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Eine talentierte Frohnatur vor dem großen Wurf? – Georginio Rutter im Portrait

Georginio Rutter zählte zu den Gewinnern der Sommervorbereitung bei der TSG Hoffenheim und knüpfte im ersten Bundesliga-Spiel der neuen Saison beim FC Augsburg locker daran an. Hoffenews zeigt seinen Weg zur TSG auf und erklärt, wie der 19-Jährige mit seinen Fähigkeiten im Kraichgau den Durchbruch schaffen könnte.

Drei Minuten, drei Ballberührungen. Mehr Anlaufzeit benötigte Georginio Rutter bei seinem Bundesliga-Debüt für die TSG Hoffenheim nicht. Kurz nach seiner Einwechslung legte sich der damals noch 18-Jährige die Kugel zurecht. Mit seinem wuchtigen linken Fuß schloss Rutter von der Strafraumkante ab. Der Ball schlug in der unteren rechten Ecke ein – sein erster Treffer im TSG-Trikot war perfekt.

Klar, das Tor zum 4:0 im Heimspiel gegen den SV Werder Bremen war nur Ergebniskosmetik. Es zeigt aber, dass Rutter gemeinhin als Frühstarter gilt. Bereits mit fünf Jahren schnürte er erstmals seine Fußballschuhe im Verein, mit 16 unterzeichnete er seinen ersten Profivertrag und auch in seinem ersten Champions-League-Spiel netzte er sofort.

Im vergangenen Winter entschied sich Rutter bekanntlich für einen Wechsel von Stade Rennes zur TSG. Der im Jahr 2002 geborene Angreifer unterzeichnete einen Vertrag bis 2025 und gilt als ein weiterer junger Hoffnungsträger in den Reihen der Kraichgauer. Alexander Rosen, Hoffenheims Direktor Profifußball, bezeichnete den Franzosen bei seiner Verpflichtung als „eines der vielversprechendsten Talente des französischen Fußballs“.

Schon bei seinem Debüt das unverkennbare Grinsen im Gesicht: Rutter nach dem 4:0 gegen Werder Bremen. (Foto: imago images)

Eine talentierte Frohnatur

Rutter wuchs in der Bretagne auf und spielte zwischen 2007 und 2014 für seinen Jugendverein AS Ménimur. Schon dort trat der Mittelstürmer teilweise gegen zwei Jahre ältere Gegenspieler an. Frédéric Lagadec, sein Jugendtrainer in der U13, beschreibt Rutter in The Guardian folgendermaßen: „Er liebt den Fußball, möchte Spaß auf dem Feld haben und lässt sich nicht unter Druck setzen.“

Früh machten sich zwei Eigenschaften bemerkbar: Rutters außergewöhnliches Talent und seine ausgeprägte Lebensfreude. Nach seinem Debüt-Tor gegen Werder erzählte Hoffenheims Coach Sebastian Hoeneß: „Er ist ein guter Typ, der das Herz am rechten Fleck hat und deswegen direkt eine Akzeptanz in der Mannschaft gefunden hat.“ Einen ähnlichen Eindruck konnten die TSG-Fans bereits mit Blick auf die offiziellen Social-Media-Accounts gewinnen. Kaum eine Woche vergeht ohne einen in die Kamera lächelnden Rutter.

Alte Weggefährten können Hoeneß‘ Aussagen zweifellos bestätigen. „Er war ein charmanter Junge, der nie ein Problem darstellte – immer positiv, lächelnd, sehr angenehm. Er hat sich nicht in den Vordergrund gedrängt, war sehr einfach und vereinte die Umkleidekabine“, schilderte Stéphane Madec dem französischen Fußballmagazin Onze Mondial. Madec trainierte die U14 des OC Vannes, Rutters zweiter Station nach der AS Ménimur.

Seine besonderen Fähigkeiten, speziell seine Dynamik und Athletik, wurden schnell auch von größeren Klubs bemerkt. Stade Rennes, der populärste Klub der Bretagne, hatte sowohl bei der AS Ménimur als auch beim OC Vannes ein Auge auf den Youngster geworfen. Im Alter von 15 Jahren wechselte Rutter schließlich zum Verein aus der bretonischen Hauptstadt. Ein Jahr später unterschrieb er seinen ersten Profivertrag und kam fortan auch regelmäßig in den französischen U-Nationalmannschaften zum Einsatz. Mit Frankreichs U17 wurde Rutter bei der Weltmeisterschaft 2019 Dritter. Er selbst steuerte drei Tore in fünf Partien bei.

Bei Stade Rennes kam Rutter nach der Unterzeichnung seines ersten Profivertrages zunächst in der U23 zum Einsatz. 2019/2020 absolvierte er zudem vier Partien in der UEFA Youth League.

„Das war der Beweis, dass der Verein mich wirklich wollte“

Die Entwicklung zum etablierten Profispieler konnte Rutter jedoch nicht schnell genug gehen. Am 5. Spieltag der Saison 2020/2021 gegen die AS Saint-Etienne feierte er sein Debüt per Einwechslung – zu spät aus Sicht des ehrgeizigen Jungspunds. Trainer Julien Stephan brachte ihn im Verlaufe der Hinserie lediglich vier weitere Male von der Bank. Zwar traf er bei seinem Champions-League-Debüt gegen den FC Sevilla sogar per Elfmeter, doch für Rutter stand fest, dass er seinen 2021 auslaufenden Vertrag nicht verlängern würde.

„In Rennes habe ich in drei Jahren 63 Minuten gespielt. In vier Monaten hier [in Hoffenheim] hatte ich viel mehr. Die Zahlen sprechen für sich. Aber ich werde Rennes nie vergessen“, konstatierte Rutter in einem Interview mit der renommierten L’Équipe und ergänzte: „Ich habe mit 16 einen Profivertrag unterschrieben und in den ersten zwei Jahren keine Minute gespielt. Also habe ich mir gesagt: Du bist ein großer Junge, ergreife die Initiative und schaue dir an, was es für Angebote gibt“.

Tor-Debüt in der Königsklasse: Rutter (ganz links) erzielte das 1:3 gegen den FC Sevilla vom Punkt. (Foto: imago images)

Dem Vernehmen nach bemühten sich einige europäische Topklubs um die Dienste Rutters, auch aus der Premier League soll es Interesse gegeben haben. Doch Hoffenheim bekam den Zuschlag. „Sie wollten mich schon im Januar holen. Das war der Beweis, dass der Verein mich wirklich wollte“. Zunächst war ein ablösefreier Wechsel im Sommer 2021 geplant, doch kurz vor Ende der Wintertransferperiode verpflichtete ihn die TSG schon ein halbes Jahr früher für eine kleine Ablösesumme.

Vom Schnupperkurs zum Stammspieler?

Nach seinem Traumeinstand gegen Werder kam Rutter in acht weiteren Bundesliga-Partien zum Einsatz und stand dabei sogar zweimal in der Startelf. Zudem sammelte der Angreifer zwischenzeitlich Spielpraxis in der U23 der TSG. Das erste halbe Jahr kam also einem Schnupperkurs gleich.

Doch die Zeit der Eingewöhnung soll nun vorbei sein. Und in den Vorbereitungsspielen zur neuen Saison 2021/2022 stellte Rutter seine gestiegenen Ansprüche auch unter Beweis. Gegen Greuther Fürth (2:2) glänzte der 19-Jährige mit einer Vorarbeit und einem Tor. Auch im Saisoneröffnungsspiel gegen Stade Reims (3:1) machte er mit zwei Assists auf sich aufmerksam.

Stärken und Schwächen

Wenig überraschend stand er schließlich im DFB-Pokalspiel bei Viktoria Köln (3:2 nach Verlängerung) in der Startelf. Überraschender kam eher seine Positionierung daher. Während Rutter in der Vorbereitung als agile Sturmspitze im 4-2-3-1 agierte, bot Sebastian Hoeneß ihn nun als Rechtsaußen auf. Dort verfehlte er jedoch seine Wirkung über weite Strecken des Spiels. Weder seine schnellen Antritte noch seine technischen Fähigkeiten konnte der Offensivmann gegen tief und aggressiv verteidigende Kölner darbieten. Auf dem rechten Flügel war Rutter oftmals auf sich allein gestellt.

Im Pokalspiel gegen Viktoria Köln war der Franzose auf dem rechten Flügel im Einsatz. (Screenshot: Youtube / Sportschau)

In einigen Situationen fehlte ihm zudem das Gespür vor dem Tor. Zwar rauschten die Hereingaben von der linken Seite häufig bis zum zweiten Pfosten durch, doch Rutter erkannte die Situation nicht und verpasste es, bis in den Fünfmeterraum durchzulaufen.

Vor allem wurde er aber um seine große Stärke beraubt: Räume für die Mitspieler zu schaffen. Als statischer Außenbahnspieler konnte Rutter seine Gegner nicht aus deren Position locken. In einem dynamischen 4-2-3-1 als nomineller Mittelstürmer gelang ihm das deutlich besser.

Rutter kurz vor seiner Hackenablage, die Rudy zum 1:0 verwertet. (Screenshot: Youtube / TSG Hoffenheim)

Bestes Beispiel war seine Vorlage zum 1:0 im Testspiel gegen Stade Reims. Hier zog er seinen Gegenspieler bewusst aus dem Abwehrzentrum heraus und schaffte dadurch Platz für nachrückende Mitspieler. Sebastian Rudy erfasste die Situation. Der Mittelfeldstratege spielte einen Doppelpass mit Rutter, der sich weiterhin in einer guten Anspielposition befand. Der Franzose realisierte ebenfalls geistesgegenwärtig den Raum in seinem Rücken und legte sehenswert mit der Hacke auf Rudy ab – der Führungstreffer.

Rutter ist kein klassischer Wand- respektive Strafraumstürmer – das ist mit 1,82 Metern Körpergröße und 77 Kilogramm Gewicht auch kaum erwartbar. Stattdessen lässt sich Rutter in tiefen Ballbesitzphasen gerne fallen oder weicht auf die Halbpositionen aus.

Rutter (im Zentrum am Ball) im Testspiel gegen Fürth. (Screenshot: Youtube / TSG Hoffenheim)

Der Angreifer bewegt sich in dieser Szene gegen Fürth im Zwischenraum, holt sich den Ball ab und kann aufdrehen, da kein Verteidiger nachgerückt ist. Munas Dabbur hat dadurch die Möglichkeit, aus halblinker Position ins Zentrum hinter die Kette zu starten. Spoiler: Der Pass gerät etwas zu lang, zeigt aber, dass mit Rutter Positionsrochaden möglich sind.

Seine größte Stärke liegt jedoch darin, sein Tempo auszuspielen. In Kontersituationen kann der 19-Jährige nicht nur seine schnelle Übersetzung, sondern auch seine Technik in Eins-gegen-Eins-Situationen für sich nutzen. So verwundert es nicht, dass er am vergangenen Wochenende gegen den FC Augsburg (4:0) in der 73. Minute beim Stand von 1:0 eingewechselt wurde und an zwei weiteren TSG-Toren beteiligt war. Seine Beidfüßigkeit gibt ihm zusätzlich ein unberechenbares Element.

Mit seinen Fähigkeiten, dem Ehrgeiz und der großen Freude am Fußballspiel will sich Georginio Rutter Stück für Stück einen Stammplatz erarbeiten. Vielleicht gelingt ihm schon in dieser Saison der große Durchbruch. Es wäre ihm zuzutrauen.

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