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Die Lage ist kritisch – Gegnerinterview vorm Spiel beim VfL Wolfsburg

Während die TSG Hoffenheim unter der Woche in Europa den dritten Sieg im dritten Spiel bejubeln durfte, wartet man in der Bundesliga seit vier Spieltagen auf einen Dreier. Am Sonntag (15.30 Uhr/Sky) treffen die Kraichgauer auf den VfL Wolfsburg. Vor dem Duell, das bei vielen Traditionsfans womöglich Alpträume verursachen wird, haben wir mit Daniel Lorenz (Twitter: @Kaestorfer25) gesprochen. Der „Exil-Wolfsburger“ hat uns dabei erzählt, warum er für Oliver Glasner keine Zukunft mehr bei den Wölfen sieht, weswegen er der Europa-League nur bedingt nachtrauert und was er an der TSG Hoffenheim schätzt.

Hoffenews: Daniel, zunächst mal abseits des Sportlichen: Felix Uduokhai (23, IV), Marcel Tisserand (27, IV) und Robin Knoche (28, IV) haben die Wölfe im Sommer verlassen. Welcher Abgang tat dir am meisten weh?

Daniel: Der Abgang von Knoche tat mir da am meisten weh. Er war ein Spieler, der nicht nur 15 Jahre im Verein war, sich zu 150% mit dem VfL identifiziert hat und wohl oder übel aufgrund einer Fehlkommunikation zwischen Berater und Sportdirektor nach Berlin (Union) gehen „musste“.

Hoffenews: Ridle Baku (22, ZM/RV), Bartosz Bialek (18, ST) und Maxcence Lacroix (20, IV) kamen dazu. Auf welchen Neuzugang hast du dich am meisten gefreut?

Daniel: Auf Baku habe ich mich am meisten gefreut. Es kommt nicht von ungefähr, dass andere Vereine wie auch der FC Bayern am Ex-Mainzer interessiert waren. Umso mehr freue ich mich, dass wir den Zuschlag erhalten haben. Es bleibt auch abzuwarten, ob er auf Dauer der Rechtsverteidiger bleibt oder ins Mittelfeld wandert. Ein sehr guter Transfer des VfL.

Wechselte im Sommer für eine Ablöse von zehn Millionen Euro aus Mainz nach Wolfsburg: Radle Baku. (Foto: imago)

Hoffenews: Wolfsburg-Trainer Oliver Glasner bestreitet in Wolfsburg jetzt seine zweite Saison. Welchen Eindruck hat er bei dir nach über einem Jahr im Amt hinterlassen?

Daniel: Er kam mit sehr vielen Vorschusslorbeeren zu uns. Nachdem ich mich dann auch ein bisschen über ihn informiert hatte, war ich sehr froh, dass er zu uns gekommen ist, denn die Leistung mit dem Linzer ASK war schon herausragend. Allerdings: Es war die österreichische Liga. Die ist dann doch noch mal differenzierter zu sehen als die Bundesliga. Dies musste Glasner dann auch öfters mal einräumen. Sein System mit der Dreierkette ging nicht auf. Wir mussten wieder umstellen und man vermisst weiterhin offensiven Fussball in Wolfsburg. Ein Problem, das schon vor Glasner bestand und von dem ich gehofft hatte, dass es durch ihn gelöst wird.

Auch wenn wir hinten gut stehen und uns da auch enorm verstärkt haben, mit Lacroix und Pongracic genügt es vorne noch nicht. Da ist man zu berechenbar und deshalb ist mir das in anderthalb Jahren dann doch zu wenig. Es gibt keine gerade Linie, wie bei anderen Vereinen, in der Herangehensweise der Spiele, dass wir z.B. hoch pressen wollen und den Gegner somit unter Druck setzen. Dies sieht oder sah man zu selten. Deshalb bin ich nun doch etwas enttäuscht.

Hoffenews: Medienberichten zufolge, hat es vor dem Duell zwischen Trainer Glasner und Geschäftsführer Jörg Schmadtke ordentlich gekracht. Glasner hatte sich darüber beschwert, dass seine Wünsche im Transferfenster zu kurz kamen, Schmadtke ist über den Zeitpunkt dieser Äußerungen empört. Der kicker spricht sogar von einem bevorstehenden Aus des Coachs. Wie schätzt du die Lage ein?

Daniel: Kritisch für den Trainer. Weshalb äußert man solche Dinge in der Öffentlichkeit vor einem wichtigen Spiel gegen einen direkten Konkurrenten? Ich kann dies nicht so ganz nachvollziehen und denke, dass das Tischtuch zwischen Schmadtke und Glasner mehr als zerschnitten ist. Ich gehe sogar so weit, dass wir in der kommenden Woche keinen Oliver Glasner mehr auf dem Trainingsplatz sehen werden, da man ja weiß, wie Jörg Schmadtke mit solchen Äußerungen umgeht, die nicht nur gegen ihn gehen, sondern auch das Team betreffen. Denn es ist ein Hinweis an den Kader, dass die Spieler für das „Offensivspiel“ von Glasner nicht gut genug sind. Ich kann mir zudem vorstellen, dass es bereits intern seit einiger Zeit brodelt und dies nur nicht an die Öffentlichkeit kam, weil man in Wolfsburg dann doch sehr verschwiegen sein kann, aber das Nicht-Erreichen der Europa League dürfte sein Übriges dazu beigetragen haben.

Oliver Glasner (l.) liegt im Clinch mit Geschäftsführer Jörg Schmadtke (r.). (Foto: imago)

Hoffenews: Vergangene Spielzeit gelang es Hoffenheim noch im letzten Moment an Wolfsburg vorbeizuziehen und sich mit dem sechsten Platz die sichere Europapokal-Qualifizierung zu ergattern. Die Wölfe scheiterten daraufhin den Playoffs an Athen und bleiben dieses Jahr ohne Dreifachbelastung. Ist das angesichts des ohnehin schon engen Terminkalenders zu verkraften?

Daniel: Ich bin darüber nicht so ganz traurig. Die Rückrunde war von unserer Seite auch überschaubar, da wir durch die lange Doppelbelastung in den Spielen wenig Esprit versprüht hatten und der Kader dafür nicht ausgelegt war. Hinzu kommt, dass ich als Exil-Wolfsburger versuche, viele Spiele auf dem fremden Platz mitzunehmen und dies aufgrund der Corona-Maßnahmen derzeit nicht möglich ist – auch bei Europapokal-Spielen – bin ich da nicht so ganz traurig.

Natürlich hätte man das Geld gut gebrauchen können durch den internationalen Wettbewerb, da durch die Dieselaffäre und Corona das Geld auch beim Geldgeber Volkswagen nicht mehr so locker sitzt. So kann man nur hoffen, dass sich das Team auf dem Trainingsplatz besser findet – und das egal unter welchem Trainer.

Hoffenews: Nach dem Aus in den Playoffs ist der VfL Wolfsburg national unbesiegt. Andererseits glückte lediglich ein knapper Sieg gegen Aufsteiger Bielefeld, fünfmal spielte man Remis, insgesamt schoss man auch nur fünf Tore. Ist das jetzt ein guter Saisonstart, oder eher ein durchwachsener?

Daniel: Ganz klar ein durchwachsener Start in die Saison. Wir sind im vorderen Bereich einfach zu harmlos und schaffen es zu selten Wout Weghorst in Szene zu setzen, sodass er im Strafraum zum Abschluss kommt. Ich gebe zudem auf die Floskel „unbesiegt“ nicht so viel, denn ich hätte lieber einmal verloren und dafür ein Spiel mehr gewonnen. Wenn wir die gesamte Saison unbesiegt bleiben und dafür nur Remis spielen, wird es mit dem Klassenerhalt auch schwer. Also nehme ich dann lieber wieder Siege als Unentschieden.

Hoffenews: Hoffenheim- und Wolfsburg-Fans dürfen sich von Fußballdeutschland Jahr für Jahr ähnliches anhören. Wie gehst du mit dem „Plastikverein“-Image um?

Daniel: Das Thema interessiert mich nicht mehr so wirklich. Leute hier im Süden sind erstaunt, wenn ich Ihnen sage, dass ich Fan des VfL Wolfsburg bin und sie gerade mit einem von dreien höchstpersönlich sprechen können. Wir sind nun schon seit über 20 Jahren in der Bundesliga Jahr für Jahr dabei und natürlich haben wir durch Volkswagen einen potenten Geldgeber, der unsere ganze Region prägt. Es kommt eben immer darauf an, wie man sein Geld richtig ausgibt und das haben wir in zu vielen der Jahre nicht getan. Diese Gründe hier nun aber aufzuführen, würde so lange dauern, dass wir das Spiel unserer Mannschaften verpassen würden.

Hoffenews: Und was hältst du im Allgemeinen von der TSG?

Daniel: Ich verfolge euch auch schon etwas länger und bin einfach erstaunt, wie man mit Geld und Kompetenz gut in der Sinsheimer Region arbeitet. Man hat sich scheinbar auf die Fahne geschrieben, junge und entwicklungsstarke Spieler zu verpflichten, die durch ein gutes Scouting auffallen und dann für eine gute Summe ins Ausland gehen. Ich denke da nur an Roberto Firmino oder auch Joelinton.

Das gefällt mir schon sehr muss ich sagen, da ihr scheinbar wisst, wie man in Südamerika nach Talenten schaut. Etwas das bei meinem Verein leider zu kurz kommt. Und zudem gefällt mir auch Eure Trainerwahl. Ich denke, ihr habt mit Sebastian Hoeneß einen wirklich starken und modernen Trainer verpflichtet und seid mit Nagelsmann ein „Experiment“ eingegangen, das ich mir auch gerne mal in Wolfsburg wünschen würde, aber dazu fehlt es bei uns leider an der Qualität.

Hoffenews: Was für ein Spiel erwartest du am Sonntag?

Daniel: Ich erwarte durch die Unruhen der Medien im Vorfeld der Partie auf kein gutes Spiel meiner Mannschaft. Das dürfte auch am Team nicht spurlos vorbeigehen.

Hoffenews: Und was ist dein Tipp?

Daniel: 1:3.

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Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @goenntherjauch.

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Jakob Uebel
Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @goenntherjauch.

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