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Die Liebe in Zeiten von Corona

Seit einem Jahr bestimmt die Corona-Pandemie unser Leben. Die Stadien sind seitdem leer und die Liebesbeziehung der Fans zur wichtigsten Nebensache der Welt wird immer toxischer. Auch Hoffenews-Redakteur Louis Loeser bekommt das zu spüren und schüttet sein Herz aus.

Samstagnachmittag, 14:30 Uhr: In Scharen strömen die blau-weißen Massen in die Sinsheimer Rhein-Neckar-Arena. Vor dem Gang auf den angestammten Platz in der Südkurve geht es in den Fan-Treff zu Feuerwurst, Bier und Gesprächen, in denen man wie immer alles besser weiß als der Trainer. Auf der Tribüne angekommen sind alle für 90 Minuten Leidensgenossen. Egal ob Bänker:in, SAP-Programmierer:in oder Kassierer:in – alle verbindet für einen Nachmittag in der Woche die Hoffnung auf drei Punkte. Wir singen zusammen, wir jubeln zusammen und wir schimpfen zusammen. Und wenn wir dabei ein Bier abbekommen, gehört das eben dazu.

So sah – spätestens, seit ich im Alter von 15 Jahren meine erste Dauerkarte bekam – das Highlight meines Wochenendes aus. Doch seit März 2020 hat sich unser Leben auf den Kopf gestellt. Mehr als ein Jahr steckt die Welt nun in einer Pandemie und wenig vermisse ich mehr als den wöchentlichen Gang in den Fußballtempel. Was würde ich für eine Auswärtsfahrt in einem verrauchten Sonderzug geben. Wie gern sähe ich bei zehn Grad und Nieselregen in Freiburg dank Fangnetz, Zaun und Doppelhaltern nichts vom Spiel.

Der Fußball war für mich ein Fixpunkt. Quasi meine gesamte Wochenplanung orientierte sich an diesem einen Termin am Wochenende. Doch obwohl die Spiele seit Mai wieder stattfinden und ich immer noch keine einzige Partie verpasse, hat sich mein Verhältnis zum Fußball verändert. Es ist kühler geworden, distanzierter – und das liegt nicht nur daran, dass in den Stadien seit nunmehr einem Jahr Geisterstimmung herrscht.

Bilder, die derzeit nicht ferner scheinen könnten: Volle Ränge in Sinsheim. (Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

„Wir wollen keine Extrawürste“

„Wir wollen keine Extrawürste, das ziemt sich nicht in diesen Zeiten“, das betonte der Chef der Deutschen Fußballliga (DFL), Christian Seifert, bevor die Bundesliga im Mai vergangenen Jahres als einer der ersten Gesellschaftsbereiche nach zweimonatigem Stillstand den Betrieb wieder aufnehmen durfte. Verbunden damit waren Appelle an die Vorbildfunktion des Fußballs und die Betonung, keine Sonderrechte zu erwarten. Doch das Bild, das der Profifußball in dieser Pandemie abgibt, ist ein anderes und auch mein Herzensverein ist unfreiwillig an diesem Spiel beteiligt.

Ein Spieler wird positiv auf das Coronavirus getestet? Isolieren und der Rest der Mannschaft spielt trotz unvermeidbar engen Kontakts weiter. Aufgrund von regionalen Beschränkungen kann ein Team nicht zu einem Europapokal-Spiel reisen? Wir verlegen die Partie in ein Land, das als Hochrisikogebiet gilt, Hauptsache die Gesetzeslage stimmt. Eine Klub-WM in einem Wüstenstaat, der die Menschenrechte missachtet, während sich das Land seit mehr als zwei Monaten im zweiten Lockdown befindet? Wir beschweren uns, dass das Land Brandenburg für König Fußball nicht sein Nachtflugverbot kippt.

Die Liste der Beispiele, in denen sich der Profifußball zwar an das Gesetz hält, aber seine selbst proklamierten Werte missachtet, könnte in diesen Zeiten ewig fortgesetzt werden. Ein Wandel zu einem bodenständigeren Fußball, wie ihn manche zu Beginn der Pandemie herbeireden wollten, ist nicht eingetreten. Stattdessen hat sich der Fußball in den vergangenen 365 Tagen wie selten zuvor von der Lebenswirklichkeit des/r Ottonormalverbrauchers/in entfernt. Initiativen wie die „Taskforce Zukunft Profifußball“ der DFL bleiben dabei nur Feigenblätter.

Corona-Alltag im Europapokal: Spanische Pappfans schauen Molde gegen Hoffenheim in Vila-real. (Foto: imago images)

Die Fans als Hoffnungsschimmer

Doch es gibt auch positive Ausnahmen, die weitgehend von den Menschen getragen werden, die diesen Sport ausmachen: Den Fans. Als es darum ging zu helfen, waren sie die Ersten, die angepackt haben. In Hoffenheim organisierten die Anhänger:innen zu Beginn der Pandemie gemeinsam mit der Fanbetreuung einen Einkaufsdienst für Risikogruppen. In Berlin unterstützt die Faninitiative „Aktion Herthakneipe“ seit einem Jahr lokale Gastronomen. Auch andernorts haben sich fast überall engagierte Fans gefunden, die ihren Mitmenschen zur Seite stehen.

Und auch einige Klubs zeigen sich solidarisch. Vor allem die TSG geht dabei mit gutem Beispiel voran und griff im Rahmen der Aktion „TSG hilft“ bereits über 250 Vereinen aus der Rhein-Neckar-Region finanziell unter die Arme. Projekte wie diese gehören zu den Gründen, warum der Fußball so viele Menschen in seinen Bann ziehen kann, doch leider bleiben sie oft nur eine Ausnahme.

Während die Verantwortlichen der Bundesligisten alles tun, um den Laden wirtschaftlich am Laufen zu halten, vergessen einige, wieso dieser Sport so viele Menschen unabhängig ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihres Sozialstatus begeistert. Welchen nachhaltigen Schaden sie damit anrichten, werden sie wohl erst merken, wenn die Stadien wieder aufmachen und wir trotzdem

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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