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Auf dem Weg in die Irrelevanz? Hoffenheim in der Analyse

Für die TSG Hoffenheim ist es bereits die 14. Bundesliga-Saison, doch oben festbeißen konnten sie sich nie. Auch unter Sebastian Hoeneß scheint der Klub weiter im Niemandsland der Tabellenmitte zu verweilen.

Ist Hoffenheim aktuell der irrelevanteste Klub der Herren-Bundesliga? Zugegeben, diese Frage in einem Blog zu stellen, der sich intensiv mit der TSG auseinandersetzt, ist mutig. Und der Begriff der Irrelevanz ist selbstredend bewusst provokant gewählt. Aber lasst mich erstmal meinen Gedanken ausführen und kritisiert mich danach für die Formulierung.

Es lässt sich schließlich kaum abstreiten, dass Hoffenheim in den letzten Jahren zunehmend an Glanz verloren hat. In den ersten Jahren wussten sie noch durch tollen Fußball und Kontroversen zu überzeugen. Entweder genoss man, was auf dem Platz geschah, oder rieb sich an dem, was dazu führte, dass sie überhaupt in der Bundesliga spielen.

Dann aber folgte Tristesse und beinahe ging es wieder runter in die 2. Bundesliga. Einzig Julian Nagelsmann war es zu verdanken, dass dieses Szenario abgewendet wurde. in den Jahren 2017 und 2018 erreichte die TSG sogar den vierten und dritten Tabellenplatz.

Das Versprechen vom nationalen Top-Team

Sie schien nun endlich das Versprechen einzulösen, das sie in den ersten Bundesliga-Jahren gab: Ein dauerhafter Konkurrent um die internationalen Plätze zu sein.

Dann aber wechselte der Erfolgscoach, der eine lange Serie von meist zweistelligen Platzierungen beendete und einen sicher geglaubten Abstieg abwendete, nach Leipzig. Auf ihn folgten Alfred Schreuder, das Interimstrio aus Marcel Rapp, Matthias Kaltenbach und Kai Herdling und jetzt Sebastian Hoeneß – sowie ein stetiger Niveauverlust.

Hoffenheim ist heute, Ende November 2021, wieder im Mittelmaß angekommen. Nach erst zwölf Spieltagen ist die Lage sicher noch nicht dramatisch. Der Rückstand auf Platz sechs beträgt lediglich drei Punkte. Aber die bisher gezeigten Leistungen schreien förmlich danach, dass die TSG auch in dieser Saison keine Bäume ausreißen wird.

Das Pressing weiß zu überzeugen

Dabei haben die Hoffenheimer unter Hoeneß durchaus eine beachtliche Waffe entwickelt: Ihr Pressing ist nicht nur variabel, sondern auch stets gut auf den jeweiligen Gegner eingestellt. Gerade in den Spielen gegen Top-Teams wie Dortmund, Bayern oder Leipzig kommt ihnen das zugute. Zwar verloren sie beim BVB mit 2:3 und in München gar mit 0:4, doch die Leistungen machten insbesondere in der Arbeit gegen den Ball Hoffnung auf Verbesserungen.

Gegen Leipzig konnte sich die TSG zuletzt dafür belohnen. In einer 5-2-3-Grundausrichtung machten sie die Räume vor allem im Mittelfeldzentrum sehr eng – typisch für eine Hoeneß-Mannschaft.

Leipzigs Dreierkette sah sich in erster Linie mit Gleichzahl konfrontiert, während die beiden Sechser gleich doppelt verteidigt wurden: Einmal durch den Deckungsschatten der drei anlaufenden Hoffenheimer und dann noch durch die gut nachschiebenden Sechser im Mittelfeld. Das machte es für Dominik Szoboszlai auch schwer, ins Spiel zu finden. Denn auch er wurde von beiden Richtungen aus dem Spiel genommen: Deckungsschatten der Sechser und, falls gebraucht, durch herausrückende Innenverteidiger der Hoffenheimer Dreierkette – meist Florian Grillitsch.

Prinzipiell gab es für Leipzig dadurch im Spielaufbau nur zwei Optionen: Der linke oder der rechte Flügel. Und eigentlich liegen hier auch die natürlichen Schwachstellen einer 5-2-3-Formation. Wer nur zwei zentrale Mittelfeldspieler nutzt, muss die Halbräume und den Flügel durch adäquates Nachschieben verteidigen. Kombiniert sich ein Gegner also schnell in diese Zonen, kann es gefährlich werden.

Doch die TSG ist gut darin, diese Räume zu schließen. Meist rückt dafür der ballnahe Flügelverteidiger heraus, während die restlichen vier Verteidiger nachschieben. Weiter vorn sollen die ballnahen Spieler die Passwege ins Zentrum schließen, während ballferne Offensivspieler sich je nach Situation ein Stück nach hinten orientieren, um etwaige Verlagerungen des Gegners abzusichern. So entsteht kurzzeitig eine Mischung aus 4-4-2 und 4-3-3.

Das ist alles gut durchdacht und es funktioniert in den allermeisten Bundesligabegegnungen sehr gut. Zumal man, wenn alle Spieler fit sind, eine starke Achse hat, die das Pressing gut führt. Allen voran Florian Grillitsch ist als Schlüsselspieler herauszuheben. Der 26-Jährige profitiert enorm davon, dass er in seiner Karriere schon nahezu alle Positionen im Zentrum gespielt hat. Er trifft zuverlässig die richtigen Entscheidungen mit und ohne Ball, was Hoffenheim auch in schwierigen Momenten eine gewisse Grundstabilität verleiht.

Ist der Kader nicht gut genug?

Doch warum läuft es dann trotzdem nicht? Ist es die individuelle Qualität, die womöglich einfach fehlt, um weiter oben anzuklopfen? Ein Blick auf den Kader sollte reichen, um diese Gedanken direkt wieder zu verwerfen. Hoffenheim hat sehr vielseitig einsetzbare Innenverteidiger, die Hoeneß eine Bandbreite an Lösungen für unterschiedliche Gegner anbieten.

Im zentralen Mittelfeld ist diese Breite ebenfalls gegeben: Dennis Geiger, Sebastian Rudy, Diadié Samassékou, Angelo Stiller und – falls mit Viererkette gespielt wird – Grillitsch. Andere Bundesliga-Klubs würden viel Geld dafür bezahlen, ein technisch und in Teilen auch physisch derart starkes Mittelfeld aufbieten zu können.

Und dann gibt es den Offensivbereich, wo nicht nur Andrej Kramaric trotz aktueller Verletzungsprobleme heraussticht, sondern auch Munas Dabbur, Sargis Adamyan oder Ihlas Bebou eine gute Mischung aus Tempo und technischer Qualität bieten. Ganz zu schweigen von Talenten wie Georginio Rutter, mit dem Leipzig am vergangenen Wochenende einige Probleme hatte. Über die Außenbahnen können Jacob Bruun Larsen und Flügelverteidiger David Raum für besondere Momente sorgen.

Gibt es eine größere Baustelle, ist es vielleicht die rechte Außenbahn, wo zuletzt Akpoguma mit mal mehr und mal weniger guten Leistungen als Flügelverteidiger auflief. Auch Robert Skov durfte sich schon dort probieren, was aber von wenig Erfolg gekrönt war. Dennoch sollte der Kader insgesamt durchaus fähig sein, ambitionierte Ziele in der Bundesliga zu verfolgen.

Probleme gegen tiefstehende Gegner

Die Niederlage in Bochum, das 0:0 in Bielefeld und auch das 2:2 gegen Union Berlin zeigen aber, dass sich das Team vor allem in längeren Ballbesitzphasen schwertut. Hoffenheim zeigt sich hier von einer deutlich unflexibleren Seite als im Pressing. Denn sie sind nicht sonderlich kreativ und schaffen es kaum, Dynamik im letzten Drittel zu erzeugen.

Wenn etwas funktioniert, dann oft über das einzige Schema, das man als zuverlässig und nachhaltig bezeichnen kann: Seitenverlagerung (meist durch Grillitsch) mit anschließendem Verschieben auf die ballnahe Seite, um einen diagonalen Weg zum Tor zu ermöglichen. Das 1:0-Führungstor beim 5:0-Sieg über Köln ist dafür das Paradebeispiel.

In der Entstehung des Treffers besetzte Hoffenheim nahezu perfekt die Zwischenräume in der kompakten Kölner Pressingformation. Grillitsch verlagerte auf den rechten Flügel, wo sie es dann gut ausspielten und Bebou in ein Eins-gegen-eins mit Horn bringen konnten. Solche Szenen zeigen, dass die TSG die notwendigen Ansätze für ein gutes Ballbesitzspiel mitbringt.

Auch gegen Hertha haben sie es in vielen Situationen sehr stark gelöst, indem sie immer wieder die Seite verlagerten. Allerdings können sich vor allem sehr tief verteidigende Teams schnell auf dieses Schema einstellen. Eine tiefe Fünferkette zum Beispiel kann die Breite des Spielfeldes gut verteidigen und gleichzeitig dennoch drei Spieler im Abwehrzentrum haben, um Tiefenläufe wie jenen von Bebou gegen Köln zu verteidigen. Aber auch gegen Viererkettenformationen tun sich die Hoffenheimer schwer.

Lösungsansätze: Spielt Hoffenheim zu breit?

Es fehlt ihnen an Lösungen. Hoeneß arbeitet mit vielen Spielern jetzt schon so lange zusammen, dass es gerechtfertigt ist, mehr von seiner Mannschaft zu erwarten. Aber gerade das Mittelfeldzentrum, das die oben beschriebenen Qualitäten mitbringt, bekommt der Trainer noch nicht ausreichend eingebunden.

Stiller, Rudy und Geiger bieten sich als Nadelspieler in den Sechser- und Achterräumen durchaus an, werden aber zu selten eingesetzt. Wenn ein Gegner tief verteidigt, kann es eine Lösung sein, das Zentrum zu überladen und ihn so dazu zu zwingen, die Breite der Formation etwas aufzulösen. Bis vor einiger Zeit war es im Fußball nahezu Konsens, dass das eigene Spiel möglichst breit aufgezogen werden muss, um den Gegner auseinanderzuziehen. Nach diesem Prinzip scheint Hoffenheim auch zu agieren. Viele moderne Trainer setzen aber darauf, das Spiel bewusst enger zu gestalten, um Räume auf dem Spielfeld mit mehr Dynamik zu nutzen.

Zwei Probleme werden anhand der Statik einer breiten Formation wie jener der TSG deutlich:

  • Die Roten werden kaum vor Probleme gestellt. Verlagerungen sind für Blau zwar eine Option, aber wirklich viel Raum haben die Flügelspieler dann nicht. Im Zentrum stehen die Roten trotz der auseinandergezogenen Ketten immer noch kompakt genug, was es für Blau schwer macht, sich ohne Flanken oder Einzelaktionen in den Strafraum zu kombinieren.
  • Verliert Blau in solchen Situationen den Ball, sind die Abstände zu groß, um die eigenen Qualitäten im Pressing auch auf das Gegenpressing zu übertragen.

Letztendlich führt die Ausrichtung der Hoffenheimer dazu, dass zwar Verlagerungen beim Flügelspieler landen, diesem aber oft nur die Möglichkeit bleibt, den Ball wieder zurück zur Dreierkette zu spielen oder in den Strafraum zu flanken. Mit 20 Flanken pro Spiel schlagen sie die drittmeisten der Liga – doch echte Gefahr erzeugen sie daraus zu selten.

Also ein engeres Positionsspiel nutzen?

Es könnte demnach eine Lösung für Hoeneß sein, der technischen Qualität seiner zentralen Spieler mehr zu vertrauen und den Fokus zumindest initial noch stärker auf das Zentrum zu legen – um im letzten Drittel dann mehr Platz für die Flügelspieler zu kreieren. Damit würde er sich auch wieder mehr an dem orientieren, was Hoffenheim unter Nagelsmann so stark machte.

Eine engere Grundformation würde bedeuten, dass Hoffenheim im Zentrum einerseits mehr Anspielstationen hätte, andererseits aber auch schneller ins Gegenpressing kommen könnte. Weil ihnen das gegen tiefverteidigende Teams zu selten gelingt, erwischen sie ihre Gegner auch zu selten in unsortierten Momenten. Ihr Tempo können sie so kaum ausspielen.

Gerade die Flügelverteidiger könnten davon profitieren, indem sie die gegnerischen Außenverteidiger immer wieder zu Bewegungen zwingen und so Räume für sich oder andere öffnen.

Geht der rote Außenverteidiger beispielsweise mit nach innen, kann ein anderer Hoffenheimer hinterlaufen und nach einer Verlagerung wäre einmal Raum im Zentrum, nämlich David, aber noch ein weiterer auf dem Flügel – nämlich in Form von Platz für andere blaue Spieler.

Eine nicht so breite Ausgangsformation im Spielaufbau kann aber auch die Möglichkeit bieten, das Spiel spontan breit zu machen. Wenn Raum auf der linken Seite erst eng steht und dann seinen Außenverteidiger mit auf den Flügel zieht, entstehen Lücken im gegnerischen Abwehrverbund, die entweder durch einen langen Ball oder wenige Stationen im Mittelfeld bespielt werden können.

Aktion führt meist zu Reaktion des Gegners und diese Reaktion kann Raumgewinn erzeugen. Sei es im letzten Drittel oder im Mittelfeld, wo sich dann Hoffenheimer beispielsweise durch gegenläufige Bewegungen anbieten können, weil das gegnerische Team nach hinten schiebt.

Wo geht die Entwicklung hin?

In Hoffenheims Spiel ist dafür aber aktuell zu wenig Bewegung. Fakt ist dennoch: Das sind alles nur statische Taktiktafeln und solche Prozesse auf dem Platz umzusetzen, bedarf harter Arbeit, viel Abstimmung und technischer Grundqualität – Hoeneß kann nicht einfach mit den Fingern schnipsen und plötzlich spielt sein Team um die Champions-League-Plätze mit. Dass Hoffenheim vieles davon aber besser kann, als es den Anschein macht, zeigen sie immer wieder im Ansatz. Es liegt am Trainerteam, diese Qualität häufiger hervorzurufen.

Hoeneß tendiert dazu, die Grundformation zu wechseln, wenn es nicht so läuft. Oftmals funktioniert das kurzfristig. Für langfristigen Erfolg sollte er aber womöglich über die Prinzipien seines Spiels reflektieren – und sich mehr an den erfolgreichen Zeiten der letzten Jahre orientieren.

Vor allem im letzten Drittel ist das Spiel der Hoffenheimer zu statisch und die mitunter großen Abstände zueinander führen dazu, dass das Gegenpressing bedeutend schlechter ist als das gut durchdachte Pressing. Es liegt viel Arbeit vor der TSG Hoffenheim, um das Potential auszuschöpfen, das vorhanden ist. Im Moment tendiert die Entwicklung eher ins Niemandsland der Bundesliga. Das Image der grauen Maus, es haftet immer stärker am Klub. Und bis auf die Debatte rund um den Impfstoff von CureVac gibt es auch kaum noch Grund, sich an der TSG Hoffenheim zu reiben. Also, sagt ihr es mir: Ist dieser Klub auf dem Weg in die Irrelevanz, oder nicht?

Justin Kraft ist freier Journalist und Autor. In seiner Arbeit für Miasanrot, ntv und FOCUS beschäftigt er sich vor allem mit dem deutschen Rekordmeister, dem er sich auch in seinem neuen Buch „90 Minuten Bayern München“ widmet. Sein Werk „Generation Lahmsteiger“ wurde zudem im Jahr 2019 von der Deutschen Akademie für Fußballkultur als Fußballbuch des Jahres nominiert. Auf Twitter ist er unter @JustinKraft_ für seine Wortspiele bekannt.

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Justin Kraft
Jakob ist seit Oktober 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Zudem ist er als freier Mitarbeiter der Sportredaktion der Rhein-Neckar-Zeitung tätig und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen. Wer tagtäglich seine semi-lustigen Wortspiele und Einfälle verfolgen will, findet ihn auf Twitter unter @deruebeltaeter.

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