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Das große Missverständnis – Warum die Trennung von Schreuder konsequent ist

Es war ein Paukenschlag: Am Dienstagmorgen verkündete die TSG Hoffenheim die sofortige Trennung von Trainer Alfred Schreuder. Während das Aus des Niederländers nicht ohne Vorwarnung kam, ist sein Zeitpunkt für viele überraschend. Dass die Kraichgauer und ihr Teamchef vier Spieltage vor Saisonende getrennte Wege gehen, ist bei genauerem Hinsehen jedoch konsequent und passt zur Klubphilosophie.

Anspruch vs. Realität

Die Zielsetzung war klar: Die TSG sollte unter Schreuder weiterhin für mutigen Offensivfußball stehen. Das betonten sowohl Manager Alexander Rosen als auch der Trainer selbst bei dessen Amtsantritt. Zu sehen gab es den Spektakelfußball der letzten Jahre jedoch nur selten. So fehlte vor allem zu Saisonbeginn ein klares Konzept bei eigenem Ballbesitz. Während man zwar wie in der Vergangenheit hohe Spielanteile hatte, kam man nur zu selten ins Angriffsdrittel. Riskante „Lockbälle“ auf die gegnerische Kette oder eingespielte Spielzüge zeigte man kaum. In der Folge blieb die TSG in drei der ersten vier Bundesliga-Spiele ohne eigenen Treffer.

Erfolg hatte Schreuder hingegen gegen Teams aus der Spitzengruppe. So gewann Hoffenheim zum ersten Mal in München und bezwang auch den BVB kurz vor Weihnachten. Dies gelang zumeist jedoch nicht mit hohem Angriffspressing. Stattdessen wählte Schreuder einen deutlich pragmatischeren Ansatz und ließ sein Team tief in der eigenen Hälfte warten. Während diese Spielweise gegen Top-Teams ein legitimes Mittel darstellte, verhielt sich die TSG aber auch gegen vermeintlich schlechtere Gegner bei eigener Führung entgegen der eigenen Prinzipien. Dies führte zuletzt dazu, dass man beim 3:1-Erfolg gegen Köln in den letzten 30 Minuten nur noch 30 Prozent Ballbesitz hatte.

Schwer nachvollziehbare Personalentscheidungen

Neben der – für viele Beobachter – unattraktiven Spielweise erntete Schreuder vor allem für seine Personalentscheidungen einige Kritik. Während die Maßnahme, den gelernten Flügelstürmer Robert Skov zum Linksverteidiger umzuschulen, aufgrund des Ausfalls von Steven Zuber vertretbar schien und zum Teil fruchtete, trieb es der gebürtige Barnevelder im Hinspiel gegen Mainz 05 auf die Spitze. 45 Minuten lang spielte Innenverteidiger Kevin Akpoguma auf dem linken offensiven Flügel und machte dabei eine ganz schlechte Figur. Auch Experimente wie Dennis Geiger als falsche Neun schlugen fehl. Seit Ende Januar dokumentierte ich deshalb alle unkonventionellen Positionsentscheidungen Schreuders und zählte zum Ende seiner Amtszeit ganze 13 „Schreuder der Woche“.

Mit diesen teils schwer nachvollziehbaren Aufstellungen sorgte der 47-Jährige für viel Erheiterung, er trug damit aber auch eine Mitschuld für ein weiteres Problem, das sich durch die Saison der TSG zog: die fehlende Konstanz. Abgesehen von der bereits angesprochenen Siegesserie – bei der auch eine Menge Glück im Spiel war –zeigte die TSG in dieser Saison kaum stabile Leistungen. Bis zum Duell gegen den FC blieb man deshalb ganze sieben Spiele in Folge ohne Sieg. Ein großer Faktor war die Defensive, die sich immer wieder individuelle Fehler erlaubte. Die ständigen Formationswechsel halfen dabei nicht wirklich, die Abwehr zu stabilisieren. So lief man in der Rückrunde nur zweimal in zwei aufeinanderfolgenden Spielen mit der gleichen Dreier- oder Viererkette auf, was eine eingespielte Abwehrreihe unmöglich machte.

Plötzlich Flügelstürmer: Kevin Akpoguma gegen Mainz 05 (Foto: imago images)

Der unerwartet große Umbruch

Trotz der validen Kritikpunkte stand Schreuder mit seinem Team nach 30 Spieltagen auf siebten Rang und hatte – auch dank der schwächelnden Konkurrenz – noch alle Chancen auf den Einzug in die Europa League. Gerade angesichts des großen personellen Umbruchs, den die TSG im vergangenen Sommer durchlebte, ist dies nicht selbstverständlich. Dass der Abgang von Julian Nagelsmann nicht sofort kompensiert werden könnte, war bereits vor Saisonbeginn klar. Dass Schreuder gleich vier Leistungsträger verlieren würde, war hingegen nicht geplant. Insbesondere der Abgang von Stürmer Joelinton nach Newcastle war für den Trainer nicht absehbar und warf Teile seiner Planungen über den Haufen. Zudem nahmen ihm die Transfers von Vincenzo Grifo (Freiburg) und Leonardo Bittencourt (Bremen) am letzten Tag der Transferperiode zusätzliche Optionen für die Offensive. Die langen Verletzungsausfälle von Andrej Kramaric, Sargis Adamyan und Ishak Belfodil stellten zusätzliche Herausforderungen dar. Dass er auf junge Talente wie Christoph Baumgartner, Maximilian Beier, Melayro Bogarde oder Ilay Elmkies setzte, muss man Schreuder darüber hinaus zugutehalten.

Und auch während der Saison sorgten einige Transferentscheidungen für Konfliktpotenzial. Mit der Ausbootung von Kapitän Kevin Vogt kurz vor Weihnachten machte sich Schreuder angreifbar und sorgte dafür, dass ein Spieler, der unter Nagelsmann noch gesetzt gewesen war, den Verein leihweise in Richtung Bremen verlassen musste. Von Schreuders Abgang könnte Vogt profitieren. Die Personalie Sebastian Rudy hätte derweil in den kommenden Wochen für interne Reibungen sorgen können. Während die TSG laut Berichten des kickers erwog, die Kaufoption für den von Schalke ausgeliehenen Sechser nicht zu ziehen, galt Schreuder als Fan des Rückkehrers und betonte zuletzt, Rudy halten zu wollen. Seinen Fürsprecher hat Rudy nun verloren.

Riss ein Loch in Hoffenheims Kader: Rekordabgang Joelinton (Foto: Catherine Ivill/Getty Images)

Die plötzliche Trennung

Differenzen in Bezug auf die Kaderplanung sollen es auch gewesen sein, die für die nun für die Trennung vier Spieltage vor Schluss sorgten. So sei man laut Sportdirektor Rosen „in wichtigen Detailfragen […] unterschiedlicher Auffassung“ gewesen. Laut kicker-Informationen ging es dabei vor allem die Kadergröße für die kommende Saison und die Entscheidungskompetenzen des Trainers. Diese Meinungsverschiedenheiten offenbarten sich nach dem Spiel gegen Düsseldorf und sorgten binnen weniger Tage dafür, dass eine weitere Zusammenarbeit ausgeschlossen war.

Die Entscheidung, die Notbremse jetzt und nicht erst nach Saisonende zu ziehen, ist dabei sicherlich mit einigen Schwierigkeiten verbunden und könnte das Ziel Europa in Gefahr bringen. Sie ist jedoch konsequent und passt zum Leitbild der TSG. Einerseits hatte Schreuder bereits ein schlechtes Standing und wäre durch eine Trennung nach dem 34. Spieltag im Saisonendspurt zur „Lame Duck“ geworden. Andererseits handelt die TSG so proaktiv, statt nur zu reagieren. Ähnlich wie Dieter Hecking in der vergangenen Saison bei Borussia Mönchengladbach, erreichte Schreuder mit seiner Punktausbeute die gesteckten Ziele. Die Art und Weise, wie diese Punkte erreicht wurden, passte jedoch nicht mit der Hoffenheimer Philosophie zusammen. Mit der Trennung stellt der Klub Nachhaltigkeit über kurzfristigen Erfolg und bleibt damit dem Weg der vergangenen Jahre treu. Dass die Verantwortlichen mit diesem riskanten Schritt Erfolg haben könnten, zeigte nicht zuletzt Marco Rose am Niederrhein.

Muss einen neuen Trainer finden: Alexander Rosen (Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Wie geht es jetzt weiter?

Alexander Rosen steht nun erneut vor einer enormen Aufgabe. Nicht nur muss er mit den erheblichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Transfermarkt zurechtkommen, er muss auch im zweiten Jahr in Folge einen geeigneten Trainer finden. Während vorerst U19-Coach Marcel Rapp und U16-Trainer Kai Herdling das Trainerteam komplettieren werden, bevorzugt Rosen für die kommende Saison eine „externe Lösung“. Ein ehemaliger Co-Trainer wird es dieses Mal wohl nicht werden. Stattdessen braucht es einen gestandenen Teamchef, der den Spektakelfußball verkörpert, für den die TSG in den vergangenen Jahren stand.

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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