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AktuellesInterview

Dorfverein gegen Big City Club – Gegnerinterview vor der Partie gegen Hertha BSC

Am kommenden Samstag (15:30 Uhr) trifft die TSG in der leeren PreZero Arena auf Hertha BSC. Vorab hat uns Marc Schwitzky (Twitter: @jungerherr1892) von HERTHA BASE spannende Einblicke in den Big City Club von der Spree gegeben.

HOFFENEWS: Erst die Transferoffensive im Winter, dann der Rücktritt von Jürgen Klinsmann und die später publik gewordenen Tagebücher, in denen der Ex-Nationaltrainer unter anderem seine Spieler nach Mehrwert ordnete – die Hertha ist derzeit ein Chaos-Klub. Was gibt dir Hoffnung, dass bald wieder Ruhe einkehren könnte?

Marc Schwitzky: Da wir alle nicht in die Zukunft sehen können, ist die Frage schwer zu beantworten. Zumal man sich bei Hertha nun einmal nicht sicher sein kann, ob nicht morgen schon wieder etwas Schlagzeilen-Füllendes passiert. Zumindest Jürgen Klinsmann sollte sein Pulver (erst einmal) verschossen haben. Ich kann nur sagen, welche Umstände geschaffen werden müssten, um wieder Ruhe einkehren zu lassen – das sind der möglichst frühe Klassenerhalt und eine kluge Trainerwahl für den kommenden Sommer. Schlimmer kann es ja eigentlich werden …

Hoffenews: Durch den überraschenden Abgang von Jürgen Klinsmann wurde Alexander Nouri im Februar Chef-Trainer. Gegen Paderborn, Köln, Düsseldorf und Bremen holte er seit seiner Übernahme fünf Punkte. Wie siehst du den ehemaligen Bremer und wie wird er allgemein im Klub-Umfeld beurteilt?

Marc: Sowohl von mir als auch vom Umfeld wird die Arbeit Nouris äußerst kritisch betrachtet. Menschlich ist ihm nichts vorzuwerfen und auch er selbst wird sich sein Engagement in Berlin anders vorgestellt haben, aber seine Bilanz ist sowohl taktisch-spielerisch wie auch mit Blick auf die Punkteausbeute mangelhaft. Es war ein legitimer Ansatz, Nouri als Übergangslösung zu wählen, um im kommenden Sommer einen klaren Cut zu machen. Nun ist aber die Situation eine andere: die Mannschaften hinter Hertha haben wieder angefangen zu punkten, Tabellenplatz 16 ist mit sechs Punkten nicht so weit weg, wie viele vielleicht denken.

Nouri gehört zu den Architekten dieser katastrophalen Saison, da er bereits unter Klinsmann für die taktische Identität verantwortlich war und es in mittlerweile vier Monaten nicht geschafft hat, der Mannschaft eine Spielphilosophie zu vermitteln. Inzwischen hat die Mannschaft unter ihm sogar die Basics verlernt und so muss ernsthaft in Frage gestellt werden, ob er die Mannschaft überhaupt erreicht, anders sind die letzten Leistungen nicht zu erklären. Auf dem Feld fühlt es sich vielmehr so an, als würde sich die Mannschaft selbst coachen, denn Abläufe und Identität sind nicht zu erkennen, stattdessen ist von individuellen Leistungen abhängig wie z.B. die eines Cunhas, Daridas oder Torunarighas.

Die Antwort auf all das, also ein Trainerwechsel, würde sehr viel leichter fallen, wenn Nouri nicht bereits der dritte Cheftrainer Herthas der laufenden Spielzeit wäre. Sicherlich ist er nur die Light-Version eines Nachfolgers gewesen, da er bereits zum vorherigen Trainerteam gehörte und in diesem bereits große Kompetenzen hatte und es ist auch durchaus verständlich gewesen, zunächst einmal auf ihn zu setzen, anstatt sofort ein neues Gesicht zu präsentieren. Dieser Versuch hat sich mittlerweile als Fehlschlag herausgestellt.

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HOFFENEWS: Sechs Punkte trennen die Alte Dame derzeit vom Relegationsplatz. In den verbleibenden neun Bundesliga-Spielen trifft man unter anderem auf RaBa Leipzig, Borussia Dortmund, Leverkusen und Borussia Mönchengladbach. Könnte der Hertha im Saisonendspurt die Puste ausgehen?

Marc: Das ist zumindest zu befürchten, ja. Zugegebenermaßen hat Hertha mit Hoffenheim, Augsburg, Union und Freiburg auch noch machbare Gegner, gegen die Punkte herunterfallen könnten und auch gegen ein Top-Team in dieser Liga gibt es immer mal wieder Überraschungen, aber allein der Glaube daran fehlt. Dass Bremen einen mindestens genauso fatalen Eindruck macht und Düsseldorf ein ebenso schweres Restprogramm hat, macht zumindest Mut, dass man, ohne selbst zu glänzen, zusätzlich mit Paderborn drei Teams hinter sich lassen kann. Ich persönlich glaube aufgrund der schwachen Konkurrenz zwar an den Klassenerhalt, aber sicher kann man sich da nun wirklich nicht sein. Zumindest tut Hertha nichts dafür, dass der Glauben daran besteht, sich selbst aus dem Sumpf zu kämpfen.

HOFFENEWS: Derzeit steckt die Hertha im Abstiegskampf. Langfristig gaben die Klubführung und Investor Lars Windhorst – Geschäftsführer der Tennor Holding – jedoch die europäischen Wettbewerbe als Ziel aus. Hältst du diese Vorgabe für realistisch oder hast du Angst, dass der Klub zu schnell zu viel möchte?

Marc: Wer solche Summen ausgibt, hat natürlich möglichst schnellen Erfolg im Blick, welcher aber nicht planbar ist – das zeigt die laufende Saison eindrucksvoll. Schalke 04 ist ein gutes Beispiel, wie man nach einer äußerst enttäuschenden Saison durch eine passende Trainerwahl und kluge Kaderentscheidungen unverzüglich wieder oben anklopfen kann. Die ersten drei Tabellenplätze in Deutschland sind zementiert und auch Rang vier hat mit Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen sehr wahrscheinliche Anwärter, doch dahinter scheint eigentlich alles möglich. Schafft es Hertha, im Sommer vieles richtig zu machen, würde ich es nicht ausschließen wollen, kommende Saison auf Platz sechs oder sieben zu beenden – aber wie gesagt, dafür müsste schon extrem viel zusammenkommen. Wie wahrscheinlich es ist, auf absehbare Zeit die Champions League angreifen zu können, vermag ich nicht zu prognostizieren, aber leicht wird dieses Unterfangen natürlich nicht.

HOFFENEWS: Zum Saisonende laufen bei der Hertha fünf Verträge aus. Zudem werden die Leihspieler Marko Grujic und Marius Wolf wohl nicht gehalten. War die vergangene Wintertransferperiode, in der man rund 77 Millionen Euro für Neuzugänge ausgab, womöglich nur ein Vorgeschmack auf einen noch größeren Umbruch im Sommer?

Marc: Im Sommer wird sich immens viel tun, ja. Mit Vedad Ibisevic, Salomon Kalou, Per Skjelbred, Peter Pekarik und Thomas Kraft werden die dienstältesten und erfahrensten Spieler des Vereins gehen. Da bleiben gar nicht mehr viele Routiniers wie beispielsweise Rune Jarstein oder Vladimir Darida übrig. Hinzukommen wohl Ergänzungsspieler, die kein Licht mehr sehen wie Alexander Esswein, Mathew Leckie oder Pascal Köpke.

Zudem wurde bereits angekündigt, dass es bezüglich der Investitionen seitens Lars Windhorst wohl nicht bei den bisher 220 Millionen Euro bleiben wird, also noch aufgestockt werden könnte. Es ist also davon auszugehen, dass im Sommer ordentlich investiert wird, auch wenn mit Lucas Tousart ein Neuzugang für die kommende Saison ja bereits feststeht. Zum einen wird der Kader die vielen Abgänge personell zumindest teilweise auffangen müssen, zum anderen braucht es eine Qualitätssteigerung, um konkurrenzfähig für die europäischen Plätze zu sein. Des Weiteren wird ja weiterhin ein neuer Trainer gesucht – es stehen also spannende Zeiten bevor.

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HOFFENEWS: Kristallisieren sich bereits jetzt neue Leistungsträger hinaus, die in Zukunft mehr Verantwortung übernehmen könnten?

Marc: Hier befindet sich Hertha tatsächlich in einem sichtbaren Prozess, den man daran erkennt, dass bereits die verschiedensten Spieler in dieser Saison die Kapitänsbinde getragen haben. Niklas Stark ist hier wohl als erstes zu nennen. Er wird kommenden Monat 25 Jahre alt, ist seit knapp fünf Jahren in Berlin und deutscher Nationalspieler. In der laufenden Saison ist er als nomineller Vizekapitän bereits einige Mal mit der Binde aufgelaufen. Stabilisiert er seine sportlichen Darbietungen, ist er ein klarer Führungsspieler.

Klarer Abwehrchef ist aktuell aber Dedryck Boyata, der ja erst im vergangenen Sommer kam. Er ist der vielleicht größte Lichtblick dieser Saison, zudem strahlt er mit seinen bald 30 Jahren und dem Status als belgischer Nationalspieler große Erfahrung und Sicherheit aus. Zusammen mit Jarstein und Darida könnte er die Riege der Routiniers komplettieren.

Zu nennen sind auch die drei Winterneuzugänge, die sich allesamt gut eingefügt haben. Santiago Ascacibar ist das Kampfschwein, aber noch nicht als Wortführer aufgefallen. Das könnte sich aber noch ändern. Krzysztof Piatek muss gar nicht viel sagen, um eine beeindruckende Aura zu haben. Er strahlt große Qualität und Souveränität aus und hilft seiner Mannschaft damit sehr. Jemand, der Hertha aktuell aber in Sachen Mentalität am meisten hilft, ist Matheus Cunha. Zwar ist er erst 20 Jahre alt und frisch im Team, aber niemand auf dem Feld strahlt solch großen Willen aus. Er stemmt sich merklich gegen Widerstände und könnte mit dieser Einstellung noch sehr wichtig werden.

HOFFENEWS: Hauptverantwortlich für die Transfers ist der Geschäftsführer Michael Preetz. Dieser stand zuletzt jedoch stark in der Kritik und wurde auch von Jürgen Klinsmann bei seinem Abgang mehrfach angegangen. Wie ist sein Standing im Verein und könnte seine Amtszeit in Berlin bald enden?

Marc: Klammert man die beiden Abstiege aus, wurde Michael Preetz noch nie so kritisch gesehen wie aktuell. Das hat wenig bis gar nichts mit den Transfers zu tun, sondern vielmehr mit seinen Trainerentscheidungen. Bis auf Jos Luhukay und Pal Dardai hat quasi keine Wahl von Preetz (nachhaltigen) Erfolg mit sich gebracht und genannter Dardai war damals schon seine letzte Patrone und hat sich als Glücksfall herausgestellt, welcher nicht vorauszuahnen war. Die so enttäuschend verlaufende Saison liegt auch in Preetz‘ Verantwortung, der sich mit Ante Covic einmal mehr für den falschen Trainer entschied, so erst die ganze Talfahrt beginnen ließ und sich dann auch noch mit Jürgen Klinsmann komplett verschätzte. Natürlich hat Klinsmann selbst den größten Anteil an dem momentanen Chaos, aber es muss die Frage gestellt werden, weshalb Preetz Klinsmann so falsch eingeschätzt und so erst in diese Position gehoben hatte.

Darüber hinaus wird es äußerst kritisch gesehen, dass Preetz quasi der Sonnengott Herthas ist. Es gibt kein sportliches Korrektiv im Verein, dass ihm kontrollierend auf die Finger schauen könnte, da es schlicht an Expertise mangelt. Es scheint auch nicht weit hergeholt, dass Preetz diesen Umstand auch tunlichst verhindern will, so ist es wohl kein Zufall, dass Arne Friedrich in seiner Rolle als verkappter Teammanager (eigentlich ist nicht wirklich klar, was er so macht) erst mit der Installation Klinsmann in den Verein geholt wurde. Es ergibt sich das Bild, dass Preetz keine Kompetenzen abgeben will und solch ein Umstand lässt sich nur in Zeiten des Erfolges verkaufen. Hertha hat aber keinen Erfolg, im Gegenteil, die Entwicklung scheint aktuell eher rückläufig zu verlaufen.

Dennoch ist nicht davon auszugehen, dass Michael Preetz den Verein in absehbarer Zeit verlassen wird. Investor Lars Windhorst vertraut Präsident Werner Gegenbauer, welcher sehr fest in seinem Amt sitzt und Preetz bereits durch jede Krise mitgeschleift hat. Sagt man Gegenbauer, muss man auch Preetz sagen. Zudem regiert etwas die Angst, was denn nach Preetz folgen könnte. Gute Vereinsmanager zu finden, dürfte sich aktuell schwierig gestalten und es wird befürchtet, dass wenn „Bremser“ Preetz geht, der Größenwahn Windhorsts keine Zügel mehr hätte und alles verschlingen würde. Man muss Preetz in seiner biederen Art nicht mögen, aber könnte womöglich das geeignete Gegengewicht zu den Träumereien des Investors darstellen.

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HOFFENEWS: Mit der TSG und Hertha BSC treffen am Wochenende zwei Teams aufeinander, die zuletzt nicht gerade mit Offensivfußball glänzten. Zudem wirken beide Mannschaften leicht verunsichert. Was erwartest du für eine Partie?

Marc: Auf jeden Fall keine attraktive. Ehrlich gesagt kann ich es aber auch nicht wirklich einschätzen, da Hoffenheim von außen nicht wirklich greifbar scheint und daher als echte Wundertüte daherkommt. Dort, wo man es nicht erwartet, holen sie Punkte und in den sichergeglaubten Partien lassen sie diese wiederum liegen. Ich hoffe, das zweite Szenario greif am Samstag. Ich könnte mir vorstellen, dass es eine sehr wirre Partie werden könnte, weil beide Teams nicht wissen, was zu erwarten haben.

HOFFENEWS: Aufgrund der Bedrohung durch das Corona-Virus wird der kommende Spieltag ohne Zuschauer stattfinden. Könnte das für die Hertha in Sinsheim ein Vorteil sein?

Marc: Der Heimbonus fällt damit ja schon einmal weg (bis auf die Anreise). Zudem zeigt sich immer wieder, dass Geisterspiele ihre ganz eigene Dynamik aufnehmen und auch das könnte Hertha als eigentlich verunsichertere Mannschaft helfen, da viele normale Regeln eines Fußballspiels nicht gelten. Der Umstand macht mich zumindest nicht pessimistischer.

HOFFENEWS: Wie geht die Partie aus?

Marc: Ich hoffe einfach mal, dass das Team nicht erneut die Anfangsphase verpennt und mit einem Handicap von 0:2 oder 0:3 in die Partie startet. Ich tippe auf einen 2:1-Auswärtssieg.

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

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