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„Auf ein Spektakel braucht keiner zu hoffen“

Mit dem 3:0-Auswärtssieg bei Hertha BSC hat die TSG ihren Negativtrend beendet und sich vorerst auf Rang elf abgesetzt. Am Sonntag steht das Duell gegen den Tabellensechzehnten Köln an. Vor den Duell mit den Geißböcken haben wir mit dem Chefredakteur von effzeh.com, Thomas Reinscheid (Twitter: @koelnsued), gesprochen. Er erzählte uns dabei unter anderem von seiner Meinung zu Markus Gisdol, dem Abstiegskampf und den Lichtblicken in der Kölner Saison.

Thomas, die letzte Saison beendete der 1. FC Köln als Tabellenvierzehnter und verlor in Folge unter anderem die Spieler wie Cordoba und Terodde. Im Gegenzug griff man tief in die Tasche und verpflichtete allen voran Duda und Andersson. Wie gut waren die Voraussetzungen für diese spezielle Spielzeit 20/21?

Thomas Reinscheid: Nicht sonderlich gut. Der Kader stand erst wenige Tage vor dem Saisonstart gegen die TSG so richtig. Die Verantwortlichen mussten aufgrund leerer Kassen den Cordoba-Verkauf nach Berlin abwarten, um überhaupt investieren zu können. Dazu waren die Leistungsträger der starken Phase in der vergangenen Saison nicht verfügbar: Neben Cordoba waren das noch Mark Uth, der nach seiner Leihe zurück zu Schalke 04 musste, und Florian Kainz, der sich in der Vorbereitung schwer am Knie verletzte. Kurzum: Es lief bei weitem nicht optimal – und das waren die Neuverpflichtungen letztlich auch nicht.

Aktuell steht man auf Rang 16, vor der Partie am Mittwochabend verzeichnete der FC fünf sieglose Spiele in Serie. Darunter drei Niederlagen und ein Torverhältnis von 0:10. Was brachte die Kölner in diese Krisen-Situation?

Thomas: Es sind vor allem Probleme in der Kernkompetenz dieser Sportart. Der FC ist in seiner derzeitigen Verfassung fußballerisch schlichtweg nicht konkurrenzfähig. Wenig Ballbesitz (nur 42 Prozent im Schnitt), wenig Qualität im Passspiel (Fehlpassquote von 21,6 Prozent im Schnitt), die zweitwenigsten Torschüsse: Das sind Werte eines Absteigers, um es deutlich zu sagen. Es ist in den 17 Spielen der Hinrunde nicht gelungen, einen Plan zu entwickeln, was diese Mannschaft mit dem eigenen Ballbesitz anfangen will. Das sieht größtenteils grausam aus, was die Geißböcke auf den Rasen bringen. Und die Ergebnisse sind nicht sonderlich besser.

Am vergangenen Spieltag kam es dann aber zum Erfolgserlebnis. Wie bewertest du den glücklichen 2:1-Sieg auf Schalke?

Thomas: Glücklich ist wohl das richtige Wort. Schalke war beileibe nicht gut, der FC war in diesem Spiel noch schlechter. Not gegen Elend dürfte eine geschönte Beschreibung dieser Partie sein. Dass das Gisdol-Team am Ende das bessere Ende für sich hatte, war auch Ausdruck einer Willensleistung, aber vor allem Ausdruck des gegnerischen Unvermögens. Dass Gisdol einen verdienten Sieg gesehen haben will und mit dem Spiel über weite Strecken der Partie zufrieden mit der Leistung gewesen ist, lässt mich ratlos zurück.

Er entschied das Kellerduell auf Schalke in der Nachspielzeit: Der 18-jährige Jan Thielmann. (Foto: Friedemann Vogel / Getty Images)

Cheftrainer Markus Gisdol ist seit über einem Jahr bei den Geißböcken und stand dabei immer wieder in der Kritik. Was hältst du persönlich vom Ex-Hoffenheimer?

Thomas: Es ist ja bereits angeklungen: Eine Entwicklung der Mannschaft ist nicht zu erkennen, sportlich läuft es eher suboptimal und die Nebengeräusche sind nicht viel besser. Aber: Gisdol hat eine (zugegeben gut dotierte) Himmelfahrtsaufgabe übernommen, diese irgendwie gemeistert und dabei noch junge Spieler eingebaut. Die Moral scheint intakt, die Defensive ist dank Betontaktik intakt. Muss man wohl festhalten: Mehr als Borderline-Bundesliganiveau ist offenbar nicht drin. Nicht bei ihm, nicht bei der Mannschaft, nicht bei den Verantwortlichen am Geißbockheim. Das ist gemessen an allem zu wenig, um zufrieden zu sein. Die entscheidenden Personen sehen das offensichtlich aber anders.

Medienberichten zufolge ist sein Job – trotz einer Vertragslaufzeit bis 2023 – gefährdet. Ist ein bevorstehender Trainerwechsel denkbar?

Thomas: Mindestens bis zum Pokalspiel in Regensburg: Nein. Gisdol hat bei FC-Sportchef Horst Heldt einen Stein im Brett, die überflüssige Vertragsverlängerung im Sommer hat auch dessen Schicksal in gewisser Form an das des Trainers gekoppelt. Aber: Es stehen nun wichtige Duelle in Sinsheim und gegen Bielefeld an. Kann der FC dort nicht punkten, wird zumindest die Debatte um Gisdol nicht leiser werden.

Sechsmal stieg der 1. FC Köln schon in die zweite Bundesliga ab. Was macht dir Mut, dass man in dieser Spielzeit die Klasse hält?

Thomas: Acht Punkte Vorsprung auf die direkten Abstiegsplätze. Die von zwei Mannschaften belegt werden, die in 17 Partien nur sieben Zähler geholt haben. Und sich darüber hinaus in den direkten Duellen noch als tatsächlich dümmer als der FC erwiesen haben. Ansonsten ist die Konkurrenz vor den Geißböcken auch nicht sonderlich gut – vielleicht zieht es den einen (Hoffenheim) oder den anderen (Hertha BSC), der nicht damit rechnete, noch in den Abstiegskampf.

Horst Heldt teilte am Donnerstag mit, dass man sich in den nächsten Tagen über mögliche Neuzugänge beraten würde. Wo siehst du am meisten Bedarf?

Thomas: Das Fehlen eines gestandenen Mittelstürmers ist natürlich offensichtlich. Sebastian Andersson plagt sich seit Monaten mit Knieproblemen herum, Anthony Modeste ist anscheinend nicht in der Lage, der Mannschaft zu helfen. Doch löst die Verpflichtung eines Torjägers die Probleme des 1. FC Köln, wo doch kaum Bälle vorne ankommen und das Team kaum Chancen herausspielt? Das glaube ich nicht. Zumal das Geld am Geißbockheim knapp ist, sodass große Sprünge auf dem Transfermarkt ohnehin nicht möglich sind.

Welche Lichtblicke kannst du trotz der schwierigen Lage in der Hinrunde verzeichnen?

Thomas: Sava-Arangel Cestic hat sich in den Vordergrund spielen können. Ein weiterer junger Spieler, der aus dem Nachwuchs den Sprung in die Profimannschaft geschafft hat. Der Innenverteidiger ist im Sommer 2019 aus der Schalker „Knappenschmiede“ nach Köln gekommen und hat sich prächtig entwickelt. Das macht Spaß, wenn sich ein solcher Spieler dann auf der großen Bühne präsentieren kann. Für die Verantwortlichen am Geißbockheim war dagegen angesichts der gezeigten Leistungen sicher ein Lichtblick, dass keine Fans im Stadion dürfen – es ist auch dadurch alles ungewohnt emotionslos rund um den 1. FC Köln.

19, Jahre, 1,92 Meter groß und die letzten Spiele beim FC gesetzt: Sava-Arangel Čestić. (Foto: imago images)

Kommen wir zur Partie gegen Hoffenheim: Beim 2:3 im Hinspiel erlebte man eine aufregende sowie enge Begegnung mit einem entscheidenden Lucky Punch zugunsten der TSG. Was für ein Spiel erwartest du am Sonntag?

Thomas: Das Hinspiel war wirklich eine Achterbahnfahrt. Erst war Hoffenheim drückend überlegen und hätte zur Pause deutlicher führen können, danach kam der FC in Schwung, um sich in letzter Minute praktisch selbst ins Knie zu schießen. Auf ein solches Spektakel braucht in meinen Augen kein Beobachter zu hoffen: Die Geißböcke präsentieren sich derzeit eher als defensivorientierte Fußballzerstörer – und bei Hoffenheim scheint die Brust angesichts der enttäuschenden Hinrunde auch nicht sonderlich breit zu sein.

Und wie geht es aus?

Thomas: Einigen wir uns auf Unentschieden: 0:0 – klassischer Sonntagskick. Und immer noch kein Impfstoff von Dietmar Hopp.

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Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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Jakob Uebel
Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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