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Diesmal ohne „Klassenerhaltsfeierkater“ – Gegnerinterview vor #TSGFCU

Zum Abschluss des 6. Spieltags der Männer-Bundesliga trifft die TSG Hoffenheim am Montagabend (20.30 Uhr / DAZN) auf Union Berlin. Vor dem Duell mit den Eisernen haben wir mit Daniel Roßbach (Twitter: @da_rossbach), der unter anderem für den Union-Blog Textilvergehen schreibt, gesprochen. Dabei verriet er uns, auf welche Neuzugänge er in diesem Jahr besonderes achtet, warum er trotz der Corona-Pandemie nicht das Gefühl hat, dass die Fans beim FCU in den Hintergrund rücken und was er von dem Duell gegen Hoffenheim erwartet. Zudem erklärte er uns seine Sicht auf die harte Kritik an Union und deren Plänen zur Zulassung von Zuschauern während der vergangenen Monate.

Hoffenews: Daniel, wie immer wollen wir zunächst über die Transferperiode reden. Zig Spieler haben die Eisernen verlassen, gefühlt genauso viele kamen dazu. Andersson, Gikiewicz, Kroos und Subotic sind nur eine Auswahl der Abgänge. Welchen fandest du am schmerzhaftesten?

Daniel Roßbach: Die Liste der Abgänge im Sommer ist tatsächlich lang, aber ihr Einfluss auf die eigentliche Mannschaft ist nicht ganz so groß. Man muss da ein bisschen unterscheiden zwischen Leistungsträgern, die gegangen sind, Ergänzungsspielern und Nachwuchsleuten, die keine echte Perspektive hatten und Michael Parensen, dessen Karriere zu Ende gegangen ist. Auf vielen Ebenen ist sein Abgang aus dem Kader am schmerzhaftesten, weil er eine der Identifikationsfiguren im Kader war, und es wegen der Pandemie keinen richtigen Abschied gab.

Kroos und Subotić gehörten sportlich eher zu den Ergänzungsspielern. Gikiewicz und Andersson waren so die einzigen Stammspieler, die gegangen sind. Und auch wenn beide klarerweise ihre Qualitäten haben, kann ich beides verkraften – weil damit auch eine Entwicklung der Mannschaft verbunden ist, und sich die dafür gekommenen Leute ganz gut eingefügt haben.

Hoffenews: Aber auch die Liste der Zugänge ist lang: Seien es Knoche, Kruse, oder die Leihgaben Karius und Pohjanpalo. Von wem versprichst du dir am meisten?

Daniel: Am gespanntesten war ich eigentlich zu Saisonbeginn auf Keita Endo, den Linksaußen, der aus Japan gekommen ist und nach ein paar kleinen Verletzungen langsam in die Mannschaft findet. Das hat aber natürlich viel damit zu tun, dass man bei ihm am wenigsten genau weiß, was man bekommt, und so das Potential groß scheint.

Ansonsten ist Kruse wahrscheinlich das spannendste Projekt, weil interessant ist/war, wie sich Unions Offensivspiel um ihn herum verändert. Dass sich da viel getan hat, war dann auch in den bisherigen Spielen schon zu sehen, auch wenn Kruse selbst dabei gar nicht unbedingt die wesentliche Triebfeder war.

Und Leute wie Knoche sind spannend, weil sie zeigen, dass Union mit Manager Oliver Ruhnert es versteht, in einem spannenden Regal nach Verstärkungen zu suchen, ohne dabei wirklich große wirtschaftliche Risiken einzugehen. Schließlich waren die 1,5 Millionen Euro, mit denen Marius Bülter nach seiner starken Saison fest verpflichtet wurde, die einzige Ablöse, und hat Union damit einen Transferüberschuss von ca. fünf Millionen gemacht.

Nach 13 Jahren beim VfL Wolfsburg einen Tapetenwechsel gewagt: Robin Knoche wechselte im Sommer ablösefrei zu den Eisernen. (Foto: imago)

Hoffenews: Ein schon mehrfach aufgetretenes Phänomen ist, dass sich Aufsteiger im zweiten Jahr Bundesliga besonders schwertun. Viele Leistungsträger haben sich bereits für andere Klubs empfohlen, die Anfangs-Euphorie ist verflogen und auf einmal ist man wieder im Abstiegskarusell. Befürchtest du, dass es Union ähnlich ergehen könnte?

Daniel: Das mit dem schwierigen zweiten Jahr ist tatsächlich statistisch gar kein so belastbares Phänomen – wir haben uns das auch in unserem Blog mal angeschaut. Davon unabhängig wird es für Union auf absehbare Zeit aber völlig normal sein, gegen den Abstieg zu spielen – eine Saison, in der das so souverän gelingt wie in der letzten ist für uns bis auf weiteres eine absolute Sensation. Aber wenn Union in der ersten Liga sportliche Schwierigkeiten hat, dann wird das – abgesehen von der fucking Pandemie – sicher nichts mit fehlendem Enthusiasmus zu tun haben.

Hoffenews: Union ist ein besonderer Klub, bei dem die Fans eine große Rolle spielen. So halfen beispielsweise 2.000 freiwillige Helfer bei der Renovierung des Stadions an der Alten Försterei. Hast du Angst, dass die Anhänger durch die Pandemie weiter in den Hintergrund rücken?

Daniel: Das ist eine komplexe Frage. Natürlich ist es so, dass (von den paar Spielen mit eingeschränkter Kapazität abgesehen) den Unioner*innen das Kernelement ihres Union-Erlebnisses fehlt. Und natürlich wirkt sich das auch auf die Gefühlslage in Bezug auf den Fußball aus – das merke ich auch an mir selbst, dass man dazwischen schwankt, das unglaublich zu vermissen und ein bisschen apathisch zu sein.

Aber im Verein und seinem Umfeld habe ich nicht das Gefühl, dass die Fans in den Hintergrund rücken. Einerseits, weil es Faninitiativen wie die Sammelaktion für Wohnungssuchende „Winter mollig warm“ auch jetzt gibt, und sich auch neue Treffpunkte und Initiativen entwickelt haben, wie der „Podcast Wir – Union vereint“ entwickelt haben.

Und schließlich habe ich absolut nicht das Gefühl, dass unsere Vereinsführung in diesem Punkt den Kompass verliert.

Hoffenews: Zuletzt stand Union aufgrund des Vorgehens während der Corona-Pandemie vermehrt in der Kritik. 5000 Zuschauer verfolgten trotz der Risikolage in Berlin zuletzt das Heimspiel gegen Freiburg. Zuvor war zudem lange ein Testlauf mit Schnelltest und vor vollen Rängen geplant. Wie schätzt du das Ganze ein? Kannst du die Empörung nachvollziehen?

Daniel: Ich kann sehen, woher sie kommt. Und an ein paar Stellen hat sich der Verein tatsächlich auch nicht so clever angestellt. In dem Empörungsdiskurs werden aber auch öfter sehr viele Sachen durcheinandergeworfen, die in Wirklichkeit nichts miteinander zu tun haben. Bei dem angesprochenen Spiel zum Beispiel gab es Publikum, weil der Berliner Senat erst wenige Tage vorher, als die Neuinfektionen sich schon auf einem hohen Niveau befanden, eine Infektionsschutz-Verordnung erlassen hat, die genau das erlaubt. Da sehe ich wirklich nicht, inwiefern Union Adressat der Kritik sein sollte, gerade weil die Vorsichtsmaßnahmen bei dem Spiel ziemlich diszipliniert umgesetzt worden.

Und zu den Konzepten für Spiele mit Präventivtests habe ich noch wenige Argumente gehört, die sachlich dagegensprechen. Dass es Kapazitäten für die notwendigen Tests gibt, war die ganze Zeit über als Voraussetzung dafür Teil der Konzepte. Und es gibt die Frage, wie groß die virologische Sicherheit ist, die die Tests geben. Aber wenn es darauf eine haltbare Antwort gibt, wüsste ich nicht, warum das unverantwortlich sein sollte.

Bilder, die für Empörung sorgten: 5000 Zuschauer beim Spiel gegen den SC Freiburg am 24. Oktober. (Foto: MatthiasKoch/imago)

Hoffenews: Auch Neuzugang Max Kruse sorgte Mitte Oktober für Aufregung, als er sich mit Fans in einer Berliner Shisha-Bar traf, um ohne Maske und Abstand das Glücksspiel „Magic Tower“ zu spielen. Wie reagierte der Klub darauf?

Daniel: Intern offenbar mit einer klaren Ansage, dass das dumm war, und extern mit dem Verweis darauf, dass er nichts Verbotenes getan hat.

Hoffenews: In der Aufstiegssaison galt Union bei vielen neutralen Beobachtern als sympathischer und bodenständiger Traditionsklub. Nimmst du durch die jüngsten Vorkommnisse einen Imagewandel wahr?

Daniel: Vielleicht schon. Denn das war nicht nur in meinen Tweetdeckspalten mit @fcunion und #fcunion teilweise zu sehen, sondern auch bei ein paar Leuten, deren Meinung ich schon ernst nehme. Relevant ist das aber nur insofern, als Union tatsächlich ein paar Fehler gemacht hat, mit denen man sich selbst kritisch beschäftigen muss. Denn ganz ehrlich – es ist mir relativ egal, wie sympathisch irgendwelche anderen Fans oder Vereine Union finden.

Hoffenews: Jetzt aber zum Spiel am Montag: In den zwei Begegnungen vergangene Saison gewann die TSG einmal mit 2:0 an der Alten Försterei, zu Hause überrollte man die Berliner mit 4:0. Warum tat sich Union gegen die Kraichgauer derart schwer?

Daniel: Das Spiel zum Saisonende würde ich aus der Wertung nehmen mit dem Vermerk „Klassenerhaltsfeierkater“. Und das Heimspiel war eines, in dem Hoffenheim es ganz gut geschafft hat, ähnlich gut in die Zweikämpfe zu kommen wie Union und dann eine Chance zu nutzen plus später einen Konter. Das war aber an sich recht ausgeglichen, obwohl es längst nicht eine von Unions besten Leistungen in der Saison war. Ein Spiel unter der Woche bei zirka 4 Grad und Nieselregen (wenn ich mich recht erinnere) gegen Hoffenheim inspiriert dazu aber halt auch nicht unbedingt… Und natürlich hat Hoffenheim (aus Gründen) auch einfach ganz andere wirtschaftliche Voraussetzungen und ist in Spielen gegen Union grundsätzlich Favorit.

Hoffenews: Die Partie gegen die TSG findet als Geisterspiel am Montagabend statt. Über den Zeitpunkt hätte man sich ohne Corona sicherlich lautstark beschwert. Wie emotional bist du persönlich noch bei Geisterspielen vorm Fernseher?

Daniel: Das schwankt einigermaßen. Beim letzten Spiel gegen Freiburg war ich zum Beispiel einigermaßen elektrisiert. Aber ein Montagabendspiel in Hoffenheim wäre ja auch in normalen Zeiten schon eins, zu dem man nicht zuletzt aus einer Art Pflichtbewusstsein fährt, weil man mit Union halt auch zum MSV Neuruppin fahren würde, wenn wir grade dort spielen müssten (3-2 Niederlage beim letzten Mal übrigens).

Hoffenews: Was erwartest du für ein Spiel?

Daniel: Ich interessiere mich ehrlich gesagt nicht genug für Hoffenheim, um mir Spiele von ihnen anzuschauen, wenn ich keinen bestimmten Grund dafür habe. Deshalb habe ich keine fundierte Einschätzung dazu, wie sie so spielen. Dagegen ist Union relativ wenig überraschend in seiner Ausrichtung: Egal ob mit Dreierkette oder Viererkette gibt es in dieser Saison immer viele Klatsch-Steil-Kombinationen, um zu Offensivaktionen zu kommen, Union hat eine sehr stabile Strafraumverteidigung, ein aggressives Gegenpressing und streut immer mal wieder auch hohes Anlaufen ein. Die Frage ist dann, wie gut sie das in dem konkreten Spiel umsetzen können. Darauf bin ich dann jetzt mal gespannt.

Hoffenews: Und wie geht es aus?

Daniel: Meine Tipps in dieser Saison sind so najaaa… Aber ich sage mal 1-1.

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @goenntherjauch.

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Louis Loeser and Jakob Uebel
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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