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„Abteilung Attacke“ nur auf dem Platz: TSG-Trainer Sebastian Hoeneß im Portrait

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Eine Woche vor dem offiziellen Trainingsstart ist die Trainersuche bei der TSG Hoffenheim beendet: Sebastian Hoeneß kommt vom Drittliga-Meister FC Bayern München II und tritt im Kraichgau die Nachfolge von Alfred Schreuder an. Hoffenews stellt den neuen TSG-Coach vor.

Wer den Name Hoeneß hört, denkt wohl zunächst an die Münchner „Abteilung Attacke“, an Anrufe im Doppelpass und an Schimpftiraden über Juan Bernat. All das ist Sebastian Hoeneß – Sohn von Ex-Manager Dieter und Neffe von Bayern-Ehrenpräsident Uli – nicht. Stattdessen scheute der 38-Jährige lange die Öffentlichkeit, wählt seine Worte mit Bedacht und auch den Kontakt zu Journalisten mied er zunächst. Sein großer Name stellte dabei oft eine Bürde dar. Der Süddeutschen Zeitung sagte er dazu im vergangenen Jahr: „Hin und wieder würde ich mir wünschen, als Sebastian wahrgenommen zu werden – und nicht nur als Hoeneß.“

Die Liebe für den Fußball hingegen teilte Hoeneß mit seinem Vater und seinem Onkel seit Kindesbeinen. Dabei bestimmte bereits sein erstes Wort, wo es hingehen sollte: „Ball“. Kein Wunder also, dass er sich über die Jugend des VfB Stuttgart den Weg in den bezahlten Fußball bahnte. „Sebastian brachte eine starke Mentalität mit, er war zielorientiert, ehrgeizig und mannschaftsdienlich. Außerdem hatte er immer ein gutes Verhältnis zu seinen Mannschaftskameraden und Verantwortlichen“, beschrieb sein damaliger Nachwuchschef Frieder Schrof in der Stuttgarter Zeitung den Spieler Hoeneß. Die großen Erfolge seiner Familienmitglieder blieben ihm während seiner Zeit als Aktiver dennoch verwehrt.

Machte den Aufsteiger Bayern II zum Sensationsmeister: Sebastian Hoeneß (Foto: Imago Images)

Der Spieler Hoeneß bei der TSG: „Sehr schmerzliche, aber rückblickend auch gute Erfahrungen“

Gemeinsam mit seinem Vater, der als Manager zur Hertha kam, wechselte der gelernte Stürmer 1999 zur Zweitvertretung der Alten Dame. Sieben Jahre lang ging er für die Berliner Reserve auf Torejagd, ehe der Anruf vom damaligen TSG-Trainer Ralf Rangnick kam. In Hoffenheim angekommen lief es für Hoeneß nicht wirklich rund. Zwar schenkte ihm Rangnick trotz anfänglichen Verletzungsproblemen sein Vertrauen, zurückzahlen konnte er es jedoch nicht. „Ich habe es in den Spielen, in denen ich eingesetzt wurde, […] versäumt, entsprechende Leistungen zu zeigen“, resümierte Hoeneß im Interview mit Goal seine Zeit im Kraichgau: „Das waren damals sehr schmerzliche, aber rückblickend auch gute Erfahrungen für mich.“

Nach dem Jahr in Hoffenheim war Hoeneß klar, dass er „mit 25 Jahren nicht zwingend noch eine Karriere als Zweitligaspieler anstreben muss“. Als Kapitän kehrte er zur Hertha-Reserve zurück und übernahm dort wieder eine tragende Rolle. „Der Basti zeigte starke Führungsqualitäten und agierte schon auf dem Platz wie ein Trainer“, erinnerte sich sein langjähriger Mitspieler Karsten Heine im Interview mit dem Magazin 11 Freunde.

2010 war dann nach elf Jahren als Profi Schluss. Dass er dem Fußball treu bleiben würde, war Hoeneß bereits vor seinem Karriereende klar – in welcher Form, wollte er im Jahr danach herausfinden. Dazu hospitierte der damals 28-Jährige, der bereits zuvor seinen ersten Trainerschein erworben hatte, bei Huub Stevens, Thomas Tuchel und Pep Guardiola. Vor allem der heutige ManCity-Coach hinterließ bei Hoeneß einen bleibenden Eindruck: „Ich saß mit ihm zusammen und er hat sich mit mir auf Augenhöhe eine Stunde lang intensiv über Fußball unterhalten. Einfach so, weil er Lust darauf hatte. Das war für mich extrem spannend.“

Als Spieler blieb ihm der Erfolg in Hoffenheim verwehrt: Sebastian Hoeneß (Foto: Imago Images)

Rangnick lockt Hoeneß nach Leipzig: „Kontakt ist nie abgerissen“

Nach seinem „Sabbatical“ war Hoeneß‘ Entschluss endgültig gefasst: Er wurde Trainer der U19 von Hertha Zehlendorf, in deren Jugendteams bereits Nationalspieler wie Christian Ziege, Antonio Rüdiger und die Kovac-Brüder ausgebildet wurden. 2013 kam dann erneut der Anruf von Ralf Rangnick – diesmal aus Leipzig.  „Trotz meiner schwierigen sportlichen Zeit in Hoffenheim, ist der Kontakt zu ihm nie abgerissen. Wir hatten weiterhin ein gutes Verhältnis“, verriet Hoeneß: „Er hat damals Scouts ausgesendet, die ohne mein Wissen beobachtet haben, wie ich trainiere und Spiele leite. Als klar war, dass er in Leipzig versuchen möchte, etwas aufzubauen, hat er gefragt, ob ich eine Mannschaft trainieren möchte.“

Bei Rasenballsport agierte Hoeneß zunächst als Scout, während er parallel die Fußballlehrerausbildung absolvierte, und stellte dabei maßgeblich die U16-Mannschaft zusammen, die er im folgenden Jahr übernehmen sollte. Für einen Titel reichte es mit der U16 sowie der späteren U17 nicht, die Leipziger Verantwortlichen waren dennoch zufrieden. Der ehemalige Stuttgarter und dann Leipziger Nachwuchschef Schrof erinnerte sich: „Er spielte mit beiden Teams immer vorne mit, die Konkurrenz in dieser Staffel ist sehr groß. Sebastian hat in Leipzig klasse Arbeit geleistet und die Spieler toll ausgebildet.“

Uli Hoeneß wollte Engagement in München verhindern

Nach drei Jahren bei den Sachsen brauchte Hoeneß einen Tapetenwechsel: „Die Trainer bei RB wurden vor allem im Spiel gegen den Ball ausgebildet. Das hat mir sehr viel gebracht, aber ich hatte Lust, auch mal die Gegenseite, nämlich das Spiel mit dem Ball, kennenzulernen.“ Und das sollte er bei keinem geringeren als dem deutschen Rekordmeister tun. Sein Onkel Uli war von der Idee jedoch zunächst nicht begeistert und sprach sich dagegen aus. „Er hatte die nachvollziehbare Sorge, dass meine Arbeit nicht objektiv betrachtet wird und immer etwas mitschwingt“, erklärte Hoeneß.

Letztlich war es dem damaligen Jugendleiter Herrmann Gerland zu verdanken, dass Hoeneß die U19 des FC Bayern übernahm. Der „Tiger“ war überzeugt vom Trainertalent, dessen Philosophie jedoch zunächst nicht gerade „Bayern-like“ war. So war sein Spielstil noch sehr von seiner Zeit in Leipzig geprägt. „Das bedeutet, dass seine U19 den Fokus eher auf ein starkes Gegenpressing und Umschaltsituationen legte. In manchen Spielen, insbesondere in jenen, wo sein Team der klare Favorit war, wirkte das in Ballbesitz recht hilflos“, erklärt Justin Kraft – freier Autor bei Miasanrot, Focus und ntv – im Gespräch mit Hoffenews.

Auch in Sachen Talententwicklung lief es trotz einer guten Ausbeute von 2,02 Punkten pro Spiel bei der U19 nicht immer rund. So stagnierten einige Spieler unter Hoeneß und machten nicht den erhofften nächsten Schritt. „Vielleicht lag das auch an einer gewissen Anlaufzeit, die Hoeneß beim neuen Arbeitgeber brauchte“, glaubt Kraft. Entsprechend umstritten war die Beförderung des Fußballlehrer zum Übungsleiter der Bayern-Amateure im vergangenen Sommer. Vor allem einige Anhänger waren nicht gerade glücklich, dass er den Aufstiegstrainer Holger Seitz, der auf eigenen Wunsch in die Führung des Campus rutschte, ersetzte und skandierten: „Großer Name macht noch keinen großen Trainer.“

„Großer Name macht noch keinen Trainer“ – FCB-Anhänger demonstrieren gegen den späteren Meistertrainer Hoeneß (Foto: Imago Images)

„Er selbst hat offenbar auch eine Entwicklung durchgemacht“

Mit seinem neuen Team brauchte Hoeneß etwas, um in der neuen Liga anzukommen und stand zum Ende der Hinrunde zwei Punkte vor den Abstiegsrängen auf Platz 15. Dabei waren es erneut Schwächen im Positions- und Ballbesitzspiel, die seiner Elf Probleme bereiteten, doch das sollte sich zur Rückrunde ändern. So schaffte er es, sein Team zu stabilisieren, formte aus dem Aufsteiger einen Drittliga-Meister und ließ seine Kritiker weitgehend verstummen. „Das liegt nicht nur daran, dass die Amateure in der 3. Liga sensationell Meister wurden, sondern er selbst offenbar auch eine Entwicklung durchgemacht hat“, betont Kraft und macht dabei den 19-Jährigen Angelo Stiller, der ab dem 21. Spieltag als Sechser die Schaltzentrale des Münchner Spiels bildete, als Schlüssel aus: „Plötzlich hatte das Bayern-Spiel mehr Struktur und man konnte auch in der Favoritenrolle gute Leistungen zeigen.“

Nach acht Jahren als Trainer im Jugendbereich und einem Jahr im Profi-Bereich übernimmt Hoeneß nun seine bisher größte Aufgabe. „Ich bin immer gut damit gefahren, einfach meinen Weg zu gehen und keine zu großen Schritte zu machen“, betonte er zuletzt im Bayrischen Rundfunk. Mit dem Schritt nach Hoffenheim geht er nun jedoch ins Risiko und wagt sofort den Sprung aus der Drittklassigkeit in die Europa League. Einen besseren Klub als die TSG könnte es für den Trainer des Jahres der 3. Liga dafür zum jetzigen Zeitpunkt wohl nicht geben.

So lässt sich Hoeneß‘ Spielidee, die unter anderem starke Parallelen zu der des Gladbach-Trainers Marco Rose aufweist, nicht anders als mit dem geforderten „TSG-Style“ beschreiben. „Die grundsätzliche Philosophie des Klubs ist identisch mit meiner Idee von Fußball – offensiv, mutig, flexibel und immer aktiv“, erklärte Hoeneß nach seiner Vertragsunterschrift und erhielt dabei Zustimmung von Alexander Rosen, der den neuen Trainer als seine „Wunschlösung“ bezeichnete. Hoeneß habe „eindrucksvoll bewiesen, junge Spieler zu einer leistungsstarken Einheit formen und individuell weiterentwickeln zu können. Dabei hat er einen offensiven Ansatz gewählt, der nicht nur attraktiv, sondern auch außerordentlich erfolgreich war“, erklärte der Direktor Profifußball. Nun liegt es am neuen TSG-Trainer, seine bisherigen Erfolge auf der großen Bühne zu bestätigen.

 

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Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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Louis Loeser
Louis ist seit August 2019 Teil von Hoffenews und als Chefredakteur für die redaktionellen Inhalte von hoffenews.de sowie den Social-Media-Auftritt zuständig. Als Werkstudent schreibt er zudem für das Onlineportal Goal.com (Teil von DAZN) und begleitet als Blinden- und Fanradioreporter die Spiele des SV Sandhausen.

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