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„95 Prozent werden gegen die TSG nicht reichen“ – Gegnerinterview vor dem Duell gegen den BVB

34. Spieltag in der Bundesliga: Die TSG Hoffenheim ist zu Gast bei Borussia Dortmund und könnte mit ein wenig Hilfe des FC Bayern, der in Wolfsburg ran muss, noch auf den sechsten Tabellenplatz springen und somit die direkte Qualifikation für die Europa League klarmachen. Vor dem Duell mit dem BVB haben wir mit Julius Eid (Twitter: @Juliuswithe), Host der Podcasts BuLiSpecial und BVBeben und Redaktuer bei neunzigplus.de, gesprochen. Er blickte mit uns auf die Saison der Schwarz-Gelben zurück und erklärte, warum man Trainer Lucien „Lulu“ Favre einfach sympatisch finden muss. Zudem sprachen wir über die spezielle Beziehung zwischen Dortmund und der TSG und überlegten, was es bräuchte, um den andauernden Konflikt zwischen den Gelben Wand und Dietmar Hopp zu deeskalieren.

Hoffenews: Julius, vor der Saison gab BVB-Boss Hans-Joachim Watzke die Meisterschaft als Ziel aus. Fast ein Jahr später feiern die Bayern den achten Titel in Folge. Bist du dennoch zufrieden mit der Dortmunder Saison?

Julius Eid: Am Ende bin ich mit der Punkteausbeute und dem zweiten Tabellenplatz nicht auf dem Kriegsfuß und nicht enttäuscht. Man muss allerdings festhalten, dass die Hinrunde einfach nicht besonders gut war, erst im Winter hat sich die Mannschaft wirklich gefunden und auch transfertechnisch hat man gute Entscheidungen getroffen. Die Meisterschaft gewinnen zu wollen, das wünsche ich mir von diesem Verein. Meister zu werden ist dennoch nicht besonders einfach in dieser Liga und auf die Art und Weise, in der man sich in der Rückrunde zeigte, kein Beinbruch, geschweige denn Ärgernis. Am Ende überwiegt ja meist der frische Eindruck, und der ist in dieser Rückrunde sehr gut.

Hoffenews: In dieser Spielzeit ließ man erneut bei vermeintlich kleinen Teams wie Union Berlin, Werder Bremen, dem SC Paderborn oder Mainz 05 liegen. Liegt das an der fehlenden Erfahrung des jungen Teams?

Julius: Fehlende Erfahrung, Siegermentalität, eine schlechte Tagesform, man könnte ewig so weitermachen und wüsste am Ende doch nicht genau, warum man sich gerade in diesen Partien schwergetan hat. Gerade gegen Topmannschaften wie Leipzig hat sich Dortmund in dieser Saison über weite Strecken herausragend präsentiert, man hat mit diesem Team Inter Mailand und PSG geschlagen. Ob da Erfahrung weniger nötig war? Das wäre ein Urteil was mir schwerfiele. Fest steht, dass Dortmund immer wieder Ausreißer nach unten hat. Und in der Bundesliga ist jede Mannschaft gut genug, um einen schlechten Tag des Gegners zu bestrafen. Konstanz muss her, mit oder ohne Erfahrung.

Hoffenews: Zuletzt entfachte erneut die ewige Diskussion, ob die Bayern der Liga enteilt sind. Was bräuchte es deiner Meinung nach, damit der BVB in naher Zukunft wieder die Deutsche Meisterschaft nach Dortmund holen kann?

Julius: Provokativ gesagt bräuchte es finanziell gesehen so ungefähr das Doppelte von dem, was man jetzt hat. Aber Spaß beiseite, der Abstand vom BVB und den Münchnern ist tabellarisch und sportlich ja gar nicht so groß wie bei den Finanzen. Dortmund ist vom Kader her gut aufgestellt, auch für die nächste Saison. Leider werden die Bayern wohl nochmal nachlegen auf dem Transfermarkt und haben nach unsteten Zeiten auf der Trainerbank wohl ein neues Glück gefunden. Bayern wird nie nicht Favorit auf den Titel sein. Aber Dortmund kann den Anschluss halten, ein wenig mehr Konstanz bieten und dann vor allem in den direkten Duellen die Meisterschaft entscheiden. Ich hoffe, dass diese Duelle dann auch mal für uns ausgehen. Gerade in München…

Auswärts in Dortmund am letzten Spieltag: Sejad Salihovic schießt die TSG 2013 gegen den BVB in die Relegation (Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Hoffenews: Trainer Lucien Favre steht immer wieder in der Kritik. Vor allem seine zurückhaltende Zielsetzung wird häufig angeprangert. Was hältst du von dem Schweizer?

Julius: Ich halte Lucien Favre für einen guten Trainer. Mir ringt es Respekt ab, wie er aus jeder Schwächephase seiner Amtszeit gelernt hat und bereit war immer wieder nötige Veränderungen vorzunehmen, die dann auch zu Verbesserungen führten. Favre ist jetzt zwei Jahre bei Dortmund und in der Rückrunde haben wir den wohl besten BVB seiner Amtszeit gesehen. Das ist eine positive Entwicklung, die noch nicht einmal beendet ist. Ich würde mir sehr wünschen, dass er diese Entwicklung auch weiter begleiten darf. Und wer „Lulu“ als Menschen nicht auf eine verschrobene Art sympathisch findet, hat eh kein Herz.

Hoffenews: Nach dem Saisonende wird Mario Götze den BVB zum zweiten Mal verlassen. Wieso fand er nach seiner Rückkehr im Jahr 2016 nie wirklich zu alter Stärke zurück und bei welchem Klub würdest du ihn gerne in Zukunft sehen?

Julius: Am Anfang stand Mario Götze, das riesige Talent. Und dann folgt eine Geschichte aus enorm vielen mentalen und körperlichen Faktoren, die wohl dafür gesorgt haben, dass das Versprechen nie wirklich eingelöst wurde. Ich war tatsächlich am Boden zerstört, als Götze ging und ich war erfreut als er zurückkehrte. Denn ich habe gehofft wieder das auf dem Platz zu sehen, was wir schon einmal gesehen hatten. Das war vielleicht auch etwas vermessen, und erfüllte sich nicht. Am Ende muss man festhalten, und dass sollten sich sowohl Götze-Gegner als auch -Fans in die Erinnerung rufen: Mario Götze hat in seiner zweiten Zeit in Dortmund so wenig regelmäßig gespielt, das eine Mutmaßung über seine aktuelle Qualität immer eine solche bleiben wird.

Ich hoffe allerdings, dass sich dies ändert und Götze tatsächlich seine Fähigkeiten wieder präsentieren kann. Ein Klub, der bereit ist sein System an ihm auszurichten wäre dafür die beste Wahl, dann könnte eine ähnliche Geschichte entstehen wie mit Max Kruse und Werder, deshalb hoffe ich auch er entscheidet nicht nur nach Name und Größe. Vielleicht ist Hertha BSC ja tatsächlich eine gute Wahl.

Hoffenews: Nach der 0:2-Niederlage gegen Mainz warfen einige Experten Dortmund Wettbewerbsverzerrung vor, gegen Leipzig zeigte man sich dann wieder von seiner guten Seite. Ist dennoch ein Spannungsabfall zu erkennen?

Julius: Gegen Mainz hat man einen „Spannungsabfall“ gesehen, das ist nicht zu bestreiten. Mainz hat allerdings auch alles reingeworfen, um den Klassenerhalt gekämpft und sich diese Punkte ohne Dortmunder Unterstützung verdient. Der Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung ist alleine als Ausdruck von (verständlicher) Enttäuschung anderer Fanlager zu verstehen, bleibt aber dennoch absurd. Generell habe ich sogar Verständnis für einen schlechten Auftritt, wenn man in einem engen Spielplan, ohne große Rotationsmöglichkeiten, auf einen bissigen Gegner trifft. Will ich eine solche Leistung als Fan sehen? Nein, natürlich nicht. Aber ich verstehe es.

Am letzten Spieltag gegen den BVB: Die TSG qualifiziert sich erstmals für die Champions League (Foto: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images)

Hoffenews: Dortmund hat den zweiten Platz bereits sicher. Könnte das der TSG am Samstag zugutekommen?

Julius: Ja, das könnte es. Nach dem, übrigens wirklich starkem, Sieg gegen Leipzig ist nun wirklich alles in trockenen Tüchern. Dazu die schon eben angesprochene Personal- und Spielplansituation und eben auch endlich das Ende einer Corona-geplagten Spielzeit vor leeren Stadien. Ob da wirklich 100 Prozent gebracht werden, vermag ich nicht zu sagen. Und 95 Prozent werden gegen die TSG nicht reichen. Meine Hoffnung liegt allerdings darin, dass ein versöhnlicher Saisonabschluss und das erneut harsche Echo auf die Niederlage gegen Mainz Anlass genug sind sich noch einmal zu motivieren. So kann man viele hitzige und schnell aufkochende Diskussionen im Umfeld vermeiden. Das würde mir gefallen.

Hoffenews: Das Verhältnis zwischen der Dortmunder Fanszene und TSG-Mäzen Dietmar Hopp ist kein gutes. Vor der Corona-Pause verhing der DFB gegen den BVB eine zweijährige Blocksperre in Sinsheim, nachdem es im Hinspiel erneut zu Anfeindungen gegen den Hoffenheimer Geldgeber kam. Was ist deiner Meinung nach notwendig, damit sich die Situation entspannt?

Julius: Die Dortmunder Fans haben ja einen Grund für die Proteste an sich, das erstmal vorweg. Es kann natürlich sein, dass manche diesen nicht teilen, aber es gibt diesen Grund. Dass dieser Protest in seiner Form immer weiter in einen persönlichen Zwist zwischen Fans und Hopp eskalierte, liegt auch daran, dass Dietmar Hopp eben nicht bereit ist, überhaupt über diesen Grund zu sprechen. Diese komplette Verweigerung einer Diskussion sorgt für Frust und das Gefühl, dass man sich anders ausdrücken muss, um gehört zu werden. Das soll natürlich auch keine Generalvollmacht für Schmähungen sein, ist aber ein Punkt, der immanent wichtig für die Antwort auf diese Frage ist. Dialoge und Kommunikationsplattformen auf denen Fans sich ernstgenommen fühlen, das Gefühl auch gehört zu werden, wenn man nicht schreit, das kann deeskalierend wirken. Wenn man Respekt einfordert, sollte man auch bereit sein die andere Seite zu respektieren. Der Streitpunkt an sich wird nicht verschwinden, aber der Umgangston kann so eventuell ein wenig geändert werden.

Hoffenews: Das Duell Hoffenheim gegen Dortmund gab es schon zweimal am letzten Spieltag. Beim ersten Mal rettete sich die TSG in die Relegation, beim zweiten Mal feierte sie den Einzug in die Champions League. Welche Erinnerungen verbindest du mit den bisherigen Partien zwischen den beiden Klubs?

Julius: Genau die von euch Genannten. Nur deutlich weniger positiv konnotiert.

Hoffenews: Was erwartest du von der Partie und wie lautet dein Tipp?

Julius: Ich hoffe wirklich, eine motivierte Dortmunder Mannschaft zu sehen. Sollte das so sein, wird Dortmund die TSG 3:1 schlagen. Sollte das nicht so sein, möchte ich gerne an dieser Stelle schon gratulieren.

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