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AktuellesAnalyseVorbericht

Die entspannteste Saison seit langem?

Nach dem zittrigen 3:2-Sieg (n. V.) bei Viktoria Köln im Pokal, startet für die Herren der TSG Hoffenheim am Samstag die Bundesliga. Wie lief die Vorbereitung, wie stark ist der Kader, welche Baustellen gibt es und wie sind sie zu beheben? Was können wir von der TSG in der neuen Spielzeit erwarten und warum könnte es die ruhigste Saison seit fünf Jahren werden? Diese Fragen und vieles mehr klärt Hoffenews in der Saisonvorschau. Lasst uns mit dem Kader beginnen.

Kategorie „verkraftbar“: Keine echten Abgänge im Sommer

Der Kader der TSG hat sich im Vergleich zur letzten Saison nur leicht geändert. Die Leihgaben Ryan Sessegnon (Tottenham) und Chris Richards (FC Bayern) kehrten wie zu erwarten zu ihren Klubs zurück. Zudem wurden gleich drei Spieler zur Spielzeit 2021/22 verliehen: Ilay Elmkies, der von seiner Leihe bei Den Haag gleich nach Wacker (Österreich) weiterziehen darf, Justin Hoogma, der nach zwei Jahren in Utrecht an den Aufsteiger Greuther Fürth weiterverliehen wird und Konstantinos Stafylidis, für den es nach zwei enttäuschenden Saisons zum zweiten Aufsteiger Bochum geht.

Linksaußen Jacob Bruun Larsen ist im Gegenzug von seiner Rückrunden-Leihe beim RSC Anderlecht zurückgekehrt. Weil aufgrund der Ausfälle von Robert Skov und Ihlas Bebou wenig Alternative herrscht, ist davon auszugehen, dass Hoeneß zu Beginn mit ihm planen wird. Sowohl in der Vorbereitung als auch im Pokalspiel startete der Däne als linker Flügel in einer Dreier-Offensive. Mit dem 16-jährigen Tom Bischof (ZM) und dem 18-jährigen Nahuel Noll (TW) wird der Kader darüber hinaus mit zwei Talenten aus der eigenen Jugend aufgestockt. Beide werden voraussichtlich vor allem in der U19 zum Einsatz kommen.

Das offizielle Mannschaftsfoto 2021/22. P.S.: Nein, David Raum hat den Fototermin nicht verschlafen, er war zu der Zeit bei Olympia in Tokyo. (Foto: imago images)

Raum und Stiller: Doppelter Coup

Drei Neuzugänge hat die TSG zur neuen Saison zu verzeichnen – alle drei ablösefrei, alle drei stehen schon seit längerem fest. Neben der festen Verpflichtung von Schalke-Leihgabe Sebastian Rudy, verkündete man schon im Januar dieses Jahres die Transfers von Angelo Stiller (FC Bayern II) und David Raum (Greuther Fürth). Der 20-jährige Stiller ist dabei eher eine Zukunftsperspektive auf der Sechs, das Einleben im Kraichgau fiel ihm aber außerordentlich leicht. In der Meister-Saison 2019/20 spielte er bei den Bayern-Amateuren bereits unter Sebastian Hoeneß und die Ausfälle von Diadié Samassékou und Florian Grillitsch sorgten für einen Platz in der Startelf zum Saisonauftakt.

Fast noch vielversprechender allerdings ist die Verpflichtung von Raum. Der 23-jährige Linksverteidiger hat gerade die Spielzeit seines Lebens hinter sich, samt Aufstieg mit Fürth, U21-EM-Sieg und einer Teilnahme bei Olympia. Sein Spielertyp mit Offensivdrang und Dribbelstärke könnte die ewige Lücke auf Linksaußen schließen, die man seit dem Abgang von Nico Schulz 2019 bereits mit fünf verschiedenen Spielern verzweifelt zu kompensieren versuchte. Wir haben Raum und Stiller bereits ausführlich vorgestellt. Wie ihre Karrieren bisher verliefen, wo die Stärken & Schwächen liegen und wie sie in Hoeneß‘ System zum Einsatz kommen, könnt ihr hier nachlesen.

Verletzt, verloren, vergessen, verzeih‘n ♫

Wie schon in den vergangenen Spielzeiten, stellt die Verletzten-Liste der TSG Hoffenheim nach wie vor ein großes Problem dar. Mit Baumann im Tor, Kaderabek, Nordtveit, Hübner und Bicakcic in der Verteidigung, Grillitisch und Samassékou im Mittelfeld sowie Bebou, Adamyan und Skov fallen nach aktuellem Stand in allen Mannschaftsbereichen elementare Spieler aus. Selbstverständlich ist bei manchen der genannten Spieler ein baldiges Comeback in Sicht, eine Verletzungspause schon während der Vorbereitung erschwert allerdings die Abstimmung im Team.

Baumann dürfte nach seiner Schambeinverletzung bereits zum Spiel gegen Augsburg zumindest wieder im Kader sein, den Ausfall von Rechtsverteidiger Pavel Kaderabek besetzte in der Vorbereitung vor allem Mijat Gacinovic, am vergangenen Montag im Pokal sprang Melayro Bogarde ein. Mit Stiller, Rudy und Geiger ist das Mittelfeld gut – wenn auch mit weniger Tempo und Dynamik – besetzt, in der Offensive wird man vermutlich auf Bruun Larsen und Rutter auf den Flügeln setzen.

Die Vorbereitung im Überblick

Anfang Juli stieg die TSG ins Mannschaftstraining ein, ehe es am 18.07. – wie schon im Vorjahr – zum Trainingslager an den Tegernsee ging. Während der Vorbereitung absolvierte man insgesamt vier Testspiele gegen den FC Heidenheim, Greuther Fürth, Stade Reims (FRA) und den Karlsruher SC. Zu Beginn fehlten die EM-Teilnehmer Kaderabek, Kramaric, Baumgartner Grillitsch und Posch, kurz darauf verließ auch Neuzugang Raum das Team in Richtung Olympia.

Testspiele in der Übersicht:

FC Heidenheim – TSG Hoffenheim    1:0 (17. Juli)

Greuther Fürth – TSG Hoffenheim    2:2 (24. Juli)

TSG Hoffenheim – Stade Reims        3:1 (31. Juli)

TSG Hoffenheim – Karlsruher SC      5:0 (4. August)

Hoeneß setzte dabei überwiegend auf ein 4-4-2 oder 4-2-3-1, gegen Karlsruhe auch zeitweise auf eine 3-4-3-Formation. Die Viererkette bildeten häufig Gacinovic, Vogt, Akpoguma und Bogarde (die Fünferkette dann mit Raum). Im Mittelefeld starteten Stiller und Geiger als tiefstehende Sechser, Rudy als herausrückender Mann im Zentrum. In der Offensive spielte Bruun Larsen immer auf links, Baumgartner sowohl als Zehner als auch als rechter Flügel. Diesen besetzte zeitweise auch Rutter, die meiste Zeit war er allerdings als Mittelstürmer gesetzt.

Was in der Vorbereitung gut lief

Und mit dem Namen Georginio Rutter kann auch schon die erste Stärke in der Vorbereitung angesprochen werden. Der 19-jährige Franzose, der noch im vergangenen Winter von Stade Rennes kam, überraschte positiv als Offensiv-Allrounder. Auf dem rechten Flügel überzeugte er vor allem durch Kreativität im letzten Drittel – eine Kompetenz, die in im Rest des Kaders eher ausbleibt. Im Doppelsturm mit Kramaric fungierte er zudem noch als Raumdeuter und Vorlagengeber (2 Assists im Spiel gegen Reims). Im Pokalspiel gegen Viktoria Köln zeigte er diese Fähigkeiten leider kaum.

Georginio Rutter mit einem starken Auftritt im Testspiel gegen Stade Reims. (Foto: imago images)

Ein weiterer Name, der bei positiven Eindrücken aus der Vorbereitung zu nennen ist, ist Bayern-Neuzugang Angelo Stiller. Der gebürtige Münchner war fast immer gesetzt und fiel als abgeklärter Sechser im Spielaufbau auf. Durch Ruhe und gute Übersicht war er fast immer eine sichere Anspielstation und machte es seinem Mitspieler Rudy möglich aus der Kette auszubrechen und die Offensiv- oder Defensivreihen zu unterstützen. Durch die Ausfälle von Samassékou und Grillitsch sowie der fehlenden Spielpraxis nach Verletzungspause bei Dennis Geiger, ist Stiller für Hoeneß sogar ein klarer Kandidat für die Startelf geworden.

Unabhängig von guten Einzelspielern lief auch das Hoffenheimer Aufbauspiel in der Vorbereitung überwiegend rund. Mit weiten Diagonalpässen von Akpoguma, Vogt und Stiller aus der eigenen Hälfte in Richtung Gacinovic (rechts) und Bruun Larsen (links) gelang man schnell ins entscheidende letzte Drittel. Dort taten sich dann andere Schwierigkeiten auf…

Was in der Vorbereitung schlecht lief

Ist die Offensive der Kraichgauer erstmal am gegnerischen Strafraum angelangt, wird es häufig mau. Gerade gegen tiefstehende Gegner mangelt es der TSG in diesen Situationen an Ideen, die Abwehr-Blockade zu durchbrechen. Häufig versucht man es nach wie vor mit hohen Flanken in den Sechzehner, auch wenn man dafür keine wirklichen Abnehmer hat. Mit Rutter, Kramaric und Dabbur stehen aktuell drei eher kleinere Stürmer im Kader, die selten in „Stoßstürmer-Manier“ zur Flankenabnahme bereit stehen. Gegen Viktoria Köln rauschten die Hereingaben meistens bis an den zweiten Pfosten durch. Würde die TSG den Strafraum also besser besetzen könnten auch hier Abnehmer für eine mögliche zweite Hereingabe parat stehen.

Und nochmal zum Thema Aufbauspiel: Während die Spieleröffnung mit hohen Pässen gut funktionierte, zeigten sich im flachen Passspiel gleichzeitig die meisten individuellen Schwächen auf. Durch konsequentes Verletzungspech in der Abwehr ist die derzeitige Viererkette wenig eingespielt und aufeinander abgestimmt. Akpoguma und Vogt strahlen zu häufig Unsicherheit aus, auch Bogarde scheint seine Position noch nicht wirklich gefunden zu haben. Wenn es gegen hoch anlaufende Gegner geht (wie zum Beispiel am dritten Spieltag in Dortmund), muss man aufpassen, sich den Ball nicht zu schnell abluchsen zu lassen. Eine Rückkehr von Kapitän Benjamin Hübner würde das vermutlich vereinfachen, bis wann er allerdings wieder genesen und spielfähig ist, lässt sich nicht sagen.

Gelang zu selten gegen den Drittligisten: Durchbrechen im letzten Drittel. (Foto: imago images)

Ein ruhiges Auftaktprogramm

Der Start in die Bundesliga hätte für die TSG Hoffenheim härter ausfallen können. Bis auf das Gastspiel in Dortmund am dritten Spieltag ist das Programm für die ersten zwei Monate überschaubar. Da man mit Spielen gegen Augsburg, Union, Mainz und co. allerdings zu Beginn immer wieder auf tiefstehende, passive Gegner trifft, sollten die oben angesprochenen Punkte nochmals gründlich angegangen werden.

Die ersten 5 Spieltage in der Übersicht

  1. FC Augsburg (A)    Sa, 14. August, 15:30 Uhr
  2. Union Berlin (H)    So, 22. August, 15:30 Uhr
  3. Dortmund (A)        Fr, 27. August, 20:30 Uhr
  4. FSV Mainz (H)        Sa, 11. September, 15:30 Uhr
  5. Bielefeld (A)          Sa, 18. September, 15:30 Uhr

Für die ersten Spieltage könnte die TSG mit folgenden Formationen starten.

Ob man dabei mit einer Vierer- oder Fünferkette aufläuft, wird vermutlich vom Gegner abhängen.

Steht eine entspannte Saison bevor?

Das machbare Auftaktprogramm könnte eine entscheidende Komponente für eine rundum ruhige Saison werden. Nach dem Umbruch-Sommer 2019, in dem Alfred Schreuder Trainer-Juwel Julian Nagelsmann ersetzte und sich Hoffenheim nach zahlreichen namenhaften Abgängen neu orientieren musste, folgte mit 2020 nicht gerade ein entspanntes Jahr. Durch Trainerwechsel, Verletzungssorgen, Pandemie-bedingter Spielunterbrechung und eigenen Corona-Sorgen im Verein wurde auch die vergangene Spielzeit zur emotionalen Achterbahnfahrt. Doch bis auf die Verletzungssorgen sollte davon in der kommenden Spielzeit aller Voraussicht nach wenig zu spüren sein.

Wenn man etwas träumen darf, könnte die vor uns liegende Saison sogar die entspannteste der letzten fünf Jahre werden. Der Kader hat kaum Veränderungen durchlebt, durch das Landen auf dem elften Tabellenrang in der Vorsaison ist er auch keiner Dreifachbelastung mehr ausgesetzt. Das unterdurchschnittliche Abschneiden hat zusätzlich den Effekt, dass die Erwartungshaltung an Coach Hoeneß wesentlich überschaubarer ausfallen dürfte als noch im letzten Sommer. Das nimmt logischerweise auch etwas medialen Druck im Umfeld der TSG, bestenfalls erleben wir weniger Schock-Schlagzeilen von Boulevard-Blättern.

Zudem kehren endlich wieder Fans in die PreZero-Arena zurück, was ebenfalls für einen positiven Schub sorgen dürfte. Corona könnte dem Ganzen natürlich wieder jederzeit wieder in die Quere kommen – sowohl den Fans als auch den Spielern. Auch wenn böse Zungen behaupten würden, dass im TSG-Kader ohnehin so langsam Herdenimmunität erreicht sein dürfte… maßen wir uns an dieser Stelle mal keine epidemiologischen Prognosen für 2021/22 an.

Fazit: Was können wir von der TSG erwarten?

Abschließend lässt sich ein klares Saisonziel schwer ausmachen. Dass es eine Leistungssteigerung zum Vorjahr geben muss, ist klar. Die TSG sollte kein nennenswerter Kandidat im Abstiegskampf sein und wieder die Tabellenränge Sechs bis Acht anvisieren, um bestenfalls um die europäischen Plätze mitzuspielen. Denn auch wenn der Kader von Verletzungen geplagt ist, ist er mit einem Vereinsmarktwert von geschätzten 205 Millionen Euro (Quelle: transfermarkt.de) der achtwertvollste der Beamten Bundesliga – noch vor Hertha BSC und dem VfB Stuttgart. Hoffenheim wird also wieder liefern müssen, wenn auch hoffentlich mit etwas mehr Ruhe.

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Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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Jakob Uebel
Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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