Aktuelle Beiträge

Foto: Alex Grimm/Getty Images
AktuellesInterviewVorschau

„Angst vor Fehlern könnte das Spielgeschehen bestimmen“

Nach der 1:3-Niederlage gegen Eintracht Frankfurt wartet am Samstag (15.30 Uhr/Sky) in der Männer-Bundesliga der Tabellensechste Borussia Dortmund auf die TSG Hoffenheim. Vor dem Duell gegen den BVB sprachen wir mit Goal-Redakteur und BVB-Experte Stanislav Schupp (Twitter: @stani_schupp) über die Gründe für die derzeitige Negativserie der Schwarz-Gelben. Zudem erklärte er, was sich unter Interimstrainer Edin Terzic verändert hat und wie realistisch eine Verpflichtung des derzeitigen Gladbach-Coachs Marco Rose ist.

Nur vier Punkte holte der BVB aus den letzten fünf Bundesliga-Spielen. Was sind derzeit die größten Probleme des Dortmunder Spiels?

Stanislav Schupp: Allen voran fehlende Konstanz. Die Mannschaft schafft es derzeit nicht, eine Partie über die gesamte Distanz zu dominieren. 20 bis 40 Minuten guter Fußball reichen einfach nicht. Zudem fehlt mir persönlich in gewisser Weise eine klare Struktur. Als Beispiel dafür dient das Pokalspiel gegen Paderborn, in dem man sich nach einer 2:0-Führung gegen einen Zweitligisten im heimischen Stadion in die eigene Hälfte drängen ließ. Paderborn verfolgte dagegen selbst nach dem Rückstand einen klaren Plan und presste über die gesamte Spieldauer hoch. Gefühlt braucht es immer erst gewisse Rückschläge bis die Mannschaft aufwacht. Dann rennt man aber wie gegen Freiburg nur noch an und hat die Zeit gegen sich. Man kann natürlich Spiele verlieren und mögliche Ziele vielleicht verfehlen, aber man muss das Gefühl haben, dass sich die Mannschaft auf dem Platz zerreißt.

Im Dezember trennte sich der BVB nach einer 1:5-Niederlage gegen den VfB Stuttgart von Trainer Lucien Favre und installierte interimsweise Edin Terzic als seinen Nachfolger. Wie bewertest du den Rauswurf im Nachhinein?

Stani: Vor allem mit Blick auf die aktuellen Ergebnisse ist so eine Einschätzung von außen sehr schwierig. Fakt ist, dass der BVB unter Favre punktetechnisch gut performt hat. Fakt ist aber auch, dass man in entscheidenden Phasen und vor allem in „großen“ Spielen meist keine Lösungen gefunden hat und dementsprechend titellos geblieben ist. Ob es interne Probleme gab, kann ich natürlich nicht beurteilen. Hätte Nachfolger Terzic eine herausragende Siegesserie hingelegt, würde jetzt natürlich niemand mehr über Favre sprechen.

Jener Terzic steht derzeit aufgrund der jüngsten negativen Ergebnisse in der Kritik. Was hat sich unter ihm verändert?

Stani: Der Rückstand auf die Tabellenspitze. Nein, im Ernst. Zu Beginn hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass er es geschafft hat, das Spiel etwas zu beschleunigen und die Ballbesitzphasen hauptsächlich ins letzte Drittel zu verlegen. Zwar kassierte der BVB seither im Schnitt mehr und schoss selbst weniger Tore, doch in einigen Partien war der Einsatz präsenter als zuvor. Wenn man Terzics Kommandos und seinen Einsatz an der Seitenlinie hört, ist da schon ein gewaltiger Unterschied zum Saisonbeginn. Demnach zu urteilen müsste es auf dem Platz eigentlich zur Sache gehen.

Nach über zehn Jahren als Assistent plötzlich hauptverantwortlich an der Seitenlinie: Interimstrainer Edin Terzic. (Foto: Lars Baron/Getty Images)

Gladbach-Trainer Marco Rose wird seit dem Favre-Aus als Favorit auf den Trainer-Posten beim BVB für die kommenden Saison gehandelt. Für wie realistisch hältst du einen Rose-Wechsel nach Dortmund?

Stani: Gemessen an seinen Auftritten, der Art und Weise, wie er Gladbach coacht und welchen Fußball er spielen lässt, kann ich ihn mir sehr gut in Dortmund vorstellen. Die emotionale Komponente ist ja auch mitentscheidend und wird seit der Klopp-Ära von vielen Anhängern vermisst. Wenn er mit den Gladbachern in der Champions League weit kommt, wäre das eigentlich ein idealer Zeitpunkt, um den vielzitierten nächsten Schritt zu gehen.

Mit einem Altersschnitt von 25,0 Jahren hat der BVB die viertjüngste Mannschaft der Bundesliga. Welche Rolle spielt bei den inkonstanten Leistungen in dieser Saison die Unerfahrenheit der jungen Talente?

Stani: Es ist meist die individuelle Qualität und die Einzelaktionen dieser jungen Spieler wie Erling Haaland oder Jadon Sancho, die die Fehler des Teams kaschieren. Dass ein junger Spieler meist umbekümmerter und damit vielleicht sogar zielführender agiert, zeigte nicht zuletzt Youssoufa Moukoko. Es ist eine erfahrene Achse vorhanden, wenn ich an Spieler wie Mats Hummels, Emre Can, Thomas Delaney oder auch Marco Reus denke. Das sollte ausreichen, um ein Team zu führen. Die Jungen drücken dem Spiel dann einen mutigen und positiv riskanten Stempel auf. Natürlich müssen sie dennoch lernen, durch so eine Phase zu gehen.

Welche Spieler überzeugen dich bisher trotz der schlechten Bilanz?

Stani: Delaney ist eine wichtige Stütze im Zentrum. Seine Präsenz und Körpersprache sind in so einer Phase wichtig. Er kann die Mannschaft nach Rückschlägen mit seinem Einsatz nach vorne peitschen, so wie es gegen Augsburg der Fall war. Auch Sancho wirkt seit Terzic stark formverbessert und geht mehr ins Risiko. Dass Haaland in vorderster Front unheimlich wichtig und effektiv ist, steht außer Frage. Natürlich hängt sein Spiel aber auch von den Aktionen seiner Mitspieler ab. Jude Bellingham zeigt auch viele gute Ansätze, Einsatz und Willen.

Stütze im Dortmunder Kartenhaus: Thomas Delaney. (Foto: Lars Baron/Getty Images)

Torhüter Roman Bürki steht immer wieder in der Kritik und wird derzeit aufgrund einer Schulterverletzung von seinem Landsmann Marwin Hitz vertreten, der gegen Freiburg zuletzt eine schwache Leistung zeigte. Hat der BVB ein Torwartproblem?

Stani: Das Verteidigen gegnerischer Angriffe beginnt in der Regel bereits weit vor dem eigenen Tor. Natürlich sind vereinzelte Aussetzer, wie der beim zweiten Freiburger Tor, manchmal spielentscheidend und können einer Mannschaft das Genick brechen. Allerdings ist es meiner Meinung nach zu einfach, die Gegentore auf die Keeper zu schieben. Vorausgegangene Passivität, Fehler im Stellungsspiel oder auch naives Verteidigen bei Standards ist da das weitaus größere Problem. Bürki hat sich im Vergleich zu den letzten Jahren auch gesteigert, auch wenn er nach wie vor ein paar Patzer drin hat. Er hat sich oft genug als Retter ausgezeichnet.

Linksverteidiger Nico Schulz verzeichnet in der laufenden Saison in der Liga nur fünf Einwechslungen und einen Startelf-Einsatz. Wieso tut sich der Ex-Hoffenheimer in Dortmund so schwer?

Stani: Man darf nicht vergessen, dass Schulz viel mit Verletzungen zu kämpfen hatte. Folglich fehlt ihm natürlich ein gewisser Rhythmus. Es bleibt dann natürlich der Eindruck seiner wenigen Einsätze hängen – und die waren leider meist etwas unglücklich, eine Mischung aus technischen und spielerischen Defitizen sowie Pech. In den wenigen Partien fehlte auch einfach schlichtweg die Konstanz. Mit Blick auf seine damalige Ablösesumme fällt die Bewertung natürlich deutlich kritischer aus.

Die Duelle zwischen der TSG und dem BVB waren in der Vergangenheit oft sehenswert und denkwürdig. Was für ein Spiel erwartest du an diesem Wochenende?

Stani: Beide Teams strotzen nicht gerade vor Selbstbewusstsein. Auch das Hinspiel war eher ein von Taktik geprägtes und eher tempoarmes Duell. Ich kann mir vorstellen, dass die Angst vor Fehlern bei beiden Teams zunächst das Spielgeschehen bestimmen könnte. Ich glaube, dass die TSG um die Anfälligkeiten der Borussia weiß und sich demnach mit ihren schnellen Offensivspielern nicht hinten reinstellen und warten wird. Gleichzeitig hat der BVB nach wie vor enorme Offensivpower und ist zum Siegen verdammt. Wenn sich beide Mannschaften etwas von einer möglichen Anfangsvorsicht lösen, könnte es eine spannende Begegnung werden.

Wie lautet dein Tipp für Samstag?

Stani: Es ist – wenn auch ohne Fans – ein Heimspiel, es geht um die Champions-League-Plätze. Die individuelle Qualität des BVB sollte sich in der Regel durchsetzen und eventuelle Aussetzer wettmachen. Ich tippe auf einen knappen 2:1-Erfolg.

0 0 votes
Article Rating

Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Redakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Neben seinem Studium schreibt er für die Onlineportale Goal und Spox. Zudem begleitet Louis als Blinden- und Fanradioreporter ehrenamtlich die Spiele des SV Sandhausen.

Top Reviews

ANZEIGE



ANZEIGE

Video Widget

gallery

Dir gefällt was Du hier siehst?

0
Would love your thoughts, please comment.x
()
x