Foto: Fabrice Coffrini/Getty Images
AktuellesKommentar

Ein Sport, der sich alles erlauben kann

Sieben-Tage-Inzidenzen von über 200, mehr als 20.000 Neuinfektionen in der vergangenen Woche und knapp 2.000 neue Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19: Spanien ist in Bezug auf die Corona-Pandemie derzeit eines der am stärksten betroffenen Länder Europas. Doch während das Auswärtige Amt vor Reisen dorthin warnt, nutzen die TSG Hoffenheim und der norwegische Klub Molde FK die valencianische Stadt Vila-real als Ausweichstandort für die Europa League. Wie sich der Fußball in der Pandemie zunehmend von der Realität entkoppelt, die UEFA lasche Reisebeschränkungen ausnutzt und die Vereine tatenlos zusehen, kommentiert Hoffenews-Redakteur Jakob Uebel.

Was sich die Allermeisten schon denken konnten, stand am vergangenen Montag final fest: Das Spiel der TSG Hoffenheim gegen Molde im 16tel-Finale der Europa League wird keinesfalls in Norwegen stattfinden. Aufgrund von Bedenken vor mutierten Coronavirus-Varianten sind die Grenzen des Landes für Menschen aus anderen Nationen dicht. Und diese vorerst auf 14 Tage ausgelegte Regelung vom 29. Januar gilt – anders als in anderen Ländern – auch für Profisportler. Schon im Vorfeld machte die UEFA eins klar: Entweder man findet einen geeigneten Ausweich-Standort, oder das Spiel wird für den norwegischen Erstligisten automatisch als 0:3-Niederlage gewertet.

Molde oder Hoffenheim – Hauptsache Spanien

Ein Weiterkommen in dieser Runde bedeutet für Teilnehmer eine Prämie in der Höhe von 750.000 Euro. Dass der skandinavische Kleinstadt-Klub nicht ohne Weiteres auf eine solche Summe verzichten kann, ist klar. Die Partie vom kommenden Donnerstag wurde daher ins spanische Vila-real verlegt. Die aktuellen Einreisebeschränkungen Spaniens machen es den Teams möglich, das Land mit negativen Corona-Tests zu betreten und ohne anschließende Quarantäne wieder zu verlassen. Als sei die Austragung der Begegnung zwischen einem deutschen und einem norwegischen Klub an der Küste des Balearen-Meers nicht schon verrückt genug, kommt noch hinzu, dass die COVID-Lage in Spanien wesentlich drastischer ist.

Die zu Beginn erwähnten Werte lassen Spanien aus deutscher Sicht derzeit als Hochinzidenzgebiet einstufen. Zum Vergleich: Die 7-Tage-Inzidenz entspricht mehr als dem Vierfachen des Werts hierzulande (59). Auf der Website des Auswärtigen Amts wird strengstens von einer Einreise abgeraten. Bei der jüngsten Ministerpräsidenten-Konferenz vom 4. Februar wurden weitere Einreisebeschränkungen für Spanier*innen nach Deutschland sogar „intensiv diskutiert“. Als Mensch mit Wohnort in Deutschland in das Land einzureisen, ist Stand jetzt kein Problem.

Im Estadio de la Cerámica in Vila-real soll am Donnerstag das Spiel der TSG gegen Molde stattfinden. (Foto: David Ramos/Getty Images)

Shame on yoUEFA

Doch damit legt die UEFA nur offen, wie egal ihr die dramatischen epidemiologischen Umstände sind. Was zählt, ist dass die Spiele rechtlich stattfinden dürfen. Als Geldgeber für die Vereine sitzt der Verband nun einmal immer am längeren Hebel und kann so Druck ausüben. Verschieben? Ausgeschlossen. Und nicht allein für Hoffenheims Partie wird eine solche Ausnahme gemacht. Im selben Wettbewerb tritt Real Sociedad gegen Manchester United im italienischen Turin, Benfica gegen Arsenal in Rom (das Rückspiel in Piräus), und der Wolfsberger AC gegen Tottenham im ungarischen Budapest an. Auch in der Königsklasse finden die Spiele von RB Leipzig gegen Liverpool sowie Borussia Mönchengladbach gegen Manchester City in Budapest statt. Atlético Madrid empfängt den FC Chelsea im rumänischen Bukarest.

Doch ist daran jetzt wirklich nur die UEFA schuld? Immerhin sind die Vereine ebenfalls bei der Wahl eines solchen Ausweich-Standorts beteiligt und die Beschlüsse werden von deren Vertretern kommentarlos hingenommen. Keine kritischen Einordnungen auf Pressekonferenzen, keine Beschwerden in Interviews und keine rechtlichen Einsprüche. Solange sich Klubs nicht klar gegen unverhältnismäßige Entscheidungen der Verbände positionieren, dürfen sie auch für die Umstände verantwortlich gemacht werden.

Die viel zitierte Blase

Doch ich will hier nicht unterschlagen, dass sich Vereinsvertreter bereits sehr wohl zu Wort gemeldet haben – auch wenn ich mir hier gewünscht hätte, man wäre lieber still geblieben. So zum Beispiel bei Liverpools Trainer Jürgen Klopp, der sich zur Verlegung des Spiels gegen RB Leipzig nach Budapest folgendermaßen äußerte: „Ich denke, es wäre absolut angemessen, eine Ausnahme zu machen. (…) Wir sind wirklich in einer Blase, und wir könnten gegen Leipzig spielen, ohne das Virus zu verbreiten.“ Der 53-Jährige beschwert sich also nicht über die Verlegung der Partie, weil er es als unmoralisch oder virologisch bedenklich ansieht, sondern weil die Reise lästig ist. Geradezu grotesk auch die Behauptung, in dieser „Blase“ würde man das Virus ja sicher nicht verbreiten. Aber na schön, Herr Klopp, dann nehmen wir doch mal die „Blase“ etwas genauer unter die Lupe.

Bayern sechs, Gladbach vier, Hoffenheim neun, Wolfsburg acht: Das ist keine Aufzählung von Winterneuzugängen oder Gegentoren. Hierbei handelt es sich um die bereits infizierten Spieler der jeweiligen Klubs – exklusive des Trainerstabs und sonstigen Personals. Da Mitspieler und Kontakte aus dem Betreuerstab im Hygienekonzept der DFL grundsätzlich in die vom RKI festgelegte Kategorie II eingeordnet werden, findet nach positiven Tests keine vollständige Isolation aller Kontaktpersonen statt. Dass man mit seinen Kameraden in einem Kontakt(!)sport selbstverständlich Kontakt hat, wird hierbei ignoriert. Wie diese Regelung die TSG schon einmal in eine vereinseigene Corona-Krise getrieben hat, haben wir bereits im November erläutert. Die „Blase“ von der Klopp spricht, ist nämlich schon längst geplatzt.

Und erst am vergangenen Sonntag äußerte Bayerns Cheftrainer Hansi Flick auf einer Pressekonferenz erneut eine ähnliche Beschwerde. Nachdem SPD-Politiker und Gesundheitsökonom Karl Lauterbach offen Bayerns Reise zur Klub-WM in Katar kritisiert hatte, entgegnete der ehemalige Hoffenheim-Coach, dass die Bayern durch hunderte Tests einen „Sonderstatus“ besäßen, sich in „einer Blase“ befänden und man die „sogenannten Experten langsam nicht mehr hören“ könne. Dass der „sogenannte Experte“ Lauterbach seinen Master in Harvard mit dem Schwerpunkt Epidemiologie abgelegt hat und Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie (IGKE) an der Universität zu Köln ist, sei mal dahingestellt.

Machte sich mit seinen Aussagen über Karl Lauterbach im Netz nicht unbedingt beliebt: Hansi Flick. (Foto: imago images)

Den Fans so fern wie nie zuvor

Spieler infizieren sich, stecken sich gegenseitig an und kehren dann nach zehntägiger Quarantäne zurück wie von einer normalen Verletzung. Nur weil Infektionen mittlerweile genauso wie Schulterprobleme und Knieprellungen kommuniziert werden, kann dies das Ausmaß nicht herunterspielen. Alle Bundesligisten dürfen froh sein, dass Erkrankungen bislang möglichst glimpflich verliefen. Doch auch schon im letzten Herbst häuften sich die Probleme, als Klubs ihre Spieler zu Nationalmannschaften abstellten. Hat man hieraus überhaupt nichts gelernt?

Und unabhängig von den gesundheitlichen Bedenken – selten war der Fußball seinen Fans ferner. Während in Deutschland der „harte Lockdown“ vorläufig bis zum 7. März verlängert wurde, Schülerinnen und Schüler nach Auflagen wohl erstmals in die Schulen zurückkehren und Millionen Arbeitende nach wie vor um ihre Existenz bangen, steigen Mannschaften in dieser Woche in den Flieger, um an der Ostküste Spaniens Fußball zu spielen. So abgedroschen es auch klingen mag: Wie will man das Leuten noch erklären? Keine Frage, auch am Fußball hängen viele Arbeitsplätze, auch Sponsoren brauchen Einkommen. Doch in einer Zeit, in der die Systemrelevanz an oberster Stelle steht, ist spätestens jetzt der Bogen überspannt. Denn Fußball ist nicht systemrelevant.

Mit einem ernsthaften Ende des Schlamassels ist nicht zu rechnen. Egal wie groß die Empörung ist – die Spiele werden gespielt, die Fernseher werden eingeschaltet und die Berichte werden geschrieben. Die einzige Rechnung, die der Fußball zahlt, ist die Gleichgültigkeit. Das Schulterzucken an Spieltagen, die fehlende Begeisterung bei der Anhängerschaft und die zunehmende Distanz zu den Fans. Doch wieviel wird davon noch übrig sein, wenn eines Tages die Stadiontore wieder öffnen und alles so ist wie vorher? Nicht viel, schätze ich. Und das ist die noch viel traurigere Erkenntnis. Dass der Fußball ein Sport ist, der sich heutzutage wirklich alles erlauben kann.

Die in diesem Artikel genannten Corona-Daten stammen alle von corona-in-zahlen.de, statista.com und Google zum Zeitpunkt vom 15.02.2021.
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Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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Jakob Uebel
Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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