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Die hoffentlich letzte Übergangssaison

Die Saison 2020/21 war für die TSG Hoffenheim eine Achterbahn und endete letztlich auf dem elften Tabellenplatz. Im Saisonrückblick analysieren wir die abgelaufene Spielzeit und ziehen Schlüsse für die Zukunft.

Während sich der Spielerkader in der Sommerpause nur geringfügig veränderte, gab es auf der Trainerposition vor dieser Saison einen Umbruch. Sebastian Hoeneß folgte auf Alfred Schreuder und trat – wie in Hoffenheim üblich – mit dem Ziel an, offensiven und mutigen Fußball spielen zu lassen. Dabei gelang ihm bereits am zweiten Spieltag ein dickes Ausrufezeichen. Mit 4:1 bezwang die TSG den frisch gebackenen UEFA-Supercup-Sieger FC Bayern vor 6.015 Zuschauern und legte dabei mit schulbuchmäßigen Kontern die Schwachstellen der Münchner offen. Solch atemberaubende Auftritte sollten anschließend jedoch eine Seltenheit bleiben.

Auf zwei Siege folgten sieben Partien ohne Dreier. In den ersten 15 Saisonspielen kassierte man zudem jedes Mal mindestens ein Gegentor. Einzig in der Europa League zeigte sich die TSG angriffslustig und meisterte mit fünf Siegen und einem Remis problemlos die Gruppenphase. Dabei war man wie kein anderer Klub von Verletzungen und Corona-Erkrankungen geplagt.

Corona, Verletzte und Spiele unter Schmerzmitteln

Bereits nach dem dritten Spieltag kehrten Andrej Kramaric und Kasim Adams mit COVID-19-Infektionen von ihren Länderspielreisen zurück. Auch Pavel Kaderabek musste sich nach einem Risikokontakt in Quarantäne begeben. Nachdem er anschließend wohl zu schnell wieder ins Training eingestiegen war, verletzte sich der Tscheche und fiel bis zum Beginn der Rückrunde aus. Die zweite und härteste Corona-Welle sollte die TSG jedoch im November ereilen: Bereits vor der 1:2-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg wurden Jacob Bruun Larsen und ein Mitglied des Betreuerstabs positiv auf das Coronavirus getestet. In der Länderspielpause folgten sechs weitere Spieler. Der Restkader begab sich zunächst in Quarantäne und musste anschließend mit Trainingsrückstand gegen den VfB Stuttgart antreten (3:3). Die DFL hatte zuvor eine Spielverschiebung um einen Tag verweigert.

Aus dieser misslichen Ausganssituation heraus bestritt die TSG zehn Spiele in 31 Tagen. Die Folgen der Corona-Erkrankungen sowie der hohen Belastung machten sich schnell bemerkbar. So konnte Sargis Adamyan, der zuvor nach einer Syndesmoseverletzung auf dem Weg der Besserung gewesen war, nach seiner Infektion erst zu Saisonende wieder sein volles Potenzial abrufen. Auch Ishak Belfodil und Munas Dabbur kamen kaum auf einen grünen Zweig. Selbst Andrej Kramaric, der zuvor sechs Tore in den ersten drei Saisonspielen erzielt hatte, brauchte nach seiner Infektion einige Zeit, um an seine Spitzenleistungen anzuknüpfen.

Garniert wurden die Probleme durch Langzeitverletzte und weitere Ausfälle, die zur Folge hatten, dass Trainer Hoeneß pro Spieltag im Schnitt auf 7,68 verletzte Spieler verzichten musste. Dabei war es vor allem die Defensive, die stark gebeutelt wurde. Insgesamt 23 verschiedene Abwehrkonstellationen standen in der vergangenen Spielzeit auf dem Platz. Kapitän Benjamin Hübner fehlte an allen 34 Spieltagen, nachdem sich eine Sprunggelenksverletzung als deutlich gravierender als erwartet herausgestellt hatte.

Darüber hinaus mussten gleich mehrere TSG-Akteure Spiele absolvieren, obwohl sie augenscheinlich nicht zu 100 Prozent fit waren. So schleppte sich Havard Nordtveit trotz ständiger Beschwerden am Fuß durch die Saison und beendete sie erst nach dem 31. Spieltag vorzeitig. Auch Oliver Baumann bestritt mehrere Partien mit einer Schambeinentzündung und stand dabei laut kicker-Informationen unter Einfluss von Schmerzmitteln. Genauso wie Diadié Samassékou, der laut eigenen Angaben im Saisonendspurt einen Monat lang mit einer Mittelfußverletzung auf dem Platz stand.

„Ich spiele seit einem Monat unter Schmerzmitteln“ – Diadié Samassékous ging zum Saisonende an seine Belastungsgrenze (Foto: imago images)

Der Trainer als Krisenmanager

Infolgedessen musste Hoeneß in seiner ersten Saison als Bundesliga-Trainer in die Rolle des Krisenmanagers schlüpfen. Nur selten konnte der Neffe des berühmten Wurstunternehmers seine eigenen Vorstellungen in Gänze umsetzen. Stattdessen passte sich seine Taktik meist an die verfügbaren Spieler an. So lief die TSG in verschiedensten Grundordnungen auf und einige Spieler fanden sich in ungewohnte Rollen wieder. Als Sinnbild dient dabei Florian Grillitsch, der abgesehen vom Mittelsturm alle Positionen abdeckte, die man im Zentrum des Spielfelds einnehmen kann.

Auch in der zweiten Spielzeit nach dem Abgang von Julian Nagelsmann blieb die TSG also auf einem Selbstfindungskurs. Während man in der Vergangenheit stets wusste, was man von einem Hoffenheim-Spiel zu erwarten hatte, war in diesem Jahr kaum eine klare Spielidee erkennbar. Gefällige Auftritte mit hohem Pressing und offenem Visier gaben sich mit torlosen Remis und Mauertaktiken die Hand.

Auffällig war dabei, dass Hoeneß auf längere Durststrecken oft sehr pragmatisch reagierte und zunächst auf Stabilität bedacht war. So stellte er nach großen Problemen zum Ende der Hinrunde auf ein 3-5-2-System um. Die TSG schloss das Zentrum und schaltete über schnelle Steil-Klatsch-Kombinationen um. Die Umstellung ging auf und hatte sieben Punkte aus drei Spielen gegen Bielefeld, Hertha BSC und Köln zur Folge. Vor allem Ihlas Bebou nahm bei den schnellen Kontern eine Schlüsselrolle ein und konnte seine Schnelligkeit sowie seine spielerischen Stärken zur Schau stellen.

Bei eigenem Ballbesitz offenbarten die Kraichgauer hingegen gerade gegen sehr defensive Teams Schwächen. Als Tiefpunkt lässt sich dabei das Europa-League-Aus gegen den Molde FK nennen, bei dem die TSG im Rückspiel (0:2) kaum spielerische Lösungen gegen das norwegische Abwehrbollwerk fand und insgesamt 50 Flanken erfolglos in den Strafraum bugsierte. Auch verschlief die Hoeneß-Elf häufig die erste Halbzeit, zeigte gleichzeitig jedoch ungeahnte Comeback-Qualitäten. So kassierte Hoffenheim in der ersten Hälfte die meisten Gegentore aller Bundesliga-Teams (32), holte aber auch 17 Punkte nach Rückstand (Viertbester Wert in der Bundesliga).

„Er ist durch die vielen Krisen, die es zu managen galt, stabil durchgegangen“ – Alexander Rosen über Sebastian Hoeneß (RNZ, Foto: imago images)

In Hoeneß we trust

In all diesem Auf und Ab blieb stets eine Konstante: die Ruhe, mit der sowohl Trainer Hoeneß als auch die sportliche Leitung agierten. Während Boulevardblätter nach der 0:4-Niederlage gegen Schalke 04 bereits Hoeneß‘ bevorstehende Entlassung kolportierten, stellte sich die TSG hinter ihren Trainer. Selbst Mäzen Dietmar Hopp sah sich dabei zu einem Statement gezwungen. Dass die haltlosen Gerüchte auch später wieder aufkochen sollten, veranlasste Alexander Rosen nach dem 1:1 gegen Union Berlin zu einer Brandrede, in der er Berichte, wonach man bereits einen Hoeneß-Nachfolger gefunden habe, am DAZN-Mikrofon als „eine dreckige Lüge“ und „eine Sauerei“ bezeichnete.

Hoeneß selbst verfiel nicht in Hektik und reagierte stets besonnen auf Negativserien. So fand er auch nach schwachen Auftritten in der Rückrunde gegen Mainz (1:2) und Augsburg (1:2) eine passende Lösung und stabilisierte erneut die Defensive. Zwei 0:0-Unentschieden ohne eigenen Torschuss gegen Leverkusen und Leipzig läuteten dabei eine Ungeschlagen-Serie ein, die bis zum Saisonende nicht mehr reißen sollte.

Andrej Kramaric: Der #TSGOAT auf der Höhe seines Schaffens

Die abgelaufene Spielzeit war für die TSG die schlechteste seit fünf Jahren, doch ohne einen gewissen Spieler hätte sie wohl noch schrlechter ausfallen können. Andrej Kramaric befand sich 2020/21 in der Form seines Lebens und brach einen Rekord nach dem anderen. Auch seine Corona-Erkrankung konnte ihn dabei nur für eine kurze Zeit ausbremsen. Mit 20 Toren aus 28 Spielen stellte der 29-Jährige den vereinsinternen Rekord von Vedad Ibisevic (18 Tore) aus der Saison 2008/09 ein und überholte zudem Ivica Olic als erfolgreichsten kroatischen Torschützen der Bundesliga-Geschichte.

Doch Kramarics atemberaubende Saison macht sich nicht nur in Zahlen bemerkbar. Nach fünfeinhalb Jahren im Verein tritt der Kroate umso mehr als Leader in den Vordergrund und fungiert mittlerweile in Interviews auch als Sprachrohr nach außen. Dabei führte er die TSG in Vertretung von Baumann und Hübner auch mehrmals als Kapitän aufs Feld. Gleichzeitig versetzte Kramaric die Hoffenheimer Fans in Sorge, als er in einem Interview mit der kroatischen Zeitung Sportske Novosti Ende Januar erstmals offenbarte, dass er einen Abgang erwäge. Ob der TSG-Rekordtorschütze auch im kommenden Jahr für Hoffenheim auflaufen wird, entscheidet sich jedoch wohl erst nach der Europameisterschaft.

20 Tore und 6 Vorlagen: Andrej Kramaric war 2020/21 in der Form seines Lebens (Foto: imago images)

Der Kader benötigt einen Umbau

Kramaric bleibt nicht das einzige Fragezeichen im Kader der TSG. Während ein Verbleib Sebastian Rudys nach seiner erneuten Leihe vom FC Schalke wahrscheinlich ist, bleibt fraglich, ob die TSG Leistungsträger wie Florian Grillitsch ohne die Teilnahme am Europapokal halten kann. Zudem benötigt der Kader im Sommer einen größeren Umbau als noch vor dieser Saison, als gerade einmal drei Neuzugänge ihren Weg nach Hoffenheim fanden.

Vor allem Spieler wie Joshua Brenet und Kasim Adams, die zuletzt kaum noch im Kader standen, werden die TSG wohl verlassen müssen. Auch Ishak Belfodil kann seit seiner Kreuzbandverletzung nicht mehr an die Leistungen seiner ersten TSG-Saison anknüpfen und kam 2020/21 kaum auf Spielzeit. Jacob Bruun Larsen kehrt derweil von seiner durchwachsenen Leihe beim RSC Anderlecht zurück und wird es ebenfalls schwer haben, sich in den Fokus von Hoeneß zurückzukämpfen.

Auf der Zugangsseite konnte Sportdirektor Rosen bereits früh vielversprechende Namen verkünden. So kommt mit Linksverteidiger David Raum von Greuther Fürth ein aufregender und flankenstarker Nachfolger für Ryan Sessegnon, der nach Tottenham zurückkehrt. Mit Mittelfeldstratege Angelo Stiller erhält Hoeneß zudem seinen Wunschspieler, der bereits in seiner Meistermannschaft bei den Bayern-Amateuren eine Schlüsselrolle einnahm. Zudem verpflichtete die TSG zuletzt den 18-jährigen Innenverteidiger Hubert Mbuyi-Muamba aus der Jugend von Paris Saint-Germain.

Der Fokus der weiteren Transferbemühungen sollte vor allem auf der Defensive liegen. Dabei wäre eine feste Verpflichtung oder eine erneute Leihe von Chris Richards (FC Bayern) denkbar, der sich in der Rückrunde schnell als zuverlässige Säule herausstellte. Auch Innenverteidiger Justin Hoogma könnte nach zweijährigem Gastspiel in Utrecht bei der TSG neu angreifen.

Hat im Sommer einiges zu tun: Sportdirektor Alexander Rosen (Foto: imago images)

Keine Ausreden mehr

Für Hoeneß, Rosen und Co. steht im Sommer also viel Arbeit bevor. Das Hauptaugenmerk sollte darauf liegen, der TSG nach zwei Übergangsjahren wieder eine klare Handschrift zu verpassen. Ohne Dreifachbelastung und Verletzungssorgen hat Hoeneß die Chance zu beweisen, dass er nicht nur reagieren, sondern auch agieren kann. Dabei bleiben ihm diesmal keine Ausreden. Für Rosen gilt es derweil, nach drei Europapokal-Teilnahmen in vier Jahren den Kader zu verschlanken und wichtige Schlüsselspieler zu halten. Sollte ihnen das gelingen, ist die TSG trotz der verkorksten Saison 2020/21 gut für die Zukunft gewappnet.

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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