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„Ein klassisches Dienstagabend-Winterspiel“

Nach dem torlosen Remis gegen Arminia Bielefeld steht für die TSG in der Englischen Woche der Männer-Bundesliga ein Krisen-Duell gegen Hertha BSC an. Vor dem Spiel in Berlin haben wir mit Hertha-Fan Steven Redetzki (Twitter: @sogenannter) gesprochen. Er verriet uns, warum die Saison der Alten Dame bisher eher ernüchternd verläuft, welchen Anteil Geschäftsführer Michael Preetz daran hat und was sich ändern muss. Zudem erzählte er von der Aktion „Herthakneipe“ und wie es sich anfühlt, wenn dein Klub mit deinem Logo auf der Brust aufläuft.

Für Hertha BSC verläuft die Saison bis jetzt ähnlich enttäuschend wie für die TSG. Als Europa-League-Anwärter gestartet steht die Alte Dame derzeit nur einen Punkt vor Hoffenheim auf Platz 13. Was sind derzeit die größten Probleme?

Steven Redetzki: Trotz der hohen Investitionen in den Kader, speziell im letzten Winter, war vielen klar, dass der Weg unter Umständen nicht sofort nach oben zeigen könnte. Durch einen relativ großen Kaderumbau, dem neuen Aufbau von Hierarchien nach den Abgängen von wichtigen Spielern und Charakteren wie Per Skjelbred, Salomon Kalou, Vedad Ibisevic oder Thomas Kraft, waren Probleme und eine gewisse Inkonstanz vorprogrammiert. Mittlerweile muss man aber schon von einer besorgniserregenden Situation sprechen, da keine positive Entwicklung mehr zu sehen ist. Von den letzten fünf Spielen (gegen Mainz und Schalke sowie in Freiburg, Bielefeld und Köln), waren vier Auftritte enttäuschend bis erschreckend. Nur gegen Schalke konnte gewonnen werden. Du hast in jedem Spiel drei bis vier Totalausfälle auf dem Platz, der Kader ist hierarchisch offenbar falsch zusammengestellt und spielerisch unausgeglichen. Auf den defensiven Außenpositionen hat man ein qualitatives, auf den offensiven vor allem ein quantitatives Problem. Vorne ruhen die ganzen Hoffnungen auf Cunha, der aber mit sich selbst genug zu tun hat und eigentlich ein funktionierendes Gebilde um sich bräuchte. Gleiches gilt für Lukebakio, dessen Phlegma unerklärlich ist. Die Verletzungen, insbesondere von Dilrosun, machen die Sache auch nicht besser.

Trotz der hohen Finanzhilfen von Investor Lars Windhorst droht die Hertha derzeit wieder im Niemandsland der Tabelle zur grauen Maus der Liga zu werden. Was benötigt es deiner Meinung nach, um sich von diesem Image endgültig zu verabschieden?

Steven: Ich glaube, dass bei Hertha BSC abseits des Platzes in den letzten ein-zwei Jahren viel richtig gemacht hat. Man positioniert sich als Verein glaubwürdig und nachhaltig gegen Rassismus und für gesellschaftliche Vielfalt, man ist selbst sozial sehr aktiv und unterstützt die sehr zahlreichen und vielfältigen Aktionen der Fanszene. Leider hat Hertha BSC in der Stadt und erst recht nicht im Land das Standing, welches man sich wünscht. Hertha BSC ist sehr viel mehr als Lars Windhorst und man versucht im und um den Verein eine positive und progressive Herangehensweise zu etablieren, welche Hertha BSC positiv erscheinen lassen soll, selbst wenn gerade der sportliche Erfolg fehlt. Auch hat man in diesen Bereichen aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Man muss aber auch so ehrlich sein, dass Hertha BSC eben in erster Linie Profifußball spielt und zu recht danach bemessen wird. Und da sind die Ergebnisse schlicht ungenügend. Um sich dauerhaft vom Image des langweiligen, seinen Ambitionen hinterherrennenden Hauptstadtklubs zu befreien, braucht es also nicht nur sportlichen Erfolg – aber eben auch!

Mit Lucas Tousart, Jhon Córdoba, Mattéo Guendouzi, Omar Alderete, Alexander Schwolow und Deyovaisio Zeefuik kamen einige vielversprechende Neuzugänge im Sommer. Wie zufrieden bist du bisher mit den Verpflichtungen?

Steven: Man muss zum aktuellen Zeitpunkt schlicht konstatieren, dass man es mit diesen Zugängen nicht geschafft hat, die Abgänge des Sommers zu kompensieren. Das mag weniger an der sportlichen Qualität der Neuzugänge liegen, auch wenn beispielsweise Zeefuik noch nicht zeigen konnte, dass er ein gehobenes Bundesliga-Niveau auf den Platz kriegen kann und Lucas Tousart noch nicht gezeigt hat, dass er ein Upgrade zu Per Skjelbred, geschweige denn 25 Millionen Euro wert ist. Viel schwerer wiegt jedoch die Tatsache, dass man es bisher nicht geschafft hat, eine funktionierende Achse zu formen. Das würde ich weniger den neuen Spielern anlasten, die es immer schwer haben, in ein neues, sich noch nicht gefundenes, Konstrukt zu integrieren, sondern eben der Entscheidung für diesen harten Umbruch im Sommer. In jeder Hinsicht davon auszunehmen ist aber in meinen Augen Alexander Schwolow, der nicht nur sportlich – nach einigen Wacklern zu Beginn der Saison – sondern vor allem charakterlich innerhalb kurzer Zeit ein wichtiger Fixpunkt zu sein scheint und fehlende Lautstärke auf den Platz bringt. Leider ist sein Einfluss als Torwart naturgemäß etwas geringer, als der eines Feldspielers. Auch bei Guendouzi ist die Qualität unumstritten und in einem einigermaßen funktionierenden Team wäre er sicherlich Gold wert.

Sein Abgang war für Freiburg hard to swallow: Alexander Schwolow (Foto: imago images)

Trotz der vielen Sommertransfers gilt der Kader der Hertha weiterhin als unausgewogen. Auf welchen Positionen siehst du in dieser Transferperiode noch Nachholbedarf?

Steven: Am dringendsten ist der Bedarf aktuell den offensiven Außenbahnen. Durch die Verletzung von Dilrosun spielen nun aktuell in der Regel Cunha und Lukebakio auf den Flügeln. Beide zieht es aber mehr in die Mitte, was regelmäßig dafür sorgt, dass die offensiven Außen verwaist sind und dann von Pekarik und Plattenhardt bzw. Mittelstädt mit Leben gefüllt werden müssen, was in der Regel eher mäßig funktioniert.

Durch die negativen Ergebnisse wurde zuletzt die Kritik am Geschäftsführer Michael Preetz wieder lauter. Welche Verantwortung trägt er für bisher enttäuschende Saison?

Steven: Nach dem Klinsmann-Fiasko stellte Preetz klar, dass am Ende einer das Sagen haben muss. Im sportlichen Bereich sei er das bei Hertha BSC. Nach über elf Jahren mit dieser Stellenbeschreibung ist es nun wahrscheinlich an der Zeit, nicht mehr nach Erklärungen zu suchen, um Geduld zu bitten und auf die Zukunft zu verweisen, sondern den Blick auf die Bilanz und hier insbesondere auf drei Transferperioden mit zirka 140 Millionen Euro Transferausgaben. Gleicht man das mit den aktuellen Leistungen und der Tabelle ab, wird sich wohl kein Daumen mehr heben.

Auch Trainer Bruno Labbadia wird in den Medien bereits angezählt. Wie sicher sitzt er derzeit noch im Sattel?

Steven: Wie in jeder sportlich schwierigen Phase, hat sicher auch das Trainerteam seine Aktien an der aktuellen Situation. Die Personalentscheidungen sind nicht immer nachvollziehbar, lustlose Spieler dürfen viel zu lange über den Platz trotten und Disziplinlosigkeiten scheinen nicht hart geahndet zu werden. Angesichts der zuvor geäußerten Umstände würde ich aber sicher nicht die Hauptschuld bei Bruno Labbadia suchen. Es scheint aktuell schwer vorstellbar, dass sich Michael Preetz nochmal einen neuen Trainer aussuchen kann. So lange Hertha BSC nicht in akute Abstiegsnot gerät, dürfte der Trainer zumindest bis zum Sommer fest im Sattel sitzen. Aber im Fußball verändern sich die Dinge schnell.

Nun zu etwas Positivem: Du bist Teil der Aktion „Herthakneipe“, die seit Beginn der Corona-Krise Berliner Gastronomen unterstützt. Wie kam die Idee zustande?

Steven: Wir waren zu diesem Zeitpunkt als Gruppe schon zusammen und aktiv im Rahmen der Initiative „Blau-Weißes Stadion“, welche sich für ein reines Fußballstadion für Hertha BSC in Berlin einsetzt. Als dann im Frühjahr Corona uns alle kalt erwischte, setzten wir erstmal unsere Aktivitäten für die Stadion-Initiative aus. Für uns war aber recht schnell klar, dass wir unsere Strukturen und Möglichkeiten dafür einsetzen wollen, Leuten zu helfen. Ein Mitglied unserer Initiative hatte dann die Idee, einem Mitglied von uns, welcher gleichzeitig Wirt des Kugelblitzes, einer Hertha-Eckkneipe im Wedding ist, in dieser schwierigen Zeit zu helfen. Für uns war dann recht schnell klar, dass wir das auch ein bisschen größer aufziehen wollen. Daraus wurden dann zehn Kneipen, viele Videos, T-Shirts, die Idee der virtuellen Kneipe bei Zoom, welche sich bis heute großer Beliebtheit erfreut, ein Kalender für 2021, die Aktion beim Derby und über 40.000€ an gesammelten Spenden. Doch nicht nur die monetäre Hilfe war wichtig, sondern vor allem auch die emotionale Unterstützung, welche wir und vor allem mehrere hundert Unterstützer den Kneipen und Wirt*innen zukommen ließen.

Mit der Herthakneipe auf der Brust zum Derby-Sieg: Krzysztof Piatek (Foto: Maja Hitij/Getty Images)

Beim erfolgreichen Derby gegen Union prangte euer Logo auf der Brust der Hertha-Spieler. Wie stolz hat es euch gemacht, so eine Wertschätzung vom eigenen Klub zu erfahren?

Steven: Das war natürlich schon ein unglaublicher Moment für uns. So eine Aktion hat natürlich eine gewisse Vorlaufzeit und wir wussten zirka sechs Wochen vor dem Derby, dass es da eine Möglichkeit gibt, das aber natürlich von mehreren Faktoren abhängig ist. Als erfahrener Herthafan geht man naturgemäß immer vom Worst-Case aus und daher dachten wir lange, dass noch irgendwas passieren würde, was die Aktion verhindert. Dem war nicht so, unser Logo schmückte tatsächlich das blau-weiße Herthatrikot beim Derby, was so ziemlich die größte Wertschätzung ist, die man sich vorstellen kann. Nicht nur für uns, sondern vor allem auch für die Herthakneipen, die verbundene Solidarität und das Zeichen, was Hertha BSC an die Kneipen sendet. Nachdem in der Vergangenheit nicht immer Einigkeit über die Ausrichtung und die Marketing-Aktivitäten von Hertha herrschte, war das für uns auch schon ein Zeichen des Umdenkens und der guten Zusammenarbeit zwischen Fans und Verein.

Zwischen Hertha BSC und Hoffenheim gab es bereits einige wilde Duelle, die mehrheitlich positiv für die TSG endeten. Welches Spiel ist dir besonders im Kopf geblieben?

Steven: Ich war in der Saison 2008/09 auswärts in Hoffenheim dabei. Damals gab es vor dem Gästeblock noch keine Schallkanonen und Richtmikrofone. Wir gewannen dank eines Treffers von Patrick Ebert relativ glücklich mit 1:0 und träumten von der Meisterschaft.

Beide Teams brauchen dringend ein Erfolgserlebnis. Was erwartest du für ein Spiel?

Steven: Ich erwarte ein klassisches Dienstagabend-Winterspiel zweier unsicherer Mannschaften, um welches neutrale Fußballfans wahrscheinlich einen großen Bogen machen.

Wie lautet dein Tipp?

Steven: 1:0 für Hertha. Wir können ja gegen Hoffenheim bekanntermaßen auch ohne eigenen Torschuss gewinnen.

 

 

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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