittel. Hoeneß hatte Recht, als er nach dem Bochum-Spiel auf einige ansehnliche Angriffe verwies, die nicht zu einem Torabschluss führten. Mehr als einfache „Steil-Klatsch-Kombinationen“ sprangen aber nicht heraus. Die TSG ist derweil auch darauf angewiesen, dass Florian Grillitsch und Andrej Kramaric zentrale Räume erkennen und bespielen. Klappt das nicht, wirkt das eigene Spiel zu statisch und behäbig.

2. Die TSG zieht enge Spiele zu selten auf ihre Seite

Das Torverhältnis von 19:17 spricht angesichts der vier Siege, zwei Unentschieden und fünf Niederlagen für die TSG. Gerade in den Heimspielen gegen Köln (5:0) und Hertha (2:0) machte das Trainerteam um Hoeneß die Schwachstellen des Gegners perfekt ausfindig. Während die TSG gegen den „Effzeh“ auf dem gesamten Platz in Manndeckung verteidigte und im Umschaltspiel die Zwischenräume sehr gut bespielte, hebelte sie die Berliner über schnelle Verlagerungen aus.

Geht das Vorhaben jedoch nicht auf, entwickeln sich enge Partien. Diese konnte Hoffenheim weder bei der Last-Minute-Niederlage in Dortmund noch bei den beiden Remis gegen Union Berlin (2:2) und bei Arminia Bielefeld (0:0) für sich entscheiden. Während der Pleiten in Stuttgart und Bochum verlor Hoffenheim sogar zwei Spiele auf Augenhöhe deutlich.

Speziell in den beiden letztgenannten Begegnungen hätte die TSG auch in Führung gehen können. Bebou scheiterte beim VfB am Querbalken und lupfte den Ball „anne Castroper“ freistehend über das Tor. Stattdessen gerieten die Hoffenheimer in diesen knappen Partien in Rückstand und agierten in der Folge wie paralysiert: Kaum Torchancen, kaum Impulse, zu viele Flanken. Dieses Muster wiederholte sich insbesondere in Auswärtsspielen, in denen die TSG bis dato erst vier Punkte holte.

Dass Hoffenheim die vier Erfolge in der Bundesliga immer mit mindestens zwei Treffern Unterschied einheimste, untermauert die aufgestellte These. Die Hoeneß-Schützlinge schaffen es momentan nicht, in schwächeren Spielen Punkte zu klauen. Aus den Kraichgauern müssen auch mal Kraichgauner werden.

Zukunft ungewiss: TSG-Rekordtorschütze Andrej Kramaric lässt einen Verbleib über 2022 hinaus noch offen (Foto: Alex Grimm/Getty Images).

3. Der Mannschaft fehlt durch bevorstehenden Umbruch die Ambition

Andrej Kramaric, Florian Grillitsch, Philipp Pentke, Chris Richards, Kevin Vogt, Ermin Bicakcic, Havard Nordtveit, Benjamin Hübner und Joshua Brenet – gleich neun Verträge laufen im nächsten Sommer aus. Selbst wenn Alexander Rosen den ein oder anderen Vertrag im kommenden Halbjahr noch verlängert bekommt, steht ein großer Umbruch bevor.

Stand jetzt werden langjährige Leistungsträger und Führungsfiguren den Verein verlassen. Grillitsch hat bereits mit einem ablösefreien Wechsel kokettiert, nachdem ein Transfer in diesem Sommer nicht zustande kam. Kramaric bleibt vermutlich nur bei einer Europacup-Qualifikation. Auch die Zukunft von Vogt, Bicakcic und Hübner ist ungewiss. Das Abwehrtrio hat in dieser Formation zwar lange nicht mehr zusammengespielt, nimmt mannschaftsintern aber weiterhin eine bedeutende Rolle ein. Nicht umsonst trugen Vogt, Bicakcic und Hübner in ihrer TSG-Karriere bereits die Kapitänsbinde und/oder gehörten zum Mannschaftsrat.

Bisher konnte Rosen lediglich den auslaufenden Kontrakt von Dennis Geiger verlängern – allerdings nur um ein weiteres Jahr bis 2023. Im nächsten Sommer wird also ein weiterer Vertragspoker beginnen. Es sei denn, Geiger verlässt die TSG für eine Ablöse.

Rosen ist sicherlich bestrebt, so schnell wie möglich für Klarheit zu sorgen. Unbestimmte Ausfallzeiten von Hübner und Bicakcic oder höhere Ansprüche von Kramaric und Grillitsch erschweren die Situation.

Was passiert also mit einem Team, das zu fast einem Drittel im nächsten Jahr nicht mehr bestehen könnte? Sind die Akteure im Saisonendspurt motiviert genug, die Ziele des Vereins zu erreichen, obwohl ihre Zukunft entweder ungewiss ist oder ein ablösefreier Abgang bereits feststeht? Nun, in die Köpfe der Spieler lässt sich nur schwer blicken. Dennoch könnte sich eine immer größer werdende Unsicherheit ausbreiten, je ungewisser die Kaderstruktur im nächsten Sommer aussieht. Inkonstante sportliche Leistungen tragen einen Teil dazu bei.

4. Hoeneß‘ Kommunikation macht ihn angreifbar

Kurze Antworten, keine Schlagzeilen produzierend – Sebastian Hoeneß ist der ideale Mann für jede PR-Abteilung. Zugegeben, die These ist etwas überspitzt. Schließlich lässt sich Hoeneß äußerst selten aus der Ruhe bringen, was auf den ersten Blick wenig Angriffsfläche bietet. Als er in der vergangenen Saison mehrmals medial angezählt wurde, zeichnete er sich als Krisenmanager aus und fand auf schwierige Phasen passende Antworten. Der Corona-Ausbruch mit zeitweise sieben Ausfällen und die sportliche Schieflage im Januar (u.a. 0:4 auf Schalke) brachten ihn nicht aus der Fassung.

Als Krisenmanager eignet sich seine – zumindest äußerliche – Gelassenheit sehr gut. Nun will Mehrheitseigner Dietmar Hopp die TSG allerdings mittelfristig „auf Platz sechs oder besser“ etablieren, wie er auf der Mitgliederversammlung am 2. Oktober vor dem Spiel in Stuttgart verkündete. Wenn es nun darum geht, die Mannschaft dahingehend zu entwickeln, passen Hoeneß‘ öffentliche Zurückhaltung und die forsch formulierten Ziele Hopps nicht zusammen.

„Wir sind in einem Prozess“, versucht der TSG-Coach auf Pressekonferenzen immer wieder zu betonen. Er verrät jedoch nicht, wie die spielerische Entwicklung dieses Prozesses aussehen soll. So hangelt sich Hoeneß zu häufig von Worthülse zu Worthülse, während sowohl die breite Öffentlichkeit als auch die Fans nicht wissen, in welche Richtung der Verein steuern will.

Symptomatisch dafür stehen die Interviews nach dem Heimerfolg gegen die Hertha. Andrej Kramaric liebäugelte mit einer Qualifikation für den internationalen Wettbewerb. „Ich hoffe, wir können am Ende der Saison wieder lachen – in Europa“, formulierte der Kroate sein Ziel süffisant. Darauf angesprochen wies Hoeneß seinen Schützling in die Schranken: „Ich glaube, das macht zum jetzigen Zeitpunkt keinen Sinn.“

Hier stellt sich nun die nächste Frage: Was ist denn überhaupt das Saisonziel der TSG? Dazu bezog Hoeneß zu Saisonbeginn keine Stellung. Das ist nachvollziehbar, um den Druck zu mindern. Aber die öffentliche Zurückhaltung liefert aufgrund der höheren Ansprüche im Verein mehr Fragezeichen als Antworten.

Quo vadis? Trainer Sebastian Hoeneß hat kein Saisonziel ausgegeben (Foto: Christian Kaspar-Bartke/Getty Images).

5. Dauerhaftes Mittelmaß wird Konsequenzen haben

Bleibt die TSG in ihren Ergebnissen und Entwicklungen derart unbeständig, droht sie, kurz- oder mittelfristig wieder eine „Graue Maus“ zu werden. Aktuell sollte der Kader in der Lage sein, um die europäischen Plätze mitzuspielen. In der nicht immer aussagekräftigen Marktwerttabelle liegt die TSG auf Platz sieben (202,28 Mio. Euro laut transfermarkt.de). Das Tableau zeigt zumindest einen Richtwert, in welche Kategorie der Kader einzuordnen ist.

Mit David Raum oder Christoph Baumgartner könnte die TSG hoch veranlagte Spieler schneller verlieren, als ihr lieb ist. Auch Kramaric wird im anstehenden Herbst seiner Karriere höhere Ansprüche pflegen als einen Platz im Mittelfeld.

Das Restprogramm bis zur Winterpause hat es in sich. Gegen Leipzig, Freiburg, Leverkusen und Gladbach treffen die Hoffenheimer noch auf echte Topteams der Liga. Die beiden Partien bei der SpVgg Greuther Fürth und gegen Eintracht Frankfurt Ende November bzw. Anfang Dezember haben deshalb einen richtungsweisenden Charakter. Zumal die Bilanz gegen Aufsteiger – die TSG ist seit fünf Spielen sieglos – und gegen die SGE – die TSG verlor die letzten sechs Aufeinandertreffen – dürftig aussieht.

Ein erneutes Abrutschen ins graue Niemandsland hätte im Hinblick auf den Kader und die Klubphilosophie weitreichende Folgen. Denn sonst droht auch Hopps Ziel, aus der TSG einen dauerhaften Europacup-Aspiranten zu machen, aus den Augen zu geraten.

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