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„Eines der am meisten unterschätzten Duelle der Liga“

Nach dem sicheren Einzug in die K.o.-Runde der Europa League möchte die TSG am Sonntag gegen Mainz 05 die Serie von sechs Bundesliga-Spielen ohne Sieg beenden. Vor dem Duell in Rheinhessen sprachen wir mit Oliver Heil (Twitter: @1mainzer), der zu den Bundesliga-Experten des SPIEGEL gehört. Er verriet uns, warum die derzeitige Ruhe in Mainz trügerisch ist, was sich unter dem neuen Trainer Jan-Moritz Lichte verändert hat und warum das Duell zwischen der TSG und den 05ern für ihn eines der unterschätztesten der Liga ist.

Oliver, Ende September stand Mainz für kurze Zeit im Mittelpunkt, als die Suspendierung von Adam Szalai für einen Spielerstreik sorgte und kurze Zeit später Trainer Achim Beierlorzer seinen Hut nehmen musste. Inwiefern ist unter dem neuen Trainer Jan-Moritz Lichte wieder Ruhe eingekehrt?

Oliver Heil: Die vermeintliche Ruhe finde ich ein bisschen trügerisch. Der Vorstand hat die Aufarbeitung der ganzen Vorkommnisse nach diversen Gesprächsrunden für abgeschlossen erklärt und ich verstehe die Absicht, nach vorne schauen zu wollen. Aber die Fans warten eigentlich noch immer auf eine Entschuldigung der Mannschaft. Insofern brodelt es in Mainz nach wie vor. Aber Lichte scheint in der Tat einen guten Draht zu den Spielern zu haben. Genau den gab es ja gar nicht unter Achim Beierlorzer. Das war eigentlich auch am Ende der letzten Saison jedem klar – außer Achim Beierlorzer. Der Verein hat da den richtigen Zeitpunkt zur Trennung verpasst, sonst hätte er sich das ganze Theater erspart.

Lichte war zuvor nie als Cheftrainer tätig. Wie geht er die neue Herausforderung an und was macht ihn aus?

Oliver: Lichte ist ja schon seit drei Jahren in Mainz. Nach so langer Zeit als Co-Trainer ist so ein Rollenwechsel im Verein natürlich ungewöhnlich, aber er ist damit ziemlich cool umgegangen und hat von Anfang an betont, dass er den Chefposten auszufüllen weiß. Er wirkt nach außen ziemlich ruhig, aber seine Kommunikation ist sehr klar und verbindlich. Was er sagt, kommt bei den Spielern an. In Sachen Taktik ist er ja eh ein super Fachmann und scheint jetzt auch eine Grundordnung gefunden zu haben, in der sich die Mannschaft einigermaßen sicher fühlt. Zumindest sah das gegen Schalke und Freiburg ganz gut aus mit dem verschiebenden 3-6-1/5-4-1-System.

Am Samstag gelang den 05ern gegen den SC Freiburg der erste Bundesliga-Sieg dieser Saison. Ist das die logische Folge eines klaren Aufwärtstrends oder sollte man das Ergebnis mit Vorsicht genießen?

Oliver: Eher Letzteres. Seit Jahren reden wir in Mainz darüber, dass die Mannschaft nicht stabil ist, ihr Potential viel zu selten abruft. Nach guten Spielen macht sich da gerne eine Selbstzufriedenheit breit, wird am nächsten Wochenende dann nur mit 70, 80 Prozent gespielt. Das macht die Fans hier wahnsinnig, weil man in Mainz immer Vollgas und Einsatz sehen will. Dass er das der Mannschaft nicht austreiben konnte, hat schon Sandro Schwarz den Job gekostet. Ob das nun Lichte gelingt? Die Anzeichen dafür sind da, aber ich würde mich noch nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen.

Rückte Mainz zuletzt in ein anderes Lichte: Trainer Jan-Moritz Lichte (Bild: Alexandra Beier/Getty Images)

Stürmer Jean-Philipp Mateta gelang gegen Freiburg sein achtes, neuntes und zehntes Pflichtspieltor in dieser Spielzeit. Was macht den Franzosen derzeit so stark?

Oliver: Bedenkt dabei, dass er acht dieser Tore in drei Spielen gemacht hat. Jemand hat am Wochenende gesagt, dass Mateta wie eine Ketchupflasche ist: Du schüttelst ewig und es passiert nichts, aber wenn’s läuft, dann richtig. Wenn die Verteidigung die Mitte nicht dicht bekommt, hat Mateta jedenfalls leichtes Spiel. Mit Boetius und Quaison hat er aber auch die richtigen Spieler hinter sich, die wissen, wie man ihn einsetzen muss.

Was hat neben dem Dreifachtorschützen gegen den SC den Unterschied gemacht?

Oliver: Auf jeden Fall das System mit drei Innenverteidigern. Im Mittelfeld haben sich dazu Fernandes und Barreiro sehr gut ergänzt. Und dann muss man Levin Öztunali erwähnen, der wohl die erstaunlichste Entwicklung aller Mainzer in dieser Saison bisher hingelegt hat. Was der auf Rechts auf einmal auch defensiv zeigt, ist richtig stark.

Mit einem Durchschnittsalter von 24,8 ist die Mainzer Mannschaft noch sehr jung. Welche Spieler sollte man als Außenstehender besonders im Auge behalten?

Oliver: Leandro Barreiro. Der hat in Mainz in der U17 angefangen und ist jetzt in seiner dritten Profisaison, dazu luxemburgischer Nationalspieler. Er ist wahnsinnig gut darin, Bälle abzufangen und zu klären, läuft sehr viel, ist zweikampfstark – aus dem wird ein richtig guter Sechser. Und wir hoffen, dass Jonny Burkardt bald regelmäßig trifft. Der hat ja letzte Woche die U21 zur EM geschossen, fiel dann aber mit Erkältung aus.

Ex-TSG-Spieler Adam Szalai war von Achim Beierlorzer im September suspendiert worden, was für einen Spielerstreik sorgte. Einige Wochen später wurde er begnadigt, zog sich aber bei der ungarischen Nationalelf eine Meniskusverletzung zu. Wie ist sein Standing im Verein?

Oliver: Schwierig. Seine Rolle in der Mannschaft scheint eine besondere zu sein, aber auf dem Platz konnte er die in seine Rückkehr gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Mehr will ich zu ihm gar nicht sagen, weil ich der im Block bin, der sich immer am meisten über Szalai aufgeregt hat, als wir noch ins Stadion durften.

Ein Trauma für jeden TSG-Fan: Hoffenheim verspielt in Mainz am letzten Spieltag der Saison 18/19 die Europa League (Bild: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Gegen Freiburg lief Mainz erstmals in dieser Saison mit einer Dreierkette auf, wobei sich Alexander Hack als Abwehrchef positiv hervortat. Ist diese Formation auch gegen die TSG eine Option?

Oliver: Ja. Und an Hack kann man die Vorteile dieses Systems sehr gut festmachen. Wenn der auf jeder Seite einen weiteren Innenverteidiger hat, kann er seine Stärken voll ausspielen, weil die Nebenleute ihm Sicherheit geben. Entscheidender als die Ordnung ist aber, dass Mainz die Intensität hochhält, und das in allen Mannschaftsteilen. 

Die Spiele zwischen der TSG und Mainz sind oft mit vielen Toren verbunden. Welches Spiel ist dir dabei besonders im Kopf geblieben?

Oliver: Tatsächlich freue ich mich immer besonders auf die Spiele gegen die TSG. Meiner Meinung nach ist das eines der am meisten unterschätzten Duelle der Liga. Wenn mehr Leute Ahnung von Fußball hätten, wäre das Stadion da immer ausverkauft. Was es schon für Spiele gab! Das 4:2 nach 0:2 damals noch unter Thomas Tuchel in Sinsheim. Oder ein 0:4 daheim, als unsere Kurve anfing, Tore zu feiern, die nie gefallen sind, und am Ende einen Ausgleich bejubelte, den es nicht gab. Ziemlich frisch in Erinnerung ist mir noch das 4:2 am letzten Spieltag der Saison 2018/19, das euch die EL-Quali kostete. Selten gab es bei mir im Büro in Frankfurt so viel Dankbarkeit von den Eintracht-Fans wie nach diesem Wochenende…

Denkst du, wir können auch an diesem Wochenende wieder ein Spektakel erwarten?

Oliver: Da beide Mannschaften defensiv anfällig sind: Ja.

Was ist dein Tipp?

Oliver: 3:2 für Mainz.

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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