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AktuellesKommentar

Die Blase ist geplatzt

Während die Bundesliga aufgrund der Länderspielpause ruht, ist die TSG Hoffenheim im Ausnahmezustand. Grund sind sechs Corona-Infektionen im Profikader sowie zwei weitere im Trainer- und Betreuerstab. „Wir können uns die Häufung nicht erklären“, räumte Direktor Profifußball Alexander Rosen nach den Hiobsbotschaften am Mittwoch auf der Klubhomepage ein: „Wir halten uns seit Monaten akribisch und gewissenhaft an das Hygienekonzept.“ Doch es ist gerade dieses Hygienekonzept, das die Kraichgauer in den vergangenen Tagen im Stich gelassen hat, kommentiert Hoffenews-Redakteur Louis Loeser.

Als die Bundesliga im Mai nach zweimonatiger Pause als erste europäische Profiliga den Spielbetrieb wieder aufnahm, blickten viele Beobachter trotz des erarbeiteten Konzepts der „Task Force Sportmedizin / Sonderspielbetrieb“ mit gehöriger Skepsis auf das Vorhaben der Deutschen Fußball-Liga (DFL). So hatten sich noch wenige Tage vor der Rückkehr der Bundesliga im Mai in einer Umfrage der ARD ganze 56 Prozent der Befragten gegen den sogenannten Restart ausgesprochen.

Dass die kritischen Stimmen mit zunehmender Zeit immer leiser wurden und der Restart mehr Zustimmung erhielt, sprach in den Monaten danach vor allem für das Hygienekonzept der DFL, das in der Öffentlichkeit auf viel Lob stieß und auch im Ausland als Vorbild angesehen wurde. Die jüngsten Ereignisse in Zuzenhausen zeigen jedoch gnadenlos auf, dass auch das beste Konzept seine Lücken hat.

Nicht mehr „weggesperrt“

Um sich erklären zu können, wie es sein kann, dass die Hoffenheimer trotz der strengen Hygienemaßnahmen so hart von der Pandemie getroffen werden, muss man sich zunächst die unterschiedlichen Rahmenbedingungen im Vergleich zum Frühjahr vor Augen führen: Als die Bundesliga im Mai ihren Spielbetrieb wieder aufnahm, lebte die Liga mehr oder weniger in einer Blase. Die Mannschaften mussten sich vor der Liga-Rückkehr geschlossen in Quarantäne begeben und Kontakte, die über das engste private Umfeld und den Mannschaftskreis hinausgehen, wurden weitestgehend eingeschränkt. Dass man die Profis jedoch nicht auf Dauer „wegsperren“ können würde, war von Beginn an klar.

Mit den zunehmenden Lockerungen und der zwischenzeitlichen Rückkehr der Zuschauer*innen in die Stadien nahmen die Kontakte – und damit das Risiko einer Infektion außerhalb des Klubumfelds – weiter zu. So war es beispielsweise noch im Oktober möglich, dass sich Union-Stürmer Max Kruse ganz im Einklang mit dem DFL-Hygienekonzept sowie den örtlichen Kontaktbeschränkungen mit insgesamt acht Fans ohne Maske in einer Shisha-Bar im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg traf. Die 7-Tage-Inzidenz war dort zum damaligen Zeitpunkt bei 105 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern und damit deutlich über dem Schwellenwert von 50 gelegen.

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Die Sinnlosigkeit der Länderspiele

Ein weiterer Risikofaktor, der im Frühjahr noch nicht bestand, liegt derweil nicht im Kompetenzbereich der DFL und hat die TSG bereits vor einem Monat hart getroffen: Seit September finden wieder regulär internationale Wettbewerbe sowie Länderspiele statt und sorgen für ein erhebliches Ansteckungsrisiko. So werden pro Nationalmannschaft 26 Profis für zwei Wochen aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen, reisen zum Teil in Corona-Risikogebiete und sorgen dafür, dass sich das Virus über Klub- und Landesgrenzen hinweg ausbreiten kann. Besonders verärgert dabei die Sinnlosigkeit der Spiele, die zumeist nur von geringem sportlichem Wert sind. Freundschaftsspiele und Nations League während einer Pandemie erwecken den Eindruck, dass der UEFA und den Landesverbänden Gelder aus TV-Verträgen wichtiger sind als die Gesundheit ihrer Spieler und die Eindämmung des Coronavirus.

Im Kraichgau zeigte sich die Gefahr durch die Länderspielpausen bereits im Oktober deutlich, als sowohl der Kroate Andrej Kramaric als auch der Ghanaer Kasim Adams mit einer Corona-Infektion von Ihren Nationalteams zurückkehrten. Der Tscheche Pavel Kaderabek musste sich zudem aufgrund eines Falls im familiären Umfeld für zwei Wochen in Quarantäne begeben. TSG-Manager Alexander Rosen zeigte sich über diesen Umstand vor dem Bundesliga-Spiel gegen Borussia Dortmund sichtlich verärgert und stellte in den Raum, Spieler in Zukunft nicht mehr abzustellen. Zuletzt reisten dennoch neun von zehn abgestellten Hoffenheimern zu ihren Nationalteams, ehe die Botschaft der neuen Corona-Infektionen innerhalb der Mannschaft für eine Rückreise-Welle sorgte. (Christoph Baumgartner war aufgrund der Corona-Fälle in Hoffenheim nicht mehr zum ÖFB-Team gereist.)

Teamkollegen sind laut DFL keine Risikokontakte

Ein anderer internationaler Wettbewerb könnte derweil Auslöser für einige der aktuellen Corona-Fälle bei den Hoffenheimern sein. So traf man noch am Donnerstag vergangener Woche in der Europa League auf den ersatzgeschwächten tschechischen Vertreter Slovan Liberec, der vor der Partie 15 Corona-Fälle zu beklagen hatte. Nur wenige Tage später folgten fünf weitere positive Tests bei Spielern, die auch in Sinsheim zum Einsatz gekommen waren.

Bei der TSG traf es am Freitag zunächst Jacob Bruun Larsen und ein Mitglied des Betreuerstabs, die sich unter Einbezug des üblichen Infektionsverlaufs bereits vor dem Liberec-Spiel infiziert haben müssen. Dies hinderte die Mannschaft dennoch nicht daran, am darauffolgenden Sonntag in Wolfsburg anzutreten. Grund dafür ist das Hygienekonzept der DFL, das Kontakte aus dem Team und dem Betreuerstab grundsätzlich in die vom RKI festgelegte Kategorie II einordnet. Somit galt Bruun Larsen nicht als Risikokontakt und eine Gruppenquarantäne war dank negativer Befunde beim Rest der Mannschaft nicht notwendig.

Abb.: Orientierender Überblick über Angaben zum Nachweis infektiöser Viren im Kontext von anderen Laborparametern bei COVID-19 (Quelle: Robert-Koch-Institut)

Diese Betrachtung lässt jedoch außer Acht, dass Bruun Larsen sowie der betroffene Betreuer bereits zwischen ihren negativen Tests am vorherigen Dienstag (3.11.) und den positiven Befunden am Freitag (6.11.) weitere Personen infiziert haben könnten. Die potenziell Infizierten weisen jedoch in der Regel erst frühestens nach dreieinen positiven Test auf (siehe Abbildung oben, Quelle: RKI), weshalb weitere Ansteckungen nicht ausgeschlossen werden konnten. Diese Lücke im Hygienekonzept hat sich nun offenbar gerächt.

Bereits die am Montag bei den Nationalteams durchgeführten Tests lieferten nach der Niederlage in Wolfsburg positive Befunde bei Munas Dabbur (Israel) und Robert Skov (Dänemark). Weitere Tests in Zuzenhausen zeigten anschließend Infektionen bei Sebastian Rudy, Ishak Belfodil, Kevin Vogt (nach zunächst uneindeutigem Ergebnis) und einem Mitglied des Trainerstabs. Mit Ausnahme des rotgesperrten Skov reisten all diese Spieler mit nach Wolfsburg, standen dort in der Startelf und könnten im schlimmsten Fall bereits infektiös gewesen sein.

Sportlicher Wettbewerb unmöglich

Die Hoffenheimer Mannschaft befindet sich nun „bis auf Weiteres“ in Quarantäne. Auch die Nationalspieler Ryan Sessegnon und Oliver Baumann haben ihre Auswahlmannschaften bereits verlassen, um sich ebenfalls in Isolation zu begeben. Mit den weiteren abgestellten Profis steht der Klub zum Zeitpunkt der Veröffentlichung über das weitere Vorgehen im Austausch. Die sechs positiv-getesteten Profis werden dabei mindestens zwei Wochen lang nicht zur Verfügung stehen und könnten auch anschließend – ähnlich wie Kaderabek, Kramaric und Adams – noch eine gewisse Regenerationszeit brauchen.

Ob das Bundesliga-Spiel gegen den VfB Stuttgart in der kommenden Woche unter diesen Umständen stattfinden kann, steht derzeit noch in den Sternen und hängt vor allem von den Absprachen mit den zuständigen Gesundheitsbehörden ab. Dabei können unterschiedliche Regelungen in den jeweiligen Bundesländern zu einer weiteren Ungleichbehandlung führen.  Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, dass das „Derby“ als erste Bundesliga-Partie aufgrund des Coronavirus verschoben werden muss. In der Europa League besteht derweil die Regelung, dass ein Team immer anzutreten hat, sofern mindestens 13 Spieler „zur Verfügung“ stehen. Anderweitig würde das Spiel am grünen Tisch mit 0:3 gegen die TSG gewertet werden.

Für die Kraichgauer kommt die aktuelle Situation einer Vollkatastrophe gleich. So sorgt der eng getaktete Terminkalender der kürzesten Saison aller Zeiten bereits ohne Spielverlegungen von Ende November bis Weihnachten für zehn Spiele in 31 respektive 32 Tagen. Die jüngsten Corona-Fälle könnten dieses wacklige Konstrukt endgültig zum Einsturz bringen. Während unklar bleibt, wie die TSG in den kommenden Wochen am Spielbetrieb teilnehmen soll, ist bereits jetzt eines sicher: Ein sportlicher Wettbewerb ist unter diesen Umständen nicht möglich und die Auswirkungen der aktuellen Infektionswelle werden für die Kraichgauer noch bis über diese Spielzeit hinaus spürbar sein.

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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